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Eine Frau für alle Fälle

Die ohnehin viel beschäftigte sächsische Linke-Politikerin Susanne Schaper kämpft derzeit auch noch um den OB-Posten in Chemnitz

  • Von Hendrik Lasch, Chemnitz
  • Lesedauer: 9 Min.

Mit Hund macht der Wahlkampf noch mehr Spaß. In der Chemnitzer Buchhandlung Universitas wird Susanne Schaper zwischen Büchertischen von Jack-Russel-Terrier Fred begeistert begrüßt. Hätte es bei diesem Termin im »Graswurzel-Wahlkampf«, bei dem die Politikerin jenseits großer Podien und Plätze eher einzelne Firmen, Initiativen und Engagierte besucht, eines Türöffners bedurft: Fred hätte die Aufgabe übernommen, und Schaper hätte sich auch ohne Sofa und Kaffee in dem Buchladen sofort wie zu Hause gefühlt. Dort, erklärt sie der Ladeninhaberin Wenke Helmboldt, gebe es neben drei Kindern sogar vier Hunde - »mit zusammen 15 Beinen«. Eines ihrer Tiere hat unfallbedingt nur drei.

Einen anderen der Schaper’schen Hunde kennen seit einigen Wochen auch die Chemnitzer Bürger. Sie können an diesem Sonntag einen neuen Oberbürgermeister wählen, und Schaper, die sich für die Linkspartei um die Nachfolge der nach 14 Jahren nicht mehr kandidierenden SPD-Frau Barbara Ludwig bewirbt, zeigt sich auf einer ihrer Werbeflächen mit Dalmatiner-Rüde Harry. Dass gerade er es auf das Plakat schaffte, liegt am schwarz-weiß gemusterten Fell. »Er ist der fotogenste von allen«, sagt die Politikerin. Dass sie sich mit Hund in Szene setzen ließ, soll eine ihrer hervorstechenden Eigenschaften illustrieren: Sie sei »bodenständig«, besagt der Slogan unter dem Bild.

Wahlkampf mit Tierbildern: Das hinterlässt, wie auch Politikerkampagnen mit Kinderfotos, bei manchem einen zwiespältigen Eindruck. Im konkreten Fall aber erzählt die Geschichte, wie Schaper zu vier Hunden mit 15 Beinen kam, viel über die Politikerin - und nebenbei auch über die Fraktion im Landtag, der sie seit 2014 angehört. Als dort bekannt wurde, dass sie einen Hund hat, wurde ihr umgehend die Zuständigkeit für den Tierschutz übertragen. Der galt zuvor bei den Genossen als Orchideenthema. Schaper freilich neigt dazu, sich in jeden Job, den sie übernimmt, mit Eifer und Ernsthaftigkeit hineinzuknien. Also besuchte sie alle sächsischen Tierheime. Manche von deren Insassen suchte sie im privaten Kreis an neue Besitzer zu vermitteln, ungeachtet körperlicher Schwächen wie eines fehlenden Beins. In drei Fällen ruhte die letzte Hoffnung auf Schaper selbst. Sie erbarmte sich. »Ich habe«, sagt die 42-Jährige, »eben eine Nein-Schwäche«: Das Wort komme ihr nur schwer über die Lippen.

Das scheint auch für andere Lebensbereiche zu gelten. Schaper, die zunächst jahrelang als Krankenschwester gearbeitet, daneben ein Diplom im Pflegebereich erworben und OP-Schwestern ausgebildet hatte, ist seit ihrem Wechsel in die Politik so etwas wie eine Frau für alle Fälle in der sächsischen Linken geworden. In der Fraktion vertritt sie als Sprecherin das Fachgebiet Sozialpolitik. Das gilt seit jeher als ein »Markenkern« der Partei. Nach der Niederlage bei der Landtagswahl 2019, als die Linke im Freistaat von 18,9 auf 10,4 Prozent stürzte, beschloss man, sich noch stärker auf derlei originäre Themen zu konzentrieren - was noch mehr Verantwortung für die zuständige Fachpolitikerin bedeutet. Ihr Feld ist sehr weit: Gesundheit, Pflege, Renten, Sozialleistungen. Unter 116 kleinen Anfragen, die sie seit September 2019 gestellt hat, sind solche zu Sozialbestattungen, dem Krankenstand in Ministerien oder zu »natürlichen Feinden der Zecke«. Die Corona-Krise hat die Akzente noch einmal verschoben und für mehr Arbeit gesorgt - auch im Sozialausschuss des Landtages. Er ist der einzige der elf Parlamentsausschüsse, dessen Vorsitz die Linke übernehmen durfte. Sie besetzte das Amt - mit Schaper.

Und nicht nur im Parlament ist die Chemnitzerin eine viel beschäftigte Frau. Im Landesverband ihrer Partei spülten die Nachwehen des Wahldebakels sie an die Spitze: Seit November 2019 ist sie Vorsitzende, zusammen mit dem Leipziger Stefan Hartmann. Sie habe sich nicht nach dem Amt gedrängt, sagte sie auf dem Wahlparteitag: Hätte man sie vor der Landtagswahl gefragt, »hätte ich verneint«. In den Turbulenzen, die folgten - mit Resignation, Ratlosigkeit und Rücktrittsforderungen -, ließ sie sich überreden. Sie ist nun Teil einer Doppelspitze, mit der versucht wird, die notorisch tiefen Gräben zwischen verschiedenen Lagern, Strömungen und Gruppierungen in der sächsischen Landespartei zu überbrücken.

Zehn Monate später resümiert Schaper, dass die Arbeitsteilung mit ihrem Kompagnon erstaunlich gut klappe. Sie selbst gilt als zuständig für den Basiskontakt. Zwar kündigte sie schon im November an, eine »sanftmütige Vermittlerin« sei sie wahrlich nicht. Mit ihrer direkten, unverblümten, oft burschikosen Art hat sie aber das Zeug, Mitglieder zu ermutigen und anzustacheln. Hartmann gilt derweil als theoretischer Kopf. Wichtiger ist die politische Balance in dem Duo: Schaper vertritt dort die Parteilinke und eher traditionalistischen Strömungen, Hartmann ist Repräsentant des Reformerflügels und der sogenannten Regierungslinken.

Wobei derlei Zuschreibungen wie stets zu schablonenhaft sind. Schaper, die seit 2009 im Chemnitzer Stadtrat sitzt, hat dort fünf Jahre lang unter Beweis gestellt, dass sie zu regieren gewillt und fähig ist: als Fraktionschefin der Linken in einem informellen Ratsbündnis mit SPD und Grünen. Die Kooperation habe sehr viele Absprachen, strategisches Geschick und hohe Kompromissbereitschaft verlangt, sagt sie im Rückblick; zudem sei die interne Abstimmung »unfassbar zeitaufwändig« gewesen. Dennoch hielt das Bündnis, bis sich mit der Kommunalwahl im Mai 2019 die Mehrheiten verschoben. Jetzt ist Schaper noch immer Chefin der elfköpfigen Fraktion; für eine linke Mehrheit reicht es im Rat aber nicht mehr.

Auch bei der OB-Wahl kam es nicht zu einer gemeinsamen Kandidatur des bisherigen Mitte-Links-Lagers - die viel Charme gehabt hätte, sagt Schaper. Entsprechende Überlegungen waren hinfällig, als nach der überraschenden Rücktrittsankündigung der 58-jährigen Amtsinhaberin ihr Parteifreund Sven Schulze, derzeit Kämmerer im Rathaus, vorpreschte und seine Kandidatur für die ursprünglich für Juni angesetzte, wegen Corona aber auf Sonntag verschobene Wahl ankündigte. Damit war klar, dass auch Grüne und Linke eigene Bewerber aufstellen mussten. Für die Grünen kandidiert Volkmar Zschocke, einstiger Fraktionschef im Landtag. Die Linke schickt einmal mehr ihre Frau für alle Fälle ins Feuer: Susanne Schaper.

Diese stürzt sich mit dem gewohnten Eifer in diese Aufgabe, die den Kandidaten freilich viel abverlangt. Über Wochen hinweg sehen sich die neun Bewerber, unter denen mit CDU-Politikerin Almut Patt nur eine weitere Frau ist, fast täglich auf irgendeinem Podium: bei Verbänden, in Stadtteilen, der Lokalpresse. Sie träfen sich untereinander öfter als mit ihren Familien, wird gescherzt. Dazu kommen große Wahlveranstaltungen, Infostände und Interviews. Plakatmotive müssen abgestimmt, Slogans für Kampagnen in sozialen Netzwerken ausgewählt, Radiospots aufgezeichnet werden. Der Wahlkampf sei »eine echte Ochsentour«, sagt Schaper. Falls, wie zu erwarten, am Sonntag keiner der neun Bewerber die absolute Mehrheit erzielt, geht er noch drei Wochen länger: Die Entscheidung fällt dann erst am 11. Oktober.

Wer Schaper begleitet, gewinnt den Eindruck, dass ihr der »Graswurzelwahlkampf« am besten liegt: keine großen Reden, dafür ein direkter Draht zu Bürgern, unmittelbare Problembeschreibungen, schnelle Lösungsversuche. Sie schätze an der Kommunalpolitik die »Lebens- und Bürgernähe«, sagt Schaper; außerdem sei die Kenntnis der Probleme in Kommunen »extrem hilfreich, um gute Landespolitik zu machen«. Das zeigt sich in der Buchhandlung Universitas. Die ist mehrfach ausgezeichnet; die aktuelle wirtschaftliche Lage beschreibt ihre Inhaberin Wenke Helmboldt aber, indem sie einen Finger an die Unterkante der Oberlippe legt: So hoch steht das Wasser. Ein großes Problem ist der durch Corona verursachte »Ruhemodus« der Universität und fehlendes Leben auf dem abseits der Innenstadt gelegenen Campus. Aber auch die Vergabepolitik in Sachsen spielt eine Rolle, die niedrige Preise noch immer als oberstes Kriterium für einen Zuschlag definiert. Die Städtische Bibliothek habe deshalb zuletzt eine Großbestellung an einen großen überregionalen statt an lokale Händler gegeben - wegen einiger Cent, die beim Etikett auf dem Buchrücken und der Folie darüber gespart werden. Ändere sich das nicht, »werden einheimische Geschäfte immer weiter verdrängt«, sagt Helmboldt. Schaper sagt zu, sich für Besserung einzusetzen; allerdings ist ihre Fraktion mit einem eigenen Vergabegesetz in der vorigen Wahlperiode im Landtag gescheitert. Auch die Stadt habe Steuerungsmöglichkeiten, etwa mit der Vergabe kleinerer Lose. So kämen lokale Händler besser zum Zug. Die Kandidatin lässt ihre Mitarbeiterin eine Notiz machen - und trägt derweil einen Stapel Bücher an die Kasse: Wahlkampf als Wirtschaftsförderung.

Bei Dirk Neumann kauft sie nichts. Er ist Chef eines Unternehmens, das größter Anbieter von Rehamaßnahmen und Physiotherapie in Chemnitz ist; mit 340 Mitarbeitern und einem eigenen Betriebskindergarten. Auch Neumann stöhnt über die Vergabepolitik im Freistaat, die dazu führte, dass beim Bau der Kita Baufirmen ausgewählt werden mussten, die später schludrig arbeiteten und Zeitverzug sowie Mehrkosten verursachten. Weil aber am Sonntag nicht der Regierungschef im Land, sondern die erste Frau oder der erste Mann für die Stadtverwaltung gewählt werden, äußert er einige Wünsche für diese Position. Die Ämter sollten sich »weniger als Selbstzweck verstehen, sondern für die Bürger da sein«, sagt er. Kritische Anmerkungen von diesen dürften nicht zu einer Verweigerungshaltung und »Beißreflexen« führen. Die Kandidatin stimmt zu: Die Stadtverwaltung, sagt Schaper, brauche »eine bessere Fehlerkultur« - eines der Vorhaben, die sie angehen würde, sollte sie gewählt werden.

Es ist nicht die einzige Übereinstimmung zwischen dem Unternehmer und der linken Politikerin - obwohl beide keine natürlichen Alliierten sind. »Unternehmertum und Kommunismus gehen ja nicht so Hand in Hand«, scherzt Neumann; Schaper merkt ironisch an, Leute wie er seien diejenigen, »die wir enteignen wollen«. Dennoch gibt es eine Affinität auch jenseits gesundheitspolitischer Fragen. Die Gesellschaft »lebt auch von den Ideen der Linken«, sagt der Firmenchef. Die Politikerin wiederum bekennt freimütig, dass sie in Unternehmerkreisen viele Erkenntnisse für ihre Politik gewinne - auch wenn ihre politischen Überzeugungen dort nicht immer populär sind. Es sei aber »lehrreich, auch dahin zu gehen, wo es weh tut«, sagt Schaper - was in ihrer Partei freilich immer seltener gepflegt werde. Die »Vernetzung« in unterschiedlichste Milieus sei »das Kapital« von PDS und Linkspartei gewesen, gerade im Osten. Inzwischen sei einiges an »Lebensnähe« abhanden gekommen. Die Folgen ließen sich nach der Kommunal- und der Landtagswahl 2019 in Sachsen in konkrete Zahlen fassen.

Inzwischen, so Schapers Eindruck nach vielen Bürgerforen und Infoständen, gebe es wieder mehr Aufgeschlossenheit für die Linke. Ob sich das am Sonntag im Wahlergebnis niederschlägt, bleibt abzuwarten. Chemnitz ist für PDS und Linke bei Rathauswahlen nie ein gutes Pflaster gewesen. 2013 brachte es Miko Runkel, heute Bürgermeister für Recht und Sicherheit, auf 15 Prozent; 2006 landete Karl-Friedrich Zais, der drei Jahre später in einem Chemnitzer Wahlbezirk ein Direktmandat für den Landtag errang, bei 17 Prozent; 2001 war Heiko Schinkitz gar nur auf zwölf Prozent gekommen. Auch Schaper gilt nicht als Favoritin. Eine Umfrage der lokalen »Freien Presse« sieht Patt bei 28 und Schulze bei 26 Prozent; die Kandidatin der Linken wird noch hinter AfD-Bewerber Ulrich Oehme mit 14 Prozent auf Platz 4 geführt.

Schaper hält die Zahl für zu niedrig und ist optimistisch, dass sie am Sonntag ein besseres Ergebnis verbuchen kann. Dennoch wird sie regelmäßig mit taktischen Fragen konfrontiert: Würde sie gegebenenfalls zurückziehen, und wenn ja, zu wessen Gunsten? Die Sympathien für SPD-Bewerber Schulze litten spätestens, als dieser bei einem Podium der Lokalzeitung auf die Blitzfrage »Linksbündnis oder Große Koalition« für letzteres plädierte. Ohnehin gilt der Kämmerer eher als nüchterner Verwalter denn als Mann mit Visionen. Gleichzeitig gibt es wenig Interesse daran, dass die CDU in der jenseits von Berlin drittgrößten Stadt Ostdeutschlands, deren oberster Rathausposten seit 1993 in SPD-Hand war, einen Prestigeerfolg erzielt. Schaper und ihre Mitstreiter müssen sich gegebenenfalls nächste Woche entscheiden. Bis dahin wird gekämpft - auch mit Hund.

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