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Nicht ohne Termin zum Hausarzt

Praxisorganisation wird in Corona-Zeiten wichtiger / Mediziner wollen weniger bürokratische Auflagen

Ständig schwankende behördliche Vorgaben, nach Bundesländern oder gar Gesundheitsämtern variierend, fehlendes Schutzmaterial, unzuverlässige IT, wegbleibende Patienten und solche, die wegen Atemwegsinfekten gesondert behandelt und zur Testung auf Sars-CoV-2 umgeleitet werden müssen - das sind einige der Erfahrungen, mit denen die Hausärzte im letzten halben Jahr klar kommen mussten. Der in dieser Woche in Berlin stattfindende Hausärztetag sollte eigentlich vor allem dem Rückblick auf das bald 60-jährige Bestehen ihres Berufsverbandes dienen, mit Corona kam es jedoch anders.

Aktuell zeigt sich die Arztgruppe überzeugt, die Herausforderungen der Pandemie bisher ganz gut bewältigt zu haben. Ulrich Weigeldt, Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbandes, verweist darauf, dass in den Krankenhäusern Betten, die für schwer an Covid-19-Erkrankte frei gehalten werden, leer stünden. Die Allgemeinmediziner hätten einen wichtigen Anteil daran, dass diese Reserve noch nicht gebraucht wurde.

Hilfreich dabei war die Möglichkeit, dass Patienten bei Atemwegsinfekten nicht in die Praxis mussten und per Telefon eine Krankschreibung erhalten konnten. Das hat sich aus Weigeldts Sicht bewährt. Untersuchungen von Krankenkassen hätten keine Anhaltspunkte für einen Missbrauch gezeigt. Hinzu komme, dass die Hausärzte die meisten ihrer Patienten kennen würden, oft schon über Jahre. Insofern plädiert ihr Verband dafür, die telefonische Krankschreibung unter bestimmten Bedingungen dauerhaft auch für andere Infekte als Covid-19 und insbesondere saisonal zuzulassen.

Damit zusammen hängt eine Aufgabe, die sich mit Beginn der Erkältungs- und Grippesaison für alle Hausarztpraxen stellt: Wie kann es gelingen, Patienten mit Atemwegsinfekten von den anderen zu trennen? Räumlich, etwa über verschiedene Ein- und Ausgänge, dürfte das kaum überall möglich sein. Während im Sommer Patienten in manchen Fällen auch an der frischen Luft warten konnten, ist das bald nicht mehr zumutbar. Hier hoffen die Hausärzte vor allem darauf, dass sie individuell je nach den örtlichen Gegebenheiten entscheiden können. »Ja, wir brauchen Infektsprechstunden«, erklärt Anke Richter-Scheer vom Hausärzteverband. Diese könnten auch von Einzelpraxen eingerichtet werden.

Die Internistin aus Bad Oeynhausen fand die sogenannten Behandlungszentren, in denen Patienten getestet und eventuell noch mit einer Krankschreibung versorgt wurden, zwar zu Anfang der Pandemie gut. »Die Fragen der Patienten konnten dort aber nicht beantwortet werden, ihre Versorgung muss weiter in der Hand der Hausärzte bleiben.«

Lernen müssten auch die Patienten. Die Gewohnheit mancher aus den Zeiten vor Corona, bei einer heraufziehenden Erkältung einfach in die Arztpraxis zu gehen, scheint nun obsolet. Schon seit Monaten heißt es per Aushang meist: Wer Atemwegssymptome hat, solle die Praxis gar nicht erst betreten, sondern anrufen. Unangemeldet zum Hausarzt zu kommen, geht auch deshalb nicht mehr, weil in dem Moment ja gerade einige Infektsprechstunde durchgeführt werden könnte. Viele Praxen seien zur Terminabsprache auch schon per Mail erreichbar, erklärt Richter-Scheer ergänzend.

Telefon oder Mail, die Frage tangiert ein Thema, mit dem sich viele Praxen niedergelassener Ärzte seit langem herumplagen. Es geht um die IT-Infrastruktur, die diesen zur Abrechnung mit den Kassen vorgeschrieben ist, die aber noch immer nicht pannenfrei läuft. »Meine Mitarbeiterinnen fangen früh halb sieben an zu arbeiten. Sie fahren den Server und die Geräte an den Arbeitsplätzen hoch, aber dann, zehn vor sieben, soll die Chipkarte des ersten Patienten eingelesen werden, und das funktioniert nicht. In dem Fall muss die Technik wieder heruntergefahren und neu gestartet werden. Das ist bei uns etwa dreimal an fünf Wochentagen passiert, das dauert jeweils 15 bis 20 Minuten«, beschreibt Richter-Scheer.

Ihr Verbandskollege Weigeldt kritisiert zum wiederholten Mal, dass die Arztpraxen den Kassen hier schon lange viel Arbeit abnehmen - weil sie die Veränderung von Versichertenstammdaten eintragen müssen. Und jetzt auch im Fall der elektronisch übermittelten Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung: Während zuvor ein Papierdurchschlag von den Patienten an ihre Kassen weitergeleitet wurde, soll das jetzt die Arztpraxis regeln, »egal ob die Elektronik funktioniert oder nicht«, ergänzt Weigeldt sarkastisch. Aus seiner Sicht könnten die Ärzte ohne gesetzlichen Druck und einheitlicher Vorgaben sehr gut mit IT umgehen, wie es ihre Vernetzung etwa in Baden-Württemberg zeige. Das funktioniere dort seit 12 Jahren »ruhig«, ohne vorgegebene Lösungen einer pannenanfälligen Infrastruktur.

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