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Der Zukunft so fern

Corona lehrt uns: Das Ausharren in der Gegenwart gehört der Vergangenheit an

Von Björn Hayer

Politik bedeutete in den letzten Jahren vor allem Management: Moderieren, Reagieren, die Gesellschaft verwalten, ganz nach spröder »merkelistischer« Fasson. Solange die Wirtschaft florierte und der Wohlstand wuchs, Kriege woanders stattfanden, war alles easy-peasy. Wenn uns Corona nunmehr eines gelehrt hat, dann dass die Zeit des Herumwurstelns und Zögerns, des kleinteiligen Hier-und-da-eine-Schraube-im-System-Drehens passé ist.

Das Virus hat uns nicht nur die Fragilität des westlichen Schlaraffenlands vor Augen geführt, sondern zwingt uns nach dem Lockdown mehr denn je zu einem Nachdenken über die Zukunft unseres Zusammenlebens. Nicht zuletzt um die hehren Herausforderungen unserer Epoche zu bewältigen, die nicht wenige Regierungen lange vor sich hergeschoben oder verdrängt haben, bedarf es echter und umfassender Reformen. Wer sich den Menschheitsaufgaben des Klimawandels oder den weltweiten Migrationsbewegungen stellt, braucht Visionen, gern auch waghalsige, radikale Entwürfe, über die es sich zu streiten lohnt. Die 20er Jahre sollten daher das Jahrzehnt der Utopien werden.

Nur wie finden wir sie? Zugegeben, deren klassische Ausprägungen, wie sie infolge von Thomas Morus’ Roman »Utopia« (1516) entstanden - perfekte Gesellschaften in fernen Südsee-Paradiesen oder später auch auf anderen Planeten - werden uns nicht weiterbringen. Förderliche Ansätze liefern schon eher moderne Theorien. Denker wie Gustav Landauer, Karl Mannheim und Ernst Bloch begriffen seit der frühen Moderne die Vorstellung vom erstrebenswerten Nicht-Ort weniger als eine fest gezimmerte Größe oder als ein am Reißbrett und im luftleeren Raum entstandenes Modell. Für diese Autoren waren utopische Ideen eine Bewegung, eine stetige Überwindung eines unbefriedigenden Status quo. Denn die Suche nach einer besseren Welt beginnt immer mit dem Mangel.

Erst die Krise als der eigentliche Nährboden utopischen Denkens vermittelt uns Fehler im System und veranlasst uns dazu, Alternativen zu entwickeln. Für Ernst Bloch entspringen diese mitunter aus in der Vergangenheit unvollendet gebliebenen Projekten. Eine zweite, weitaus charmantere Option seiner Philosophie stützt sich auf Künstler*innen. Wie kein anderer sei er dazu in der Lage, das noch unklare Bild von morgen in seinen Werken aufschimmern zu lassen. Er ist zum »Vor-Schein« begabt.

Schenkt man diesen sicherlich etwas romantischen Ideen Glauben, so sollten wir heutzutage nicht so sehr auf Thinktanks setzen, sondern Autoren, Maler*innen und Musiker*innen den Vorzug geben. Nach dem Abschied der Intellektuellen aus dem politischen Diskurs, in dem sie zunehmend Inhalte durch PR-Slogans zu ersetzen gelernt haben, wäre künstlerische Kreativität gerade dringend vonnöten. Denn wie könnte eine Post-Corona-Gesellschaft aussehen?

Entwürfe gibt es inzwischen genug. Man denke etwa an die von Friedrich von Borries und Benjamin Kasten vorgelegten Skizzen einer organischen Stadt. Kurze Wege, wenig Autos, reichlich Raum für Kommunikation, Partizipation und Durchmischung unterschiedlicher Schichten. Man denke an eine vegane Lebenskultur, wie sie von dem Künstler Hartmut Kiewert in Ölgemälden über eine leidfreie Koexistenz von Mensch und Tier ersichtlich und von Theoretiker*innen wie Donna Haraway oder jüngst Bernd Ladwig flankiert wird. Man denke an ein in Herz und Geist vereintes Europa als Muster für eine Weltordnung des Friedens. Der Autor Simon Strauß hat mit seinem Verein Arbeit an Europa entsprechende Gedanken entwickelt.

Oder noch größer: Man denke an Immanuel Kants Ideal einer (im Kern in der Uno bereits angelegten) Weltregierung mit exekutiven Befugnissen zur Herstellung einer fairen und verantwortungsvollen Weltwirtschaftsordnung. Man denke an die Utopie einer möglicherweise irgendwann einmal arbeitsfreien Gesellschaft infolge der Fortschritte auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz. Freie Zeit könnte der Beginn einer neuen Solidarität mit mehr Raum für Achtsamkeit und ehrenamtliche Betätigung sein. Und, und, und - Träumen darf man nicht nur, man muss es in diesen Zeiten!

Die Liste zweifelsohne kontrovers zu diskutierender Vorschläge könnte man also noch fortsetzen. An Strategien besteht kein Defizit. Stattdessen fehlt aufseiten der Politiker nicht selten der Mut zur Umsetzung von derlei Möglichkeitsentwürfen. Ebenfalls erfordern einige Visionen noch eine klare Legitimation. Das ohnehin durch Talkshows entwertete Parlament bietet dafür kaum das einzig passende Forum. Vielmehr muss auch die Zivilgesellschaft sich neu organisieren. Demokratie muss gelebt und regelmäßig im Austausch praktiziert werden. Nachdem Parteien in der vergangenen Dekade in den eigenen Reihen das Format der Zukunftswerkstatt erprobt haben, sollten diese oder ähnliche Zusammenkünfte auch mehr im Alltag der Bürger in Kommunen und Land verankert sein. Es könnten beispielsweise monatliche Themensitzungen in Stadthallen stattfinden, wo neben professionellen Politikern und der breiten Bevölkerung auch Kulturproduzenten Raum finden. Ideen werden erst zu Utopien, wenn sie eine Basis haben und daraufhin von wachsenden Gruppen verbreitet werden.

Dass sich in diesen für alle offen stehenden Versammlungen die virulenten Spaltungstendenzen in der Gesellschaft reduzieren ließen, wäre ein erfreulicher Effekt der kollektiven Besinnung auf das Utopische. Hierin äußert sich mithin ein Gegenmodell zum von Andreas Reckwitz beschriebenen spätmodernen Hyperindividualismus. Die Suche nach Mitstreiter*innen, das gemeinsame Eintreten für die gute Sache vermittelt ein neues Sinnpotenzial jenseits der allgegenwärtigen Ich-Ausstellungs- und Abgrenzungsversuche. Ein neues Wir könnte entstehen. Das »Sehnen« als der »einzige bei allen Menschen ehrliche Zustand« verbindet und macht uns empfänglich. Denn, so schreibt Ernst Bloch im »Prinzip Hoffnung« weiter, »der Affekt des Hoffens geht aus sich heraus, macht die Menschen weit, statt sie zu verengen«. Utopisch zu werden, ist demnach längst kein Ausweis mehr von Spinnerei. Es ist das Gesündeste, was uns momentan passieren kann.

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