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Berlinale

Danke für nichts, Berlinale!

Jeja nervt

Von Jeja Klein

Die Berlinale entschied, im Jahr 2021 die Kategorien »Bester Darsteller« und »Beste Darstellerin« abzuschaffen und vermeintlich »genderneutral« zu werden. Was zunächst wie ein Meilenstein auf dem Weg zur Geschlechtergerechtigkeit klingt, ist jedoch mehr als problematisch. Als der Streit um den neuen Berliner Weg gerade an Fahrt aufnahm, zeigten ausgerechnet die Oscar-Macher*innen in den USA, wie es besser geht.

Spätestens seit Beginn der metoo-Bewegung findet die Diskussion um Geschlechtergerechtigkeit in der Filmbranche in allen großen Medien statt. Doch auch abseits des Problems von sexueller Gewalt wird und wurde in der Filmwelt gestritten: Wer darf die Streifen drehen, wer bestimmt, was produziert wird, wer wird finanziert und wessen Projekte gelten als aussichtslos? Wessen Leistung wird honoriert - in Form von Aufmerksamkeit, Preisen, Entlohnung? Nicht nur für die schlechtere Bezahlung von Schauspielerinnen muss sich die Branche immer wieder Kritik gefallen lassen. Denn wie viel Interesse gibt es für Schwarze Lebensrealitäten? Warum spielen weiße Schauspieler*innen asiatische Held*innen? Könnte man nicht mal transgeschlechtliche Rollen mit transgeschlechtlichen Menschen besetzen?

Zu der Berlinale-Entscheidung beigetragen hat auch der Streit darum, wie man mit Schauspieler*innen umgeht, die weder Männer noch Frauen sind. In welcher Kategorie wird ihre Leistung honoriert? Wenn die Preise Männern und Frauen auf den Leib maßgeschneidert sind, ist für sie kein Platz - dabei erhalten gerade tatsächlich einige nichtbinäre Schauspieler*innen Rollen. In der nächsten Staffel von »Star Trek: Discovery« etwa wird es ein nichtbinäres Crewmitglied geben. Ich freue mich schon drauf - pew pew!

Aber: Minderheiten und Benachteiligte haben verschiedene Bedürfnisse, die nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen. Frauen haben nach wie vor viel weniger große Filmrollen als Männer und ihre schauspielerische Leistung wird wesentlich schlechter entlohnt. Ein Preis extra für Schauspielerinnen verschafft ihnen Sichtbarkeit und ist somit ein Mittel, an diesen unfairen Zuständen etwas zu ändern. Gibt es keine Preise für Männer und Frauen, sondern, wie in Berlin geplant, nur für Haupt- und Nebenrollen, dann profitieren davon vor allem Männer und nicht etwa die Diversität: Männer werden, weil sie häufiger Hauptrollen spielen, auch häufiger die Preise für die Hauptrollen gewinnen. Das gilt auch für die Nebenrollen: Denn eine der Grundlagen des Gender-Pay-Gaps ist die sozialpsychologische: das, was Männer machen, finden viele unbewusst besser und wichtiger. Zwar könnten (!) jetzt nichtbinäre Schauspieler*innen Preise für ihre Rollen gewinnen - aber echte Gerechtigkeit erreichen wir nur im Bündnis mit Frauen, nicht gegen sie.

Überlegter ist daher der Schritt, den die Oscars getan haben: Ab dem Jahr 2024 müssen Filme, die überhaupt für die Kategorie »Bester Film« vorgeschlagen werden wollen, neue Kriterien erfüllen: Eine realistische Abbildung gesellschaftlicher Vielfalt muss dabei nicht nur vor der Kamera gewahrt sein, sondern auch im Produktionsteam, 30 Prozent der Zweitrollen müssen mit Vertreter*innen unterrepräsentierter Gruppen wie People of Color besetzt sein, behinderte Menschen sollen darin auftauchen und auch Personen des LGBTQI-Spektrums. Solche Schritte - und nicht die Abschaffung des Schauspielerinnenpreises - werden die Branche dazu zwingen, die reale Vielfalt der Gesellschaften auch realistisch abzubilden. Als nichtbinäre Person bin ich sicher: in absehbarer Zeit wird auch ein*e Vertreter*in von uns Enbies zu den gefeierten Schauspieler*innen gehören, die mit einem Oscar ausgezeichnet werden. Mal sehen, wie es in Deutschland weiter geht.

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