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Die Sieger der Geschichte

Sieben Tage, sieben Nächte

Von Stephan Fischer

Der ostdeutsche Mann ist der perfekte Täter. Als Mann sowieso, und wenn er sich selbst als ostdeutsch empfindet und definiert, ist er wahrscheinlich auch etwas älter und meistens weiß. In den »Baseballschlägerjahren«, den 90ern, machte er Jagd auf alles, was nicht war wie er; heute rennt er Pegida hinterher und wählt AfD und klagt derweil in einer der reichsten und besten Welten übers Dasein.

Finden Sie das etwas zu grob vereinfacht?

Gut - denn der ostdeutsche Mann ist in Wirklichkeit das perfekte Opfer. Verdient weniger als sein Westpendant oder bekommt gleich weniger Rente, muss oft Hunderte Kilometer der Arbeit hinterherpendeln, mit fatalen Folgen für Beziehung oder Ehe, wenn überhaupt noch Frauen am Ort sind. Seine Lebensleistung vor 1989 wird bestenfalls misstrauisch beäugt, auf jeden Fall aber nicht so gewertet wie eine analoge, aber bruchlose Biografie aus, sagen wir, Baden-Württemberg. Und dann rennen manche Pegida hinterher und manche wählen AfD, und alle werden kollektiv dessen verdächtigt und im besten Falle Ziel von Spott. Und dann klagen sie halt ihr Leid über ihr Dasein in einer der besten und abgesicherten Welten.

Finden Sie das etwas zu verständnisvoll?

Noch besser - denn beide Sichtweisen sind derart verkürzt, dass sie fast als Nonsens zu bezeichnen sind. 30 Jahre deutsche Einheit - das ist ein ganzes Generationen-Vorbeiziehen in der Geschichte. Der Blick auf Ostdeutschland, die DDR-Geschichte vor 1989, die Nachwendezeit bis heute, ist mittlerweile erfreulich differenziert. Das hat auch damit zu tun, dass immer mehr Ostdeutsche sehr offen mit den Verletzungen umgehen, die die Strukturbrüche der 90er brachten - und diese Offenheit macht es erst möglich, wieder zum Protagonisten der eigenen Biografie zu werden. Die Häutungen, die (oft erzwungenen) Neuanfänge - das sind auch und nicht zuletzt Anstrengungen und Leistungen.

Nicht allein Täter, nicht allein Opfer - in den allermeisten Fällen ist der Mensch komplexer. Sich nur als Opfer von Strukturen und Geschichte zu sehen: Das sorgt für »Outsourcing« von Eigenverantwortung. Die Täterrolle total annehmen - das ist das Ende von jeder Verantwortung über das eigene Wohlergehen hinaus. Beides zu vermeiden, erfordert ständige Reflexion, ist Anstrengung und bringt am Ende keine klaren Ergebnisse, stattdessen meist ein Sowohl-als-auch - aber dafür Klarheit. Klarheit über die Grenzen der eigenen Möglichkeiten, aber auch die Möglichkeiten, selbst Verantwortung zu übernehmen.

Und so werden Sieger der Geschichte gemacht. Nicht diejenigen sind es, die wegen Vergangenheiten triumphieren - und sich zurücklehnen. Sondern jene, die Vergangenheit und Gegenwart anerkennen und daraus selbstbestimmt Zukunft denken und nach vorne gestalten wollen. Und das gilt nicht nur für ostdeutsche Männer.

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