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Bonjour Tristesse

C/O Berlin zeigt Retrospektive der Fotografien von Harald Hauswald

Was heißt »Voll das Leben«? Des Lebens Fülle? Für die Ausstellung zu einer Retrospektive mit Fotos von Harald Hauswald könnte ich mir einige Titel vorstellen, aber diesen nicht. Er klingt zu anmacherisch, zu eindimensional für jenen diskreten, in sich tief widersprüchlichen Charme, mit dem Harald Hauswald seit jeher um jede noch so repräsentative Fassade herum läuft. Es gibt doch garantiert noch eine viel interessantere Rückseite!

Nein, »voll« ist es auf den Bilder von Hauswald nie, eigentlich immer eher leer. Das hat schon die ihn observierende Staatssicherheit in den 80er Jahren mit Missfallen konstatiert. Was ist von einem Fotografen zu halten, der am liebsten leere graue Straßen und verlassene nächtliche Plätze fotografiert, noch dazu solche, wo alles bröckelt und verfällt? Das sind doch staatsfeindliche Versuche, die Aufbauleistungen der DDR nicht zur Kenntnis zur nehmen!

Die Staatssicherheit verstand Hauswald nicht. Vor allem nicht, dass er nicht nur junge schöne Menschen fotografierte - das Gesicht des Sozialismus, wie man es sich zu Werbezwecken vorstellte - sondern häufig auch alte und ärmliche Menschen rund um den Prenzlauer Berg. Verlorene Seelen im Bauch von Berlin und anderswo! Aber Hauswald wollte niemanden denunzieren, er fand sie einfach schön, diese vom Leben gezeichneten Menschen mitten im grauen Alltag. Leuchtet da nicht dennoch etwas? Auf der Suche nach der tief in den Menschen verborgenen Erwartung war er immer. Was er fand, steht unter einem nichttrivialen Begriff von Schönheit. Jenseits aller harmlosen Posen, aller vordergründigen Vorstellungen von dem, was den Menschen ansehenswert macht. Seine Vergänglichkeit, seine Wut und Trauer, der Versuch, dennoch so etwas wie einen Moment des Glücks für sich zu erjagen - und sei es dort, wo es niemand vermutet.

Hauswald ist ein Melancholiker, also einer, der sich über unsere Täuschungsversuche, nach mehr auszusehen als wir sind, im Klaren ist. Jedes gute Foto hat für ihn diesen desillusionierenden Kern, dem nur der Wille zur poetischen Form entgegensteht. Keine Verklärung, aber eine Abmilderung des Unvermeidlichen. Wäre er Regisseur geworden, sähen seine Filme wie ein Mischung aus Arbeiten von Federico Fellini und Aki Kaurismäki aus.

Wer so auf die Menschen blickt, mit diesem harten Zola-Blick, braucht den starken Sinn für das Skurrile des Alltags, die innere Spannung im Foto selbst. 1989 fotografierte er im Prater auf dem Prenzlauer Berg »Tanztee«. Vier ältere Frauen und zwei Männer, das ist schon ein Drama für sich. Hier wird etwas sichtbar, was auf allen Fotos Hauswalds zu finden ist: In Gruppen hören die Menschen nicht auf, Einzelne zu bleiben. Im schlimmsten Falle eingesperrt in sich selbst, im besten Falle in sich ruhend wie in einer für die Außenwelt uneinnehmbaren Festung: Das ist die Autonomie, die Hauswald jedem der von ihm Fotografierten zubilligt. Auf dem »Tanztee«-Foto ist ein handgeschriebenes Plakat zu sehen, das gleichsam über der Szenerie zu schweben scheint: »Das Beste, was wir von der Geschichte haben, ist der Enthusiasmus, den sie erregt. - Goethe« Da zeigt sich das Dilemma der späten DDR-Gesellschaft. Der Aufklärungsanspruch der Anfänge versuchte sich noch dort zu behaupten, wo man ihn längst verabschiedet hatte. Oder gegen jedes pure Amüsement einzutauschen bereit war. Ja, wenn die versprochene »Erregung« jeder noch so kleinen Geschichte doch tatsächlich einmal einträte!

Hauswald zeigt eine müde Gesellschaft, was nicht unbedingt gegen sie spricht. Denn müde Menschen sind ihm allzeit eine bessere Gesellschaft als die allzu wachen, die meinen, sich mit energischen Taten beweisen zu können. Hauswald glaubte das nie. Er ist bis heute ein Flaneur geblieben, ein Peter Hille auf der Suche nach der vergessenen Poesie bei den vergessenen Menschen, die sonst niemand fotografiert. Lauter Menschenbildnisse, mit denen sich weder Ideologien beweisen, noch Produkte verkaufen lassen. Das sind die Nischen, in denen seit jeher die Wahrheit überwintert.

Dabei ist der 1954 in Radebeul geborene Hauswald, der im Fotoatelier (in der Dunkelkammer!) seines Vaters sein Handwerk lernte, durchaus auf der Suche nach des Lebens Fülle, nach Verwandlungsintensität. Aber die blüht - gestern wie heute - eher im Verborgenen. Es geht darum, sie im richtigen Moment zu bemerken und festzuhalten. Darum sah man Hauswald in den 80er Jahren in seiner Alibi-Arbeit als Telegrammbote für das Postamt NO 55 in der Marienburger Straße mit einer großen Tasche durch den Prenzlauer Berg laufen. In dieser schweren Umhängetasche waren nicht etwa lauter Telegramme, sondern eine Fotoausrüstung. So entstand ein Werk mit 230 000 Fotos. Ein Bildgedächtnis Berlins (aber nicht nur, nach der Wende ging er wie viele Ostdeutsche vermehrt auf Reisen), das man im besten Sinne authentisch nennen kann. Ungeschönt und gerade darum auf andere Weise doch schön!

Wer in Hauswald den Elegiker erblickt, der hat gewiss recht. »U-Bahn-Linie A« von 1986 zeigt drei frühmorgendliche Männer im Berufsverkehr, mit Aktentaschen, die wie simple Schultaschen aussehen und Blicken, die jeden Kontakt abwehren. Man hat mit sich zu tun, das meist industrielle Arbeitsleben der Berufsgruppe der Frühaufsteher ist hart - härter als das eines Fotografen, der vielleicht die morgendliche Bildmotivsuche mit einer ausgedehnten spätabendlichen Kneipenrunde verbindet. Aber Hauswald hält die Szene fest, mehr nicht. Kommentare oder Erklärungen liefert er keine. Die Aura des Bildes bedarf der Distanz. Wir wissen nichts über diese drei simplen Gestalten mit ihren leeren oder vielleicht auch nur nach innen gerichteten Blicken. Wo sie wohl gearbeitet haben und wie sie ihren Feierabend verbrachten?

Hauswald erzählt auf eine minimalistische Weise von Menschen, denen er begegnete. Denn es sind echte Begegnungen, auch wenn sie manchmal nur Sekunden dauerten. Er erzählt nicht mehr, als er weiß. Das Nichts-weiter-Wissen rumort dann in uns. Was etwa wurde aus der Punkband »Zerfall«, die Hauswald 1982 in der Rigaer Straße in Friedrichshain fotografierte? Junge Menschen, in denen Aufbruchsenergie auf Endzeitgefühle prallte?

Am liebsten zeigt Hauswald den Moment, in dem die offiziell beglaubigte Dramaturgie der Geschichte entgleist. Die Zeit, die aus den Fugen ist, bietet überraschende Perspektiven. So »Fahnenflucht« von 1987, das plötzliche Ende einer 1.-Mai-Demonstration durch ein sich entladendes Unwetter. Jetzt erst geraten die Fahnen in echte Bewegung, in ein Chaos, das schöpferisch zu werden verspricht. In diesen Momenten zeigt sich, dass Hauswald doch ein Utopist ist, wenn auch einer für wenige ekstatische Momente.

Der Mensch ist für Hauswald nichts Heroisches, eigentlich auch nichts Vorzeigbares im banalen Sinne. Seine Kamera lieferte ihn darum auch nicht aus, sie zeigt ihn in jener Misere zwischen Tag und Nacht, Geburt und Tod, mit der wir uns alle irgendwie arrangieren müssen. Das ist Hauswalds Realismus, der nichts inszeniert, nichts stellt, aber dann doch das Ungewöhnliche im scheinbar Gewöhnlichen entdeckt. Man muss nur sehen lernen.

Um die Wende herum veränderten sich auch die Bilder Hauswalds, da kam mehr Meldung vom Tage, mehr Reportage ins Bild. So dokumentierte er im Herbst 1989 Mahnwachen, die Demonstration vom 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz, die Maueröffnung mit Menschenmassen in Euphorie, aber er blieb auch dabei ein Beobachter, dem es um eine bleibende Momentaufnahme ging.

Wann endete eigentlich die Illusion von einer besseren Zukunft? Der Skeptiker Hauswald hatte daran wohl nie geglaubt, aber auch ihn muss es schockiert haben, dass es ein Jahr nach dem friedlichen Wendeherbst von 1989 nun am 13. November 1990 in der Mainzer Straße in Friedrichshain vor den Augen der Bis-eben-noch-DDR-Bürger zu einer martialischen Machtdemonstration des Staates kam: die gewaltsame Räumung der Mainzer Straße erinnerte an Krieg. Das Machtvakuum einer Zwischenzeit, wie sie bis eben geherrscht hatte - so sieht man auf diesen Fotos - ist beendet. Mit schwerer Technik und Polizisten in Kampfanzügen steht die neue Ordnungsmacht den Vertretern des alternativen Lebens mit aller Entschlossenheit gegenüber. Da wünschte sich so mancher jene Tristesse zurück, wie sie die Fotos Hauswalds aus den Jahren zuvor zeigen.

»Harald Hauswald. Voll das Leben! Retrospektive«, bis 23. Januar 2021, C/O Berlin Foundation, Amerika-Haus, Hardenbergstraße 22-24, Berlin.

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