Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Schwächelnde Atomkraft

Trotz Erfolgs vor dem EuGH steht in Großbritannien kein AKW-Boom bevor

  • Von Peter Stäuber, London
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Arbeit auf der derzeit größten Baustelle Großbritanniens kann weitergehen. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) wies am Dienstag eine Klage Österreichs gegen Staatshilfen für das geplante Atomkraftwerk Hinkley Point C ab.

Der Staat hat dem Betreiber, einer Tochter des französischen Konzerns EDF, Milliardenhilfen in Form von Maßnahmen zur Preisstabilität, Kreditgarantien und Ausgleichszahlungen für den Fall einer vorzeitigen Abschaltung aus politischen Gründen zugesichert. 2014 winkte die EU-Kommission die Beihilfen für das Kraftwerk durch. Daraufhin zog Wien vor den EuGH mit dem Argument, es handle sich um eine nach EU-Recht unzulässige Subventionierung. Bereits in erster Instanz scheiterte die Klage, worauf Österreich in Berufung ging. Nun bestätigte aber der Gerichtshof, dass die Staatsbeihilfen mit den Binnenmarktregeln vereinbar seien; damit ist die Angelegenheit juristisch geklärt.

Hinkley Point C, in der südwestenglischen Grafschaft Somerset gelegen, befindet sich seit 2016 im Bau - es ist das erste Atomkraftwerk, das seit den 1990er Jahren in Großbritannien errichtet wird. Rund 4500 Arbeiter sind auf der Baustelle beschäftigt. Wenn die Anlage in Betrieb ist, soll sie Strom für sechs Millionen Haushalte erzeugen. Doch wie so oft bei gigantischen Projekten wird es im Laufe der Zeit deutlich teurer als gedacht - die Kosten werden derzeit auf rund 22 Milliarden Pfund (etwa 24 Milliarden Euro) geschätzt. Auch hinkt man hinter dem Zeitplan her, und es wird erst nach 2025 ans Netz gehen.

Hinkley Point ist ein seltener Lichtblick für die britische Nuklearindustrie, denn diese geht einer unsicheren Zukunft entgegen. In den vergangenen zehn Jahren sind etliche veraltete Atomkraftwerke geschlossen worden, in den kommenden 15 Jahren werden fast alle verbliebenen Anlagen vom Netz gehen. Als Ersatz sollte eigentlich die nächste Generation von Kernkraftwerken errichtet werden: Vor rund zehn Jahren fasste die Regierung acht fabrikneue Meiler ins Auge und identifizierte entsprechende Standorte. Aber von diesen ist heute einzig Hinkley Point C im Bau. Manche der anderen Projekte sind über Bord geworfen worden, andere liegen auf Eis, da sich keine Investoren finden lassen. Erst in der vergangenen Woche zog der japanische Konzern Hitachi seine Beteiligung an einem Atomkraftwerk in Wales zurück.

Vertreter der Atomindustrie beobachten die Entwicklung mit Sorge. »Die Regierung muss sich entscheiden, ob sie Nuklearstrom will oder nicht«, sagte Stuart Crooks, Direktor von Hinkley Point C, kürzlich in einem Zeitungsinterview. Die Branche argumentiert vor allem damit, dass eine nachhaltige und klimaverträgliche Energiepolitik ohne Atomstrom nicht funktionieren werde.

Großbritannien hat es sich zum Ziel gesetzt, bis 2050 den Ausstoß von Treibhausgasen auf netto null zu senken. Die Nuklearindustrie besteht darauf, dass dies nur erreichbar ist, wenn neue AKW gebaut werden. Die Regierung in London stimmt im Prinzip zu: »Nuklearkraft wird in der kohlenstoffarmen Zukunft Großbritanniens eine wichtige Rolle spielen«, ließ sie vor einigen Monaten verlauten.

Im vergangenen Jahr generierten Atomkraftwerke lediglich rund 17 Prozent der Elektrizität in Großbritannien; 41 Prozent wurden dagegen mit Erdgas produziert, 37 Prozent durch erneuerbare Energien. Die wachsende Bedeutung grüner Stromerzeugung stellt den bedeutendsten Wandel in der britischen Energiewirtschaft dar - 2010 hatte ihr Anteil gerade mal sieben Prozent betragen. Im dritten Quartal 2019 hingegen generierten Windparks, Solaranlagen, Biomasse- und Wasserkraftwerke zusammengerechnet erstmals mehr Strom als Kohle, Öl und Gas. Um das Klimaziel zu erreichen, setzt die britische Regierung auf den Ausbau der erneuerbaren Energiequellen. Im Frühjahr gaben die Konservativen ihre langjährige Blockade der Förderung von Windrädern an Land auf. 2019 waren 269 Bauanträge für Wind-, Solar- oder Bioenergieanlagen eingereicht worden, eine Verdoppelung gegenüber 2016.

Insbesondere Offshore-Windenergie, bei der Großbritannien weltweit führend ist, wird großes Potenzial zugeschrieben: Laut dem Branchenverband Renewable UK beträgt die Gesamtleistung der bestehenden 37 Projekte 8,5 Gigawatt - genug für 7,5 Millionen Haushalte. Weitere 3,8 Gigawatt sind im Bau, und fast elf Gigawatt haben die Genehmigung erhalten. Bis 2030 will Großbritannien ein Drittel der gesamten Energieversorgung durch Offshore-Wind sicherstellen.

Wenn die Förderung von nachhaltiger Energie weiterhin Fortschritte macht - und die Finanzierungsschwierigkeiten bei Atomkraft-Großprojekten bestehen bleiben -, ist denkbar, dass Hinkley Point C auf absehbare Zeit das einzige neue Atomkraftwerk auf britischem Boden bleibt.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
  • Lastschrift

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln