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Dank für ein Leben

Das argentinische Drama »Das letzte Geschenk« begleitet einen Shoah-Überlebenden auf der Suche nach seiner jüngsten Tochter

Wenn die Erinnerung schwindet, sucht man Halt im Gegenständlichen. Ein Schneider etwa in seinem letzten Anzug, im Faden, der alles zusammenhält. Abraham, ein Herr von bald 90 Jahren und Überlebender der Schoah, hat sich zur Ruhe gesetzt. Da seine Töchter ihn ins Altenheim stecken wollen, macht er sich auf nach Polen, einen Mann zu finden, dem er das Leben verdankt. Im Gepäck hat er den letzten Anzug, den er als Schneider je fertigte. Auf dem Weg nach Łódź trifft er seltsame Menschen: den introvertierten Musiker Leo, die raue Hoteldame Maria, die deutsche Anthropologin Ingrid. Er sucht seine jüngste Tochter auf, die er vor Jahren verstoßen hat, und gerät in Schwierigkeiten, weil er nach Polen will, ohne Deutschland zu durchqueren.

Der Film strahlt eine große Ruhe aus. Das ist seltsam, weil sich der Vergleich zu »King Lear«, jenem ziemlich nervösen Bühnenstück, regelrecht aufdrängt. Töchter, die den Vater verstoßen, ein Vater, der am Rande des Irrsinns durch die Welt zieht. »Lear« ist Shakespeares RoadMovie, wenn man so will. Und wie dort geht auch in »Das letzte Geschenk« der Ausbootung durch die älteren Töchter die Verstoßung der jüngsten voraus. Aus selbem Grunde: Verweigerung des Liebesschwurs.

RoadMovies sind kaum je dramaturgische Höhepunkte. Auch dieser Film erzählt, von wenigen Rückblenden gebrochen, brav geradeaus, reiht Ort an Ort, Figur an Figur. Interesse entsteht, weil der Zuschauer nach und nach die Gründe der Reise und die Absichten des Helden erfährt. Abraham neigt nicht zu Erklärung, er handelt.

Miguel Ángel Solá spielt diese Figur, spielt sie wirklich. Deutlich jünger als seine Rolle, mimt er bravourös die entsprechenden Bewegungen: wie er das Bein nachzieht, die leicht verzögerten Reaktionen des Gesichts, das schwere Atmen, die Suche nach Gleichgewicht, die Erschöpfung. Eine ruhig gehaltene Kamera, die Dominanz von Pastellfarben, aber auch Braun, Schwarz, Beige bei kräftiger, ans Theater erinnernder Ausleuchtung arbeiten hinzu. Sie geben einen Eindruck vom matten Glanz des Alterns, wenn es denn mit Würde passiert.

Oder vom Versuch, Würde zu wahren. Denn darum geht es in »Das letzte Geschenk«. Der historische Kontext ist eher Folie. Man verfolgt die Geschichte eines Mannes, der vor langer Zeit dem Lager entkommen ist, doch nun am Ende seines Lebens wieder interniert wird - in einem Altenheim seiner Selbstständigkeit beraubt werden soll. Der nicht sterben darf in dem Haus, in dem er gelebt hat. Der schon einmal ein Haus verloren hat, in Łódź, wohin er jetzt zurückkehrt. Da es, wie Herodot sagt, beim Glück vor allem auf das Ende ankommt, muss er das hier Verlorene wieder am Anfang suchen. Beim Freund, der ihm das Leben gerettet hat. Dieses Leben erscheint Abraham wie ein Geschenk. Und mit dem letzten gefertigten Anzug zahlt er die gegenständliche Frucht dieses Lebens zurück. Als Beweis vielleicht, dass es das wert war.

»Das letzte Geschenk« (»El último traje«), Argentinien, Spanien 2017. Regie: Pablo Solarz, Drehbuch: Pablo Solarz. Mit: Miguel Ángel Solá, Ángela Molina, Julia Beerhold. 91 Min. Berlinstart: ab 24.9. im FSK und ab 1.10. im Kino in der Brotfabrik.

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