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»Contra für Conti – Wir bleiben hier!«

Über zehntausend Arbeitsplätze in Deutschland stehen zur Disposition

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 4 Min.
Umbruch in der Autoindustrie: »Contra für Conti – Wir bleiben hier!«

»Conti, jetzt gibt’s contra! Es ist fünf vor 12 für den Conti-Konzernvorstand«, rief der Frankfurter IG Metall-Bevollmächtigte Michael Erhardt den rund 1400 Beschäftigten des Autozulieferers Continental zu, die am späten Mittwochvormittag in die City der Banken- und Börsenmetropole Frankfurt am Main geeilt waren. Nachtschichtarbeiter aus dem bedrohten, hochmodernen Aachener Reifenwerk waren schon früh und gleich nach Schichtende in Busse gestiegen, um pünktlich fünf vor 12 auf der Frankfurter Hauptwache zu sein. Dort standen sie zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus den ebenfalls bedrohten hessischen Werken Schwalbach, Frankfurt-Rödelheim, Karben und Babenhausen, dem rheinland-pfälzischen Rheinböllen und dem nordhessisch-thüringischen Standort Bebra/Mühlhausen. Zum Protest aufgerufen hatten die IG Metall und die Chemiegewerkschaft IG BCE.

Die Signale in vielen Redebeiträgen und auf Pappschildern von Belegschaftsvertretern, Gewerkschaftern und sich solidarisch erklärenden Politikern waren eindeutig. »Wir bleiben hier«, so die immer wieder von der Menge skandierte Parole. Es sei einen »Riesensauerei«, wenn der Konzernvorstand im Schatten der Krise 13.000 Arbeitsplätze vernichte, hochprofitable deutsche Werke schließe und gleichzeitig in Osteuropa neue Fabriken aus dem Boden stampfen lasse, so der allgemeineTenor. »Hier geht es ums nackte Überleben«, hatte sich ein jüngerer Arbeiter aus Aachen auf seinen entblößten Oberkörper pinseln lassen.

»Lasst Euch nicht erzählen, es gäbe keine Alternativen«, machte IG Metall-Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban den Versammelten Mut. Zur Überbrückung von krisenbedingter Unterauslastung gebe es genügend gesetzliche und tarifliche Instrumente wie Kurzarbeit und Arbeitszeitverkürzung. »Euer Kampf steht für viele Kämpfe, die noch kommen werden«, so Urban. »Wenn die Klassenkampf haben wollen, dann kriegen sie ihn, aber von unten«, drohte der Gewerkschafter. Frank Grommeck, Betriebsratsvorsitzender im nördlich von Frankfurt gelegenen Conti-Werk Karben, in dem Ende 2021 die Lichter ausgehen sollen, verdeutlichte mit einem Schild, was ihn und viele andere wütend macht. So hätten die Conti-Belegschaften in Karben, Babenhausen und Villingen (Schwarzwald) in den vergangenen elf Jahren im Vertrauen auf sichere Arbeitsplätze in sogenannten »Ergänzungstarifverträgen« auf im Flächentarif festgeschriebene Ansprüche in Höhe von insgesamt 200 Millionen Euro verzichtet. Für etwa diesen Betrag habe der Konzernvorstand inzwischen neue hochmoderne osteuropäische »Low Cost«-Werke in Kaunas und Debrecen errichten lassen. Conti müsse davon Abstand nehmen, die coronabedingte Unterauslastung durch zusätzliche Verlagerungen in Niedriglohnländer zu verschärfen, forderte Grommeck. »Das lassen wir uns nicht gefallen«, bekräftigte Bruno Hickert, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender im Aachener Werk. Die Karbener hatten nach eigenen Angaben jahrelang vom Konzernvorstand eine Umrüstung der Produktion gefordert, um die Abhängigkeit vom kriselnden Automobilsektor zu verringern.

»Was der Unternehmensvorstand vorhat, ist unanständig«, rief der Frankfurter CDU-Bundestagsabgeordnete Matthias Zimmer den Gewerkschaftern zu und erinnerte daran, dass laut Artikel 38 der hessischen Verfassung die Wirtschaft des Landes »dem Wohle des ganzen Volkes und der Befriedigung seines Bedarfs zu dienen« habe und nicht dem Profit. Dass Artikel 39 bei erwiesenem »Mißbrauch der wirtschaftlichen Freiheit« eine Überführung von Vermögen in Gemeineigentum bzw. Staatskontrolle vorsieht, kam in Zimmers Redebeitrag allerdings nicht mehr vor. »Wo bleibt Volker Bouffier?«, fragte eine Metallerin aus Babenhausen und erinnerte daran, dass sich Hessens CDU-Regierungschef im Gegensatz zu NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) noch nicht zu den Conti-Schließungsplänen geäußert habe. »Politik darf nicht wegschauen«, so die hessische Linksfraktionschefin Janine Wissler. Anstatt die Beschäftigten einfach auf die Straße zu setzen, sei »eine sozialökologische Sicherung der Arbeitsplätze und kein Kahlschlag« geboten. Jeder Standort müsse erhalten und die Belegschaften dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden, so Wissler.

Die Demonstranten zogen zur nahen Frankfurter Börse und bildeten eine mit den Corona-Abstandsregeln konforme Menschenkette um das Gebäude. Damit protestierten sie dagegen, dass die Anteilseigner des börsenorientierten Continental-Konzerns, allen voran die fränkische Unternehmerfamilie Schaeffler, »nur hohe Rendite sehen« wollten. Die Aktion könnte eine Generalprobe für künftige Proteste gewesen sein, falls der Continental-Aufsichtsrat bei seiner Sitzung Mitte kommender Woche den Abbau- und Schließungsplänen zustimmt. »Heute stürmen wir nicht die Börse, aber das ist nicht das Ende aller Tage«, so der Michael Erhardt. »Wenn die Krieg haben wollen, dann kriegen sie ihn«, bekräftige auch ein Aachener Conti-Arbeiter.

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