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Lala Love

Plattenbau

»Als Musiker sagt man eben oft: Das haben wir jetzt abgehakt, jetzt muss etwas Neues kommen«, erzählte Vince Clarke der »Berliner Zeitung« zur Veröffentlichung von »The Neon«. Jetzt ist aber gar nichts Neues gekommen. Die Platte klingt wie Erasure. Erasure im Jahr 1988. Doch nein. Es ist das 18. Album von Vince Clarke und Andy Bell seit 1986. Und bis weit in die Neunziger haben die beiden ihren Achtziger-Sound kultiviert. Mit ihrer EP »Abbaesque« haben sie die Renaissance der schwedischen Super Trouper eingeläutet. Bis 1995 hatten sie zumindest in Großbritannien Platz 1 der Albumcharts für sich gepachtet. Aber dann kam ein bis 2016 anhaltender Knick. Was möglicherweise auch daran lag, dass sie plötzlich versuchten, sich weiterzuentwickeln. Dabei kamen merkwürdige Ambient- oder Country-Hybride heraus, mit denen sich niemand so richtig anfreunden konnte. Erst vor vier Jahren kehrten Erasure mit dem Album »World Be Gone« in die oberen Chartränge zurück. Und jetzt sind sie auch noch in das Jahr 1988 zurückgekehrt.

Als Flux-Kompensator benutzt Vince Clark seine alten analogen Synthesizer. »Die Dinger sind in der Regel sehr vielseitig«, meint Clarke. »Man muss nur lange genug an ihnen herumdrehen.« Und er hat gedreht und gedreht und zehn wirklich hübsche Songs ausgezirkelt. »Der Hauptgrund, aus dem ich vor allem analoge Synthesizer benutze, ist, dass sie unvorhersagbar sind.« Die Ergebnisse sind dann aber doch ziemlich vorhersagbar.

Das ist das Schöne und das Schreckliche an den Songs. Man hat sofort gute Laune, und nach dem ersten Refrain kann man mitsingen. Das kann Clarke ja schon seit 1981, als er für Depeche Mode »Dreaming Of Me« und vor allem »Just Can’t Get Enough« geschrieben hat. Oder 1985 den Dauerbrenner »Only You« für seine Band Yazoo.

Schon der Albumopener »Hey Now (Think I gotta go now)« löst heftige Chronoferenzen, also Zeit-Überlagerungen im Hörzentrum aus. Der Song könnte so auch auf dem von Vince Clarke geschriebenen ersten Depeche-Mode-Album »Speak and Spell« zu finden sein. Ebenso »Nerves of Steel«.

Doch Andy Bell singt viel schöner als der Depeche-Mode-Sänger Dave Gahan in den Achtzigern. Was aber die poetische Tiefe der Texte anbelangt, haben Depeche Mode eindeutig die Nase vorn. In »You Shot A Satallite« singt Bell mit großer Inbrunst: »You shot a satellite / To catch a man alive / You spun a web of love for me / You make me come alive«. Und so weiter und so weiter. Lala Love. Das ist nicht abbaesque, sondern schlageresque. Aber bei Erasure ging es ja eher selten um die Texte. Politisch ist das Duo eher auf visueller Ebene wirksam. Beispielsweise im Video zu »Nerves Of Steel«, in dem allerlei kunterbunte, wunderschöne Trans-Geschöpfe lip-sync zu dem Song performen.

Die Idee zum Albumtitel kam den beiden bei einem Fotoshooting in einer Galerie, in der alte Neonschriftzüge aus den Fünfzigern und Achtzigern ausgestellt wurden. »Man kam sich ständig vor wie in einem alten Film«, erzählt Clarke. Als Synthiepop-Veteran denkt man natürlich auch an »Neonlicht« von Kraftwerk. Was eine angemessene Referenz wäre. Chronoferenzen auf allen Frequenzen. Die Platte wirkt wie ein Widerschein der neonbunten Achtzigerjahre in die Gegenwart hinein. Und vielleicht ist gerade heute die Erinnerung daran wichtig, dass man während des Kalten Krieges, als die USA von einem Schauspieler regiert wurden, das Atomwaffenarsenal der UdSSR von senilen Greisen kontrolliert wurde, Aids sich ausbreitete und der Wald starb, trotz alledem federleichte und hoffnungsvolle Popmusik produzieren konnte.

Erasure: »The Neon« (Mute)

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