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  • Kultur
  • Nacht der schlechten Texte

Schreiben wie Luftgitarre spielen

Am Samstag findet wieder »Die Nacht der schlechten Texte« in Villach/Kärnten statt

  • Von Karsten Krampitz
  • Lesedauer: 5 Min.
Man kann mit schlechter Literatur auch Fußball spielen (aber nur schlecht).
Man kann mit schlechter Literatur auch Fußball spielen (aber nur schlecht).

Der schrecklichste aller Literaturwettbewerbe im deutschen Sprachraum - »Die Nacht der schlechten Texte« - ist manchen ein Mythos und vielen ein Gerücht. Heuer um drei Monate verspätet, werden in Villach, im südlichsten Österreich, traditionell die Para-Lyrics zum Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb ausgetragen.

Jahr für Jahr treffen sich hier, jenseits aller Grammatik, talentfreie Wortrebellen und Trivialskribenten zum großen Trockenschwimmen im Literaturbetrieb. Texte wie Luftgitarre oder wie Porno ohne Sex. Und obendrauf ein Preis, auf den nicht alle stolz sind. So zum Beispiel Angela Lehner: Als die damals noch unbekannte Schriftstellerin anno 2017 beim Klagenfurter-Literaturkurs (der sogenannten »Häschenschule« des Bachmannwettbewerbs) reüssierte, gab sie noch in ihrer Vita unter der Rubrik Auszeichnungen den »Villacher Literaturpreis« an. Als dann über Nacht der Ruhm kam, die Autorin 2019 für den deutschen Buchpreis nominiert wurde, zog sie es vor, in ihrem künstlerischen Lebenslauf den Turniersieg von 2015 zu verschweigen. Andere Poeten, wie die Berliner Schriftsteller Henning Rabe (»Iron Hennig«) oder Martin Ahrends, stehen zu ihrer Vergangenheit in Villach. Sie waren jung und brauchten das Geld.

Vor Jahren hatte sich ein Dichter mal den Jambus verletzt. Obschon metrisch alles korrekt ablief, die Jury an der Syntax so gut wie nichts auszusetzen hatte, ging von seinem Werk eine unfassbare Zerstörung aus, die metaphysische Destruktion jeglicher sinnhaften Existenz: »Wir sind die, die hier sind… Hier sind die, die wir sind… weil wir hier sind, sind wir die, die hier sind die wir hier sind… Sind wir wirklich die, die hier sind?... Wir, die wir hier sind, sind wir, weil wir hier sind…« Zum besseren Verständnis klimperte der Mann, während er das las, auf dem Keybord: Pling. Pling. Pling. Also noch einmal: »Wir«, pling, pling, »die hier sind«, pling, pling, »sind die«, pling pling, »die hier sind«, pling, pling, »weil wir«, pling, pling, »die sind«, PLINGPLINGPLING!!!, »die wir sind…« Man beachte im Subtext die Metaebene. Fragen an den Zuhörer: Hat deine Mutter dich jemals geliebt? Womöglich hast du die Fruchtblase nie verlassen. Vielleicht lebst du nur in der Einbildung deines imaginären Freundes? - Literatur als Sterbehilfe. Und weil der Tod zum Leben dazugehört, bestach der Vortrag durch den Einklang von Kunst und Leben, wobei die Kunst immer länger erschien, während so manche im Publikum ihr Leben gern verkürzt hätten …

»Wir sind wir«, pling, pling, »weil wir«, pling, pling, »hier sind«. PLING PLING PLING PLING. »Seid Ihr« pling, pling, »HIER?« pling, pling. »Wer seid IHR?« pling, pling.

Muss man als schlechter Autor eigentlich auch ein schlechter Mensch sein? Und: Einfach nur schlecht sind viele Schriftsteller. Um bei der Nacht der schlechten Texte Erfolg zu haben, muss man da hart an sich arbeiten, jeden Tag ein wenig schlechter werden?

Bis zum 4. September 2020 konnten schlechte Texte aus allen Bereichen der Prosa, Lyrik, aber auch Songtexte, Drama, Essay eingereicht werden. Die Texte mussten unveröffentlicht sein und sollten eine Aufführungsdauer von sieben Minuten nicht überschreiten. Teilnahmeberechtigt waren und sind Autorinnen und Autoren, unabhängig von Nation, Alter, Erfolg, Bekanntheitsgrad, die ihre Werke in deutscher Sprache veröffentlichen und sich der Herausforderung stellen, absichtlich einen »schlechten Text« zu verfassen; frei von konventionellen Mustern und ohne Angst vor dem Scheitern.

Wie der Veranstalter, das Villacher Künstlerkollektiv »Wort-Werk«, betont, sei es das Ziel des Wettbewerbs, nicht nur neue literarische Texte zu schaffen, sondern dabei auch Ausdrucksformen zu finden, die die bekannten »Wasserglas-Lesungen« überschreiten. »Grenzüberschreitende Präsentationen der Texte (Video, Performance, Film, Musik etc.) sind beim Live-Auftritt ausdrücklich erwünscht.« Einreichungen, die ein Konzept oder eine Skizze der performativen Umsetzung des Textes beinhalten, wurden daher in der Vorausscheidung des Wettbewerbs bevorzugt behandelt.

Das Kärntner Schriftstellerehepaar Simone Schönett und Harald Schwinger hat nun fünf Autoren für den »Bewerb« ausgewählt. Die Juroren - in diesem Jahr die Literaturwissenschaftlerin Doris Moser, die Literaturkritikerin Kirstin Breitenfelder und der Autor dieser Zeilen - werden in der Nacht des 26. September klären müssen, was einen richtigen schlechten Text ausmacht. Also einen schlechten Schlechten oder einen guten Schlechten. Reicht es aus, ein bestimmtes Niveau über fünf, sechs Seiten zu halten respektive zu unterschreiten? Oder sollte die Geschichte in jeder Hinsicht unverständlich und unterirdisch daherkommen? Welcher Wert wird der Performance beigemessen? Sollte ein schlechter Text auch schlecht vorgetragen werden?

Fakt ist: Bei einem richtig schlechten Text finden wir nach der Lektüre die Welt ein bisschen schlechter. Noch besser wären Gewaltfantasien oder Hass auf Mehrheiten, das wäre ganz schlecht, also gut.

Dem Sieger winken ein Geldpreis von 750 Euro und ein zweitägiger Aufenthalt an einem Ort, der aus gutem Grund bis zum Schluss geheim gehalten wird. Nicht immer waren die Gewinner glücklich: eine klapprige Almhütte in den Alpen, ohne Strom und ohne Wasser usw.

Außerdem wird noch ein Publikumspreis vergeben, den die kritische Zuhörerschaft vor Ort finanziert: Jedes Mal, wenn sich die Leute an diesem Abend ihr Wasser abschlagen oder sich auf dem WC die eben gehörten Texte noch einmal und zwar buchstäblich durch den Kopf gehen lassen, vornübergebeugt, müssen sie eine Toilettensteuer entrichten, in Höhe von jeweils fünfzig Cent, die in einen der Eimer geworfen werden, mit dem Foto des jeweiligen Favoriten. Der Eimer, in dem am Ende das meiste Geld liegt, bekommt dann alles.

Und Geld stinkt nicht, »pecunia non olet«, sagte schon Kaiser Vespasian als er im 1. Jahrhundert die Latrinensteuer erhob. Ein hübsches Sümmchen kommt da jedes Mal zusammen. In diesem Jahr nun, da coronabedingt nur fünfzig Menschen als zuhörende Zuschauer zugelassen sind, werden die Veranstalter den Publikumspreis etwas aufstocken. - Wichtig ist, dass viel getrunken wird, wie jedes Jahr.

Die Nacht der schlechten Texte, am Samstag, 26. September 2020 in Villach/Kärnten, Congress Center Café, 19 Uhr Moderation: Heinrich Baumgärtner Musikalische Unterbrechung: Rudi Katholnig und Hans Peter Steiner. Eintritt frei. Anmeldung unter: nacht2020@gmx.at (max 50 Besucher).

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