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Eine Teilnehmerin einer Demonstration gegen die Paragrafen 218 und 219a in Hamburg hält ein Schild mit der Aufschrift "Mein Uterus, meine Entscheidung" hoch.
Schwangerschaftsabbrüche

Meine Entscheidung gehört mir

Menschen, die abtreiben wollen, wird das sehr schwer gemacht

Von Julia Trippo und Birthe Berghöfer

Der zweite Streifen schimmerte erst kurz auf dem Schwangerschaftstest, dann erhob er sich in einem kräftigen Pink wenige Sekunden nach dem Ersten. Laura, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, griff also zum Telefon und rief ihre Frauenärztin an, um einen Termin zu vereinbaren. Kein Zusammenbruch, keine Tränen, nur nüchterne Problemlösung. »Mir war klar, dass ich jetzt kein Kind möchte«, erzählt Laura. »Ich habe es gar nicht eingesehen, Schuld zu empfinden. Es war meine Entscheidung.«

Und so sollte es auch sein. Dennoch ist der Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen weltweit mangelhaft. Laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation finden knapp die Hälfte aller Abtreibungen unter unsicheren Bedingungen statt. Schlechte Zugänge zu Ärzt*innen, aber auch gesellschaftliche Tabus und christlich-fundamentalistische Politik machen es für ungewollt Schwangere schwer, sicher abzutreiben - auch in Deutschland. Beim jährlich am 28. September stattfindenden »Safe Abortion Day« soll deswegen auf solche Missstände aufmerksam gemacht werden.

Was für Laura folgte, war zwar nicht lebensgefährlich, aber eine schier unendliche Farce von Untersuchungen, Terminen und sozialer Isolation. Vom positiven Schwangerschaftstest bis zum Abbruch vergingen für Laura mehr als vier Wochen. Durch diese Zeit begleitete sie die sogenannte Morgenübelkeit - in ihrem Fall sogar den ganzen Tag. »Ich hatte fiese Krämpfe, weil die Gebärmutter sich weitete; meine Brüste waren wie aus Stein.« Sie wohnte nicht mehr alleine in ihrem Körper, beschreibt Laura die ersten Tage und Wochen der Schwangerschaft. »Es war vielmehr zu einer Art Zwangs-WG geworden.« Dennoch versuchte sie, ihr altes Leben weiterzuleben. Doch Abende in der Bar endeten für sie nach einem alkoholfreien Bier um halb elf im Bett. »Die Übelkeit war immer mit dabei«, erzählt Laura. Nach einem Kreislaufkollaps beim Inlineskaten auf dem Tempelhofer Feld im heißen August schraubte sie auch ihre sportlichen Betätigungen extrem nach unten.

»Emotional war es eine wahnsinnige Belastung, nicht schwanger sein zu wollen und erst mal nichts zu tun.« In Deutschland müssen ungewollt Schwangere zwischen ihrer Pflichtberatung bei einer Schwangerschaftsberatungsstelle und der tatsächlichen Abtreibung mindestens drei Tage warten. Doch das ist noch nicht alles: Warten auf einen Termin bei der Gynäkologin, dann das Beratungsgespräch und die vom Staat verordneten 72 Stunden Bedenkzeit. Dann die Suche nach einer Klinik, die den Eingriff vornimmt. »Ich habe sowohl das gesetzlich auferlegte Gespräch als auch die Bedenkzeit als bevormundend und einschränkend empfunden«, sagt Laura. Ungewollt Schwangere wie sie seien durch die Gesetzgebung gezwungen, mit einem wildfremden Menschen über eine der persönlichsten Entscheidungen zu sprechen. Außerdem wird damit impliziert, dass Frauen diese Entscheidungen nicht alleine und selbstbestimmt treffen können. Und die Bedenkzeit war für Laura quälend.

Dennoch fühlte sie sich beim Sozialarbeiter des Gesundheitsamtes wohl. »Er lächelte mich oft durch seine Maske an, hörte mir zu und zwang mir keine Meinung oder Entscheidung auf«, berichtet Laura. Da sie ihren Beschluss im Grunde gefasst hatte, sprachen die beiden hauptsächlich darüber, wie sie den Prozess bisher erlebt habe und über Verhütungsmittel. »Ich habe das Gefühl, es war ihm fast unangenehm, dass ich ohne seine Einwilligung den medizinischen Abbruch nicht vornehmen kann«, sagt Laura. Ihre ursprüngliche Sorge, sich rechtfertigen zu müssen oder dass man versuchen würde, sie sogar noch zu »überreden«, war in diesem Fall unbegründet. Doch ist das nicht immer so. Gerade kirchlichen Beratungsstellen wird nicht selten der Versuch der Beeinflussung nachgesagt. Trotz der positiven Erfahrung sagt Laura: »Ich hätte auf das Gespräch gut verzichten können.« Für Schwangere, die sich nicht sicher sind, ob sie ein Kind haben möchten oder nicht, sei diese Möglichkeit der Beratung super, findet Laura. Doch für die vielen, die sich bereits für eine Abtreibung entschieden haben, sei es bevormundend.

Immer noch gibt es Menschen, die glauben, dass Abtreibungen in Deutschland legal sind. Das ist ein Irrtum. Laut dem Paragraf 218a Strafgesetzbuch sind Schwangerschaftsabbrüche rechtswidrig und nur unter bestimmten Voraussetzungen straffrei. Dazu zählt, dass Abbrüche nur in den ersten zwölf Wochen einer Schwangerschaft durchgeführt werden dürfen und dass die betroffene Person eine Bescheinigung vorlegen kann, mindestens drei Tage vor dem Eingriff beraten worden zu sein. Laura meint außerdem: »Es wird suggeriert, bei einer Abtreibung würde etwas Menschliches umgebracht.« Denn der Paragraf 218a steht in jenem Kapitel des Strafgesetzbuchs, das die Überschrift »Straftaten gegen das Leben« trägt und eben auch Gesetzgebung zu Verbrechen wie Mord und Totschlag behandelt. Dabei werde weder juristisch noch medizinisch vor dem dritten Monat von einem Kind beziehungsweise einem Menschen gesprochen, meint Laura.

Es sei auf einmal auch nicht mehr ihre Entscheidung über ihren Körper gewesen. »Andere hatten bei dem, was mit mir passiert, ein Wörtchen mitzureden.« Eine Erfahrung, die Laura als völlig absurd beschreibt. Ähnlich absurd seien einige der Reaktionen in ihrem Umfeld gewesen. So wollte eine Freundin wissen, ob sie darüber nachdenke, was für ein Mensch das Kind geworden wäre. Ein Mädchen oder ein Junge, vielleicht ein zukünftiges Staatsoberhaupt? »Als ich in Schwangerschaftswoche acht darauf hinwies, dass es ja noch kein Kind, sondern ein Zellhaufen ist, entgegnete mir eine andere Person: Ja, das mit dem Zellhaufen würde ich mir auch einreden.« All das waren Reaktionen von Frauen, die ihr nahestehen und damit ja auch wohlgesonnen sind, sagt Laura. Dennoch musste sie sich gegen unterschwellige Schuldzuweisungen und unangebrachte Neugier wehren. »Die fehlende Empathie hat mich verletzt«, so Laura.

Im Internet begegneten Laura schließlich weitere Absurditäten und verletzende Momente: »Whatsapp schlug mir jedes Mal, wenn ich das Wort ›schwanger‹ eingegeben habe, als Emoji eine glückliche Frau mit Kugelbauch vor.« Auf Webseiten, auf denen sie zu den Veränderungen ihres Körpers recherchieren wollte, musste sie sich erst durch Texte über ihr »wachsendes Baby« klicken, bis es um ihren eigenen Körper ging. »Viel zu viele Informationen im Internet sind für Menschen ausgelegt, die schwanger sein wollen. Ungewollt schwangere Personen weichen von der Norm ab und bekommen es permanent zu spüren«, findet Laura. Oft werden Abtreibungen als besonders psychisch belastend dargestellt oder empfunden. Doch für Laura war das anders: Der medikamentöse Abbruch war für den Kreislauf heftig, sie verlor viel Blut. Mental war sie froh, es durchgestanden zu haben: »Psychisch ging es mir gut. Darüber wird viel zu wenig gesprochen, dass es nach dem Abbruch für Frauen auch einfach okay sein kann.«

Bei der Suche nach Informationen und Hilfe begegnet vielen außerdem Hass: Sie und jene Ärzt*innen, die Abtreibungen durchführen, werden als Mörder*innen beschimpft. Gut getarnte Webseiten von Abtreibungsgegner*innen porträtieren Embryos im Frühstadium bereits als Minimenschen. Dabei ist der Embryo bis zur sechsten Schwangerschaftswoche noch gar nicht ausgebildet, und lediglich die Fruchtblase ist sichtbar. Immer wieder vergleichen Abtreibungsgegner*innen Schwangerschaftsabbrüche auch mit dem Holocaust. Betroffene müssen sich durch fürchterliche Bilder auf Webseiten klicken, um an wichtige Informationen zu kommen: Wo werden Abbrüche durchgeführt? Welche Methoden werden dort angeboten und was sind deren Vor- und Nachteile?

Einen Monat nach dem Abbruch fühlt sich Laura manchmal noch anders: Körperlich spüre sie weiterhin Folgen, mental verarbeite sie noch immer das Erlebte. Durch die Erfahrung habe sich viel verändert: »In der Beziehung zu meinem Partner und meinen Freund*innen fühle ich mich nicht immer verstanden. Ich kann es niemandem verdenken. Auch wenn ich mich selber dafür entschieden habe: In mir ist etwas gestorben - das ist für Außenstehende schwer vorstellbar.« Die Tatsache, dass noch immer öffentlich wenig über Schwangerschaftsabbrüche geredet wird, führt zu Stigmatisierung und gesellschaftlicher Verurteilung der Betroffenen. »Ich hatte teils das Gefühl, Menschen würden Reue und Schuld von mir erwarten. Ich persönlich sehe Abtreibungen als normalen medizinischen Eingriff an.« Eine solche Mentalität erwarte sie von einer progressiven Gesellschaft, die die Rechte von Frauen respektiert und fördert, so Laura.

Die für Laura unverzichtbare Unterstützung und Beratung kam tatsächlich nicht vom Staat, sondern von Frauen mit gleicher Erfahrung. So habe eine Freundin, mit der sie vor zwei Jahren viel über deren eigene Abtreibung gesprochen habe, ihr mit Rat und Tat zur Seite gestanden. »Nicht nur emotionale, sondern vor allem praktische Informationen über den endlos scheinenden Prozess und widersprüchliche Gefühle waren für mich Gold wert.«

Eine weitere Freundin rief Laura kurz nach dem Abbruch an. Sie habe von gemeinsamen Freundinnen gehört, was passiert war, und wisse genau, wie es ihr geht. Vor sieben Monaten habe die Freundin selbst eine Abtreibung gehabt. »Solche Situationen waren kein Einzelfall. Viele Frauen erzählten mir von ihren Abbrüchen, fast jede Person kannte eine Freundin, Schwester, Kollegin, Mutter oder Oma, der das auch passiert ist«, erzählt Laura. Diese Gespräche hätten ihr Kraft gegeben. Eine ehemalige Kommilitonin gratulierte ihr zu ihrem neuen Job und zur Abtreibung. Beides seien exzellente Lebensentscheidungen.

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