Ich komme in die Bullenwache mit Sprachkompetenz

Eine Studie über Rassismus in der Polizei würde nichts zur Debatte um Polizeigewalt beitragen, findet Jeja Klein

  • Von Jeja Klein
  • Lesedauer: 3 Min.

Auch nach dem neuesten Nazi-Skandälchen in der deutschen Polizei weigert sich der Innenminister beständig, eine groß angelegte Studie über Rassismus bei den Cops durchführen zu lassen. Meine linken Freund*innen sind für diese Studie, weil sie sich davon eine belastbarere Datengrundlage zum deutschen Polizeiproblem erhoffen, sodass wir danach diskutieren können. Ich sage es nur ungern, aber ich muss mich auf die Seite von Horst Seehofer schlagen.

Vergangenen Sonntag hatte es in Dresden eine Demonstration für die Aufnahme ehemaliger Moria-Insass*innen gegeben. Ein Video von dem gewohnt besonnenen Verhalten der sächsischen Polizei hatte danach für Zoff gesorgt: Zu sehen war, wie der Einsatzleiter einige vermummte Demonstrant*innen anmackert, die wiederum mit leichtem Gedränge gegen den Beamten reagieren, wie man es bei Demonstrationen alltäglich zu sehen bekommt. Deutlich zu vernehmen ist, wie der Polizist daraufhin zu einem Demonstranten sagt: »Schubs mich, und du fängst dir ’ne Kugel!« Das Schubsen ging weiter, der Beamte wich zurück, griff, völlig frei stehend, an seine Dienstwaffe und zog sie ein Stück weit heraus.

Die Polizeidirektion Dresden kündigte eine Stellungnahme zum Clip an, und schon am Montag war das heiße Stück fertig und durch die Öffentlichkeitskanäle gejagt: Den Kollegen sprach man kurzerhand frei, irgendetwas getan zu haben, was disziplinarrechtliche Schritte rechtfertigen würde. Der bedrohliche Satz hätte zwar nicht fallen dürfen, aber die Situation sei auch unübersichtlich gewesen. Das Herausziehen der Pistole wird darum auch kreativ als Sicherung vor einer gefürchteten Wegnahme gewertet. Über den Beamten wird gesagt: »Er bedauerte seine Aussage und konnte gleichzeitig glaubhaft versichern, dass die Anwendung der Schusswaffe oder auch nur deren Androhung nie eine Handlungsoption für ihn war.«

Haben Sie’s gemerkt? Die Bedrohung mit tödlicher Gewalt wird eingeräumt, nur um kurz darauf zu behaupten, dass diese eingeräumte Bedrohung nie eine Handlungsoption war. Darum kann die Drohung gleichzeitig passiert sein und doch nicht passiert sein! Womit wir wieder bei der Rassismus-Studie wären. Eine solche Studie würde tatsächlich überhaupt nichts Stichfestes zur Debatte um Polizeigewalt und Rassismus beitragen. Der überwiegende Teil der Cops ist schlichtweg sprachlich viel zu inkompetent, die Bedeutung von Beschreibungen von Gewalt und Rassismus zu begreifen. Wir kennen das Phänomen seit Jahren beim Racial Profiling: Polizist*innen räumen immer wieder diese Praxis öffentlich ein und beschreiben sie im Detail, um danach explizit zu bestreiten, dass es Racial Profiling gibt. Als der Stuttgarter Polizeipräsident im Fokus der Öffentlichkeit stand, weil er die unschuldigen Verwandten von Verdächtigen der Stuttgarter Randale-Nacht ermitteln lassen wollte, hatte man ihm den Begriff »Stammbaumforschung« in den Mund gelegt. Doch was er wirklich sagte, ist kaum weniger erschreckend: »Bei weiteren elf deutschen Staatsangehörigen mit Migrationshintergrund steht dieser Migrationshintergrund noch nicht gesichert fest (...), und das bedeutet letztendlich: Recherchen bundesweit bei den Standesämtern, um letztendlich diese Frage festzustellen.«

Gemerkt? Der Migrationshintergrund stand gleichzeitig fest und nicht fest. Einer Studie über Rassismus in der Polizei wäre darum eine Studie über grundlegende Sprachkompetenzen in deutschen Bullenstuben vorauszuschicken. Nur so könnten wir eine faktenbasierte Debatte beginnen.

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