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Siemens im Stresstest

Der Münchner Elektronikkonzern trennt sich von seiner Energiesparte

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 3 Min.

Siemens Energy wird diesen Montag zum ersten Mal an der Börse in Frankfurt notiert werden. Erst vergangenen Freitag war der Energiekonzern von der Siemens AG abgespalten worden. Es ist die größte Abspaltung einer Unternehmenssparte, die es in Deutschland je gegeben hat. Mit mehr als 20 Milliarden Euro Börsenwert ist der Neuling ein Kandidat für den Deutschen Aktienindex Dax. Berlin bekäme damit im kommenden Jahr wieder ein Unternehmen aus der ersten Börsenliga.

Bereits im Frühjahr 2019 gab Siemens seine Absicht bekannt, die traditionsreiche Energiesparte abzutrennen. Deutschlands Industrie-Ikone kappte nun tatsächlich seine Wurzeln. Die 1847 in Berlin gegründete Siemens AG trennte sich zunächst von 55 Prozent. Windparks, Gaskraftwerke und Stromübertragung sollen künftig nur noch eine Kapitalanlage für die Münchner sein, geschäftlichen Einfluss will Siemens nicht mehr nehmen. Bei entsprechenden Börsenkursen werde man sich noch von weiteren Aktien trennen, so die Konzernleitung.

Die bisherigen Siemens-Aktionäre, darunter Blackrock, der Staatsfonds von Katar und Abertausende Kleinaktionäre, bekommen für jeweils zwei Siemens-Aktien eine Aktie von Energy zugeteilt. Ein vergiftetes Geschenk: Experten erwarten, dass der Kurs der Siemens-Aktie entsprechend fallen wird. Siemens-Boss Joe Kaeser hatte im Mai einen 400 Seiten starken Abspaltungsbericht vorgelegt. Mit dem »Spin-off« von Energy werde »ein wesentlicher Meilenstein der Neuausrichtung erreicht, die die Siemens-Unternehmen auf die gewaltigen technologischen Transformationen vorbereitet«.

Die Neue Siemens AG mit dann nur noch 300 000 Beschäftigten, von denen zwei Drittel im Ausland arbeiten, soll sich auf die digitale Industrie, intelligente Infrastruktur und Mobilität konzentrieren. Die Medizintechnik-Sparte wurde bereits 2018 an die Börse gebracht. Der vor seinem Abschied stehende Kaeser will mit dieser Konzentration auf wenige Bereiche einen Niedergang verhindern, wie ihn der vermeintlich zu breit aufgestellte Konkurrent General Electric (GE) durchmacht.

Die Zukunft der neuen Aktiengesellschaft sehen renditeorientierte Investoren dagegen eher skeptisch. Auch dem Dachverband der Kritischen Aktionäre erscheint es völlig schleierhaft, wie sich Energy zukünftig in Energiemärkten aufstellen und gleichzeitig den Zielen des Pariser Klimaschutzabkommens gerecht werden will. »So bleibt der Eindruck, dass der Spin-off nur eine Variante ist, sich von einer renditeschwachen Unternehmenseinheit zu trennen«, hieß es im Gegenantrag auf der virtuellen Konzern-Hauptversammlung im Juli.

Das sieht Christian Bruch, der Vorstandsvorsitzende der Siemens Energy AG, naturgemäß anders. Seit Anfang September wirbt er um Investoren, die nach dem Börsengang Energy-Aktien kaufen sollen. Zuletzt hatte seine Sparte einen Nettoverlust von 1,5 Milliarden Euro gemeldet. Bruch verspricht nun eine »Transformation«. Alle Arbeitsprozesse sollen genau unter die Lupe genommen werden, die Profitabilität muss um Milliardenbeträge steigen. Konkretes wird er aber frühestens Anfang 2021 und nach Rücksprache mit dem Betriebsrat bekannt geben.

Zugleich soll der Konzern grüner werden. »Die Frage lautet nicht, ob wir aus der Kohle rausgehen, sondern wann und wie«, so Bruch. Siemens steht nicht zuletzt wegen eines umstrittenen Kohleprojektes in Australien seit Ende vergangenen Jahres bei Umweltaktivisten in der Kritik. Gleichzeitig setzt Bruch auf »die Marktchancen der Energiewende«. Mit Siemens Gamesa gehört einer der weltweit größten Windkraftanlagenbauer zum neuen Konzern.

»Wir müssen die öffentliche und politische Debatte um die Energiewende als Unternehmen aktiv und intensiver mitgestalten«, sagte Vorstandschef Bruch der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« kürzlich in einem Interview. Das habe auch den Ausschlag für Berlin als Standort der künftigen Zentrale gegeben. Neben der Bundeshauptstadt wurden München, Erlangen und Mülheim als potenzielle Unternehmenssitze geprüft. Bruch wollte aber lieber ganz nahe an den Verbänden und der Politik sein.

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