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Früh wie nie und doch zu spät

Nach 18 sieglosen Spielen wird Schalke-Trainer Wagner freigestellt

  • Von Daniel Theweleit, Gelsenkirchen
  • Lesedauer: 4 Min.

Ein paar dürre Worte reichten den Schalker Verantwortlichen, um das nächste Kapitel des wohl größten Krisenepos seit dem Jahr 2000 zu beenden. »FC Schalke 04 stellt Cheftrainer David Wagner frei«, teilte der Klub am Sonntagmorgen nach dem gruseligen 1:3 gegen Werder Bremen mit, dem 18. Bundesligaspiel nacheinander, das die Mannschaft nicht gewinnen konnte. Zusammen mit dem 0:8 von München ergibt sich daraus die schlechteste Startbilanz, die es in der Geschichte der Bundesliga jemals gab.

Vor allem aber haben sich alle Hoffnungen zerschlagen, Wagner könnte in der Lage sein, diese verunsicherte und aufgrund der schwierigen Finanzlage nur notdürftig zusammengebastelte Mannschaft irgendwie in ein konkurrenzfähiges Team zu verwandeln. »Wir alle hatten gehofft, dass wir die sportliche Wende zusammen mit David Wagner schaffen können«, ließ sich Sportvorstand Jochen Schneider in der sonntäglichen Klubmitteilung zitieren. »Leider haben die ersten beiden Spieltage der neuen Saison nicht die dafür notwendigen Leistungen und Resultate erbracht.« Auch die Assistenztrainer werden entlassen, über alle Fragen, wie es weitergeht, werde der Klub »in den kommenden Tagen informieren«, hieß es weiter.

Am Abend zuvor, nach dem Spiel gegen Werder Bremen, in dem die Mannschaft bis auf eine kurze Phase nach der Pause abermals enttäuscht hatte, artikulierte Wagner noch die Hoffnung auf eine weitere Bewährungschance. »Es ist immer die Frage: Bist du Teil der Lösung oder Teil des Problems? Und ich bin der Überzeugung, ich kann Teil der Lösung sein«, erklärte er. Auf welcher Grundlage er zu dieser Überzeugung gelangte, sagte er jedoch nicht. Wie schon bei der Demütigung von München hatte er mehr oder weniger regungslos mit angesehen, wie seine Mannschaft unterging. Als habe er längst den Glauben an seinen eigenen Einfluss auf die Spieler verloren - ein fatales Signal.

Wobei Wagner wie auch Schneider, der derzeit wichtigste Gestalter im Klub, nur einen Teil der Schuld am sagenhaften Niedergang trägt. Schalke ist über Jahre heruntergewirtschaftet worden. Wagner hatte in der vorigen Woche angedeutet, dass weder er noch Schneider noch der Transferexperte Michael Reschke bei ihren Einstellungsgesprächen über den desaströsen Gesamtzustand des Klubs informiert worden seien. Nun sitzen sie da mit einem Haufen sehr teurer und oftmals überbezahlter Spieler, mit dem Schuldenberg von mittlerweile wieder deutlich über 200 Millionen Euro und ohne den finanziellen Spielraum, kurzfristig halbwegs schlüssige Veränderungen vorzunehmen.

Ein Argument für das lange Festhalten an Wagner ist wohl auch das Gehalt von angeblich rund zwei Millionen Euro pro Jahr gewesen, die dem entlassenen Trainer bis zum Vertragsende im Sommer 2022 zustehen. Wer weiß, mit welchen kleinen Summen Schneider und Reschke in diesem Sommer um Verstärkungen warben, erkennt schnell, dass es den Klub hart trifft, nun einen neuen Trainer bezahlen zu müssen. Gut möglich ist, dass die Trennung in einer finanziell entspannteren Zeit bereits nach der vergangenen Saison vollzogen worden wäre, schon da hatte die Serie siegloser Partien längst eindrucksvolle Dimensionen erreicht. Und dass von Wagner aussortierte Spieler wie Sebastian Rudy, Mark Uth, Ralf Fährmann oder Nabil Bentaleb, die aufgrund ihrer Verträge eher unfreiwillig zur Rückkehr gezwungen waren, kein besonders vertrauensvolles Verhältnis mehr zu diesem Trainer hatten, ist naheliegend. Am Samstag standen dennoch alle vier in der Startelf.

Der erschreckende Gesamtzustand, in dem der Klub sich befindet hat aber viele Väter. Der im Frühsommer zurückgetretene Aufsichtsratschef Clemens Tönnies trägt den wohl größten Teil der Verantwortung, aber auch die ehemaligen Manager Horst Heldt (heute Köln) und Christian Heidel haben keine Substanz hinterlassen, sondern Baustellen ohne erkennbares Bild von dem Gesamtwerk, das irgendwann fertig gestellt werden könnte.

Als mögliche Nachfolger für Wagner werden nun Leute wie Manuel Baum, Dimitrios Grammozis, Sandro Schwarz oder Marc Wilmots genannt, und es wird über eine Lösung spekuliert, die Hoffnungen auf eine echte Trendwende nährt: Ralf Rangnick. Der Schwabe war schon zweimal Trainer in Gelsenkirchen, bei RB Leipzig hat er eng und vertrauensvoll mit Schneider zusammengearbeitet, und er hat ein Herz für Schalke. »Ich bin seit acht Wochen frei. Wenn ich sagen würde, Schalke interessiert mich nicht, würde ich lügen«, sagte Rangnick am Sonntagmorgen in einer Talkrunde auf »Sky«, ergänzte jedoch: »Im Moment, stelle ich es mir schwer vor, ein drittes Mal dorthin zu gehen.« Das klingt zumindest so, als würde es sich lohnen, mal mit Rangnick zu sprechen - aber vielleicht ist Jochen Schneider da längst dabei.

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