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Mathematik der Vorsicht und Wege der Heilung

Was Politik und Gesellschaft aus der ersten Welle der Corona-Pandemie lernen sollten

  • Von Heinrich Niemann
  • Lesedauer: 7 Min.
Coronakrise: Mathematik der Vorsicht und Wege der Heilung

Seit gut 200 sind große Teile unserer Welt mit der medizinischen und gesellschaftlichen Herausforderung des Virus Covid-19 befasst. Der italienische Autor und Physiker Paolo Giordano nannte in seinem vor etwa 150 Tagen erschienenen Büchlein »In Zeiten der Ansteckung« diese Pandemie die »bedeutendste medizinische Notfallsituation unserer Zeit«. Er beschreibt die mathematischen und hygienischen Grundregeln der Epidemie. Er appelliert mit klugen Gedanken an die Einsicht, Vernunft und Solidarität der Menschen. »Die Epidemie ermuntert uns also, uns als Teil eines Kollektivs zu begreifen.« Und dass wir mehr Vorstellungskraft entwickeln müssen, warum das Verhalten auch jedes Gesunden das epidemische Geschehen beeinflusst. Für ihn gilt eine »Mathematik der Vorsicht«, die aber hilft, das »Dilemma der Quarantäne« für die nicht Angesteckten zu verstehen und auszuhalten.

Wir müssen begreifen, so appelliert Paolo Giordano aber auch eindringlich, dass die Ansteckung nur ein Symptom ist und die Infektion in der Ökologie liegt. Die Umweltzerstörung, der Klimawandel bringen die »Viren als Flüchtlinge« hervor. »Nicht die Mikroben suchen uns, sondern wir sind es, die sie aufstöbern.«

In Deutschland und einigen anderen Ländern ist es inzwischen gelungen, die Pandemie weitgehend unter Kontrolle zu bringen. Aber in den USA, in anderen Industriestaaten Europas und in weniger entwickelten Ländern ist man weit davon entfernt, herrschten und herrschen zum Teil andere, ja katastrophale Verhältnisse.

Die ermutigende Botschaft ist, dass es möglich ist, pandemische Prozesse aufzuhalten und einzudämmen, auch wenn es noch keinen Impfstoff bzw. kausale Therapien für Erkrankte gibt. Hierbei ist ein Loblied auf die Handhabung und Durchsetzung schon lange bekannter, wirksamer und, wenn man so will, »unspezifischer« Hygieneregeln anzustimmen. Sie waren bisher und bleiben für den Erfolg entscheidend. Die Quittung für ihre Nichteinhaltung hat es auch bei uns gegeben, in Kliniken, in Pflegeeinrichtungen, in Fleischbetrieben, bei Partys ...

Nicht ermutigend sind die Zeichen von Unvernunft, Missachtung dieser Sachverhalte bis hin zur Leugnung der Pandemie. Eine Bedrohung der Gesundheit muss zuallererst mit den international anerkannten, bewährten und überprüfbaren Grundsätzen und Erkenntnissen der Medizin bekämpft werden. Das ist der Ausgangspunkt für die Entscheidungen der Politik. Das ist auch der beste Schutz gegen politischen Missbrauch. Dazu braucht es plausible Erklärung der Maßnahmen und zuverlässige Informationen über die Risiken, an Covid-19 zu erkranken. Dem Selbstlauf darf keine Seuche überlassen bleiben.

Vorausgesetzt, die Regierung und Verantwortlichen eines Landes haben den politischen Willen zur Bekämpfung, haben sich folgende Faktoren als wirksam gezeigt:

Ein Gesundheitswesen, das sich schnellstmöglich auf eine epidemische Lage umstellen kann, imstande ist, ausreichend Betten und Behandlungskapazitäten bereitzustellen, durch Tests und gezielte Kontrollmaßnahmen die Infizierten zu erkennen und durch Abstand, Quarantäne und andere hygienischen Maßnahmen diese von den nicht angesteckten gesunden Menschen zu trennen.

Eine soziale Absicherung aller Bevölkerungsteile im Fall der Erkrankung sowie Wohn-, Lebens- und Arbeitsbedingungen, die es überhaupt ermöglichen, die hygienische Auflagen und antiepidemischen Verhaltensweisen einzuhalten.

Zweifellos können auch kulturelle Gewohnheiten, der gegebene Gesundheitszustand der Menschen und die Bereitschaft der Gesellschaft und jedes einzelnen Bürgers zur Einhaltung der Regeln wesentlich den Verlauf einer Pandemie beeinflussen.

Deutschland konnte bei diesen Faktoren auf einer soliden Basis aufbauen bzw. nach den anfänglichen Schwierigkeiten ein fundiertes Programm umsetzen. Der kritische Blick auf die USA oder Russland, Indien und Südamerika muss sich an solchen Kriterien orientieren und darf sich nicht auf die oberflächliche Kategorisierung von »Diktatur« oder »Demokratie« oder gar auf die menschenverachtenden Eigenheiten eines Präsidenten Trump oder Bolsonaro reduzieren. Entscheidend ist, welchen Platz die Gesundheit in der Gesellschaft einnimmt. In den USA ist nicht nur beklemmend, dass es der Administration und vernünftigen Kräften nicht gelingt, einen dem Menschenrecht auf Schutz der Gesundheit verpflichteten und medizinisch begründeten Kurs in einem Land durchzusetzen, das wesentliche Voraussetzungen dafür hat. Wieso nehmen die USA ihre doch vermeidbaren hohen Todeszahlen in Kauf und gefährden zudem noch den Rest der Welt? Die Pandemie offenbart so auf krasse Weise auch den Zustand des politischen und Gesellschaftssystems in den USA.

Es gibt für Deutschland keinen Grund, sich zurückzulehnen. Trotz der unbestreitbaren Erfolge ist eine gründliche Analyse der Corona-Epidemie unabdingbar, und zwar auf allen Ebenen und in allen Bereichen, vom Bundestag bis zur Kommune.

Auf einen solchen Notfall muss und kann künftig das gesamte Gesundheitswesen als entscheidender Teil der Daseinsvorsorge unabhängig von Eigentums- oder Unterstellungsverhältnissen besser vorbereitet werden. Dafür müssen aktuelle Pläne vorhanden sein, die ohne Zeitverzug umgesetzt werden können. Dem Staat fällt eine entscheidende koordinierende Rolle in einer Pandemie zu, die aber nur als Anstrengung der gesamten Gesellschaft zu meistern ist. Ein Grund mehr, das Recht auf Schutz der Gesundheit endlich in das Grundgesetz aufzunehmen. Ein Ding wie ein Virus ist keine Zumutung für eine Demokratie. Die richtige Bekämpfung einer Gesundheitsbedrohung der Bevölkerung ist im Gegenteil bester Ausdruck von Demokratie.

Die Erforschung und mediale Darstellung einer Seuche sind fundamentale Entscheidungshilfe und zugleich Grundlage für eine vertrauensbasierte Orientierung der Bevölkerung. Bei aller Bedeutung der mathematischen Modelle für das Virus hat sich ziemlich schnell gezeigt, dass in einzelnen Bundesländern, Kommunen oder auch Bevölkerungsgruppen das Virus sich nicht exponentiell ausgebreitet hat, wegen schneller Gegenmaßnahmen oder anderer Faktoren. Diese territorial unterschiedliche Belastung war und ist eine wesentliche Bedingung für die Bekämpfung bzw. für mögliche Lockerungen. Es sei dahingestellt, ob es sinnvoll ist, flächendeckend jeden zu testen. Aber wir brauchen weiterhin gezielte Studien und auch anhaltende Kontrollen in einzelnen Bevölkerungs- oder Berufsgruppen, besonders bei Kindern, Lehrern, Ärzten und medizinischem sowie Pflegepersonal. Es ist schwer zu verstehen, dass die angekündigte Teststrategie dafür nur zögernd umgesetzt wird.

Das Corona-Geschehen muss in das gesamte Krankheitsgeschehen eingebettet bleiben. Wir brauchen gesicherte Erkenntnisse über die Wahrscheinlichkeit, dass z. B. ein Schulkind wirklich erkrankt. Dieses Risiko muss verglichen, abgewogen und eingeordnet werden mit anderen Gesundheitsrisiken. Das ist eine ständige Aufgabe bei der Information der Bürger. Man muss doch beachten, dass in Deutschland die meisten Menschen keinen Kontakt hatten bzw. keinen Menschen kennen, der infiziert oder gar erkrankt war. Das begünstigt die Neigung, Risiken zu verkennen. Aber auch das anhaltende Beschwören einer zweiten Welle ohne hinreichende Belege schafft kein Vertrauen.

Schule, Kita und auch bestimmte Jugendfreizeiteinrichtungen können als effektivere Orte gesundheitlicher Sicherheit wirken als die flächendeckende individualisierte, nicht kontrollierbare Überlassung der Kinder in eine objektiv überbeanspruchte häusliche Umgebung. Schule und Kita können eine enge medizinische Kontrolle und ausreichend hygienische Regeln für das Verhalten der Kinder gewährleisten. Es ist gut, dass dieser Weg nun beschritten wird.

Wie wichtig, ja unersetzbar der öffentliche Gesundheitsdienst für eine schnelle, lückenlose Nachverfolgung von Infektionsherden und- ketten war und ist, muss nicht mehr betont werden. Aber sein längst fälliger Ausbau und seine personelle Stärkung muss jetzt in Angriff genommen werden. Mehr qualifizierte und anständig bezahlte Ärzte und Mitarbeiterinnen müssen für diese vor allem präventive Arbeit gewonnen werden. Sie ist nicht nur mindestens ebenso wichtig wie etwa eine klinische Tätigkeit, sie ist die Gewähr für eine funktionierende praktische Bekämpfung epidemischer Erkrankungen in den Städten und Dörfern

Mit der Corona-Pandemie ist ein lange schwelendes Problem wieder sichtbar geworden: Die Struktur der Krankenhäuser und ihre Finanzierung. Vor Kurzem berichtete das ARD-Magazin »Kontraste« über die fatale behindernde Wirkung von Fallpauschalen, wenn medizinisch etwa ein abweichender Behandlungsweg beschritten wird. Die zu Wort gekommenen Ärzte konnten ihr Gefühl einer beruflichen Entmündigung kaum verbergen. Wenn ein Kaiserschnitt im Vergleich zu einer normalen Entbindung auf einer Geburtshilfestation fast ein Drittel mehr Erlös bringt oder bestimmte Operationen im Vergleich zu einer eher sinnvollen konservativen Behandlung der gleichen Diagnose finanziell lukrativer sind, dann ist etwas faul. Die finanziell als wenig ergiebig bewerteten kinderärztlichen Leistungen haben zur skandalösen Schließung der Kinderabteilung in Parchim beigetragen.

Dass das Fallpauschalensystem geändert, abgeschafft werden muss, ist inzwischen übereinstimmende Forderung medizinischer Fachgesellschaften, von Ärztekammern und anderen Vertretern der »etablierten« Medizin und auch von Parteien. Es geht dabei auch um die Beiträge der Versicherten. Der Initiative von Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) im Bundesrat für eine bessere Finanzierung der Kinder- und Jugendmedizin kann man als Schritt zu einer längst fälligen Änderung nur Erfolg wünschen.

Schließlich möchte ich unser Land ermutigen, sich viel stärker in der WHO zu engagieren - politisch, wissenschaftlich und finanziell. Es gibt keine Alternative zu einer weltweit handelnden Gesundheitsorganisation, wenn die Menschheit den neuen und den bestehenden medizinischen Herausforderungen begegnen will.

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