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  • Patrícia Campos Mello

»Keine Warnung, sondern ein Befehl«

Weil sie über Brasiliens Präsidenten Jair Bolsonaro berichtet, ist Patrícia Campos Mello eine der am meisten gefährdeten Journalist*innen der Welt

  • Von Niklas Franzen
  • Lesedauer: 7 Min.

Seit dem 18. Oktober 2018 lebt Patrícia Campos Mello in einer »bizarren Welt«, sagt sie. Brasilien befand sich damals gerade in der heißen Phase des Wahlkampfes, das Land war gespalten wie selten zuvor. An jenem Tag ging um Punkt 14 Uhr ein Text der renommierten Journalistin über illegale Wahlwerbung auf der Homepage der Tageszeitung »Folha de São Paulo« online. Was nur wenige Minuten später folgte, veränderte Mellos Leben: Im Netz starteten Rechte eine Hetzkampagne gegen die Journalistin. Mello wurde mit Morddrohungen und Anzeigen überschüttet, irgendwann feindete sie sogar der heutige Präsident Jair Bolsonaro höchstpersönlich an.

Einen Leibwächter, sagt Mello im Gespräch mit dieser Zeitung, habe sie nie gebraucht. Weder in Syrien noch in Afghanistan oder Libyen, wo sie als Kriegsberichterstatterin arbeitete. Doch als sie in jenem turbulenten Oktober in ihrer Heimatstadt São Paulo über die brasilianische Präsidentschaftswahl berichtete, konnte sie nur noch bewacht auf die Straße treten. Die Drohungen halten bis heute an. Im März kam sie auf Platz drei in der Liste der gefährdetsten Journalist*innen der Welt, eingestuft von der One Free Press Coalition.

In ihrem kürzlich, bisher nur auf Portugiesisch, erschienenen Buch »A máquina do ódio« (Die Maschine des Hasses) zeichnet sie diese für sie sehr bedrohliche Entwicklung nach. Sie beschreibt, wie sie zur Zielscheibe der extremen Rechten wurde. Wie Präsident Bolsonaro versucht, mit gezielten Angriffen auf Journalisten die Pressefreiheit einzuschränken. Wie das größte Land Lateinamerikas zu einem Labor eines autoritären Online-Projekts wurde.

Laut Mello benötige die moderne Version des Autoritarismus à la Orbán, Trump und Bolsonaro weder einen direkten Bruch mit der Verfassung noch einen Putsch im klassischen Sinne. Noch nicht einmal eine Zensur des Internets sei notwendig. Denn: Heutzutage reiche es, die sozialen Medien mit »alternativen Fakten« zu überschwemmen. Diese würden für viele Menschen irgendwann zur Wahrheit werden, andere Narrative ersticken, Verwirrung und Zwietracht stiften.

Welchen Einfluss ein paar dahergetwitterte und -geschriebene Zeilen haben können, kann man in Brasilien beobachten, wo das Smartphone zur wichtigsten Waffe der extremen Rechten geworden ist, vor allem eine Software: WhatsApp. Laut Untersuchungen benutzten bereits im Jahr 2017, also ein Jahr vor der Wahl, 136 Millionen Brasilianer den Kurznachrichtendienst. Das sind mehr als 60 Prozent der Bevölkerung. Andere Umfragen zeigen, dass WhatsApp heutzutage die wichtigste Informationsquelle des Landes ist - weit vor dem Fernsehen oder Facebook. Die Macht der App hat kaum jemand so gut verstanden wie Bolsonaro. Ähnlich wie US-Präsident Donald Trump verachtet der Ex-Militär die traditionellen Medien. Im Wahlkampf kommunizierte er folglich fast ausschließlich über die sozialen Netzwerke. Kein anderer brasilianischer Politiker hatte dort auch nur annähernd so viele Follower wie Bolsonaro.

Sein Sohn Carlos, wegen seiner cholerischen Art auch »Pitbull« genannt, prägte maßgeblich die Online-Strategie seines Vaters, kopierte Methoden aus dem Ausland, initiierte eine aggressive Kampagne im Netz. Bei WhatsApp teilten Unterstützer*innen Bolsonaros millionenfach Hassbotschaften, Falschmeldungen und Diffamierungen. Ein geplantes Programm gegen Homophobie an Schulen, das während der Regierung der Arbeiterpartei PT entwickelt worden war, wurde kurzerhand als Strategie zur »Frühsexualisierung von Kindern« umgedeutet. Die Partei musste irgendwann sogar erklären, keine Babyfläschchen in Form eines Penis an Kindertagesstätten verteilt zu haben. Die Inhalte mögen absurd klingen, doch bei Millionen von User*innen stießen sie auf offene Ohren - und Bolsonaro gewann letztlich auch dank seiner Kommunikation die Wahl. Mello stellt fest: »Die digitale Wahlkampfstrategie des Ex-Kapitäns war den anderen Kandidaten um Lichtjahre voraus.«

Unterstützung erhielt Bolsonaro dabei von Unternehmen, wie Mellos viel beachtete Recherche aus dem Oktober 2018 zeigte. Diese finanzierten illegalerweise Hetzkampagnen gegen die PT und ihren Kandidaten Fernando Haddad, der damals in der Stichwahl gegen Bolsonaro antrat. Über Marketingfirmen im Ausland ließen sie massenhaft WhatsApp-Nachrichten verschicken, mit dem Ziel, dem ultrarechten Politiker zum Wahlsieg zu verhelfen. Mellos Reportage brachte den späteren Präsidenten damit nicht in Verbindung. Das hielt rechte Internet-User*innen jedoch nicht davon ab, eine Hasskampagne gegen sie ins Rollen zu bringen.

Bolsonaro-Fans fluteten die Profile der 45-Jährigen und hackten zwischenzeitlich ihr Handy. Mello und ihre Familie erhielten tausende Morddrohungen. In einer Nachricht hieß es: »Wenn du deinen Sohn schützen willst, verlasse das Land. Das ist keine Warnung, sondern ein Befehl.« Und Bolsonaro? Der teilte auf Twitter fleißig viele der Verleumdungen und beschimpfte Mello auf sexistische Weise. Ihr Fall ist symptomatisch für das Verhältnis zwischen dem Ultrarechten und den Medien.

Bereits im Wahlkampf hatte Bolsonaro immer wieder gegen die traditionellen Medien gehetzt. Insbesondere gegen die liberale Tageszeitung »Folha de São Paulo«, das größte Blatt Brasiliens und Mellos Arbeitgeber, teilte er hart aus. Er nannte die Zeitung die »größten Fake News Brasiliens« und drohte ihr, die staatlichen Anzeigen zu streichen. Auch anderen Medien warf er im Wahlkampf vor, ihn zu »massakrieren«, um ihnen Konsequenzen anzukündigen.

Seit seinem Amtsantritt werden Journalist*innen wie Feinde behandelt, kritische Reporter*innen von Pressekonferenzen ausgeladen, einzelne Reporter*innen gezielt mit Online-Kampagnen eingeschüchtert. »Während der Militärdiktatur in Brasilien wurden Journalisten zensiert, gefoltert und ermordet. Die Diktatur endete 1985. Unter Bolsonaro, ein demokratisch gewählter Präsident, ist die Verfolgung zurück: durch soziale Medien und virtuelle Milizen«, schreibt Mello knapp zwei Jahre nach der Wahl. Vor allem für Frauen sei die Situation besonders bedrohlich.

Die Angriffe beschränken sich nicht auf das Internet. Auch im Parlament übt die Regierung Druck aus. Per Dekret wollte Bolsonaro Unternehmen verbieten, ihre Umsätze in Zeitungen zu veröffentlichen, wie es ein Gesetz aus dem Jahr 1976 vorschreibt. Viele Printmedien sind auf diese lukrativen Anzeigen angewiesen. Bolsonaros Lieblingsfeindmedium ist die »Folha de São Paulo«. Bolsonaro ließ seine Regierung alle Abos kündigen. Dies geschah in derselben Woche, in der US-Präsident Trump erklärte, die Abos von »New York Times« und »Washington Post« im Weißen Haus abzubestellen. Erst kürzlich drohte Bolsonaro dem mächtigen Globo-Netzwerk erneut, dessen Sendelizenz 2022 nicht zu verlängern. Mit dieser Strategie der finanziellen Trockenlegung nicht-opportuner Medien folgt Bolsonaro Schritt für Schritt der Orbán’schen Bedienungsanleitung im Umgang mit unabhängigen Medien.

Die Angriffe auf Journalist*innen bieten Bolsonaro auch immer wieder eine gute Gelegenheit, von Skandalen abzulenken und sich als Opfer eines Komplotts zu inszenieren. So ist es nicht verwunderlich, dass die Attacken zunahmen, als es vor wenigen Monaten noch kurzzeitig so aussah, als würde Bolsonaro im Zuge von Skandalen und Corona-Chaos die Kontrolle entgleiten. Im Mai beschimpfte der Präsident die Belegschaft der »Folha de São Paulo« als »Abschaum« und »Schurken«, nachdem die Zeitung über seine politische Einflussnahme auf die Bundespolizei berichtet hatte. Als Reporter*innen Nachfragen stellten, wurden sie von einem cholerischen Präsidenten angebrüllt: »Haltet den Mund!« Kurz danach, ironischerweise am Internationalen Tag der Pressefreiheit, wurde ein Fotojournalist von Bolsonaro-Anhängern zusammengeschlagen, als er einen Protestzug gegen den Präsidenten beobachtete. Als Ende August ein Journalist auf einer Pressekonferenz eine Frage über verdächtige Einzahlungen auf das Konto von Bolsonaros Frau stellte, erwiderte der Präsident: »Ich habe Lust, dir dein Gesicht einzuschlagen.« Aufgrund der Angriffe und Drohungen erklärten mehrere große Medienhäuser, ihre morgendliche Berichterstattung vor dem Präsidentenpalast einzustellen.

Doch die Kampagnen der rechten Troll-Armeen im Internet gehen weiter, zum Teil mit direkten Verbindungen ins Regierungslager. »Immer wenn ich jetzt einen Text schreibe, der die Regierung betrifft, atme ich tief ein und denke darüber nach, was die Reaktion sein wird«, schreibt Mello. »Werden sie meine Familie verunglimpfen oder obszöne Memes posten? Ich denke darüber nach, ob es wirklich Sinn macht zu schreiben.«

Dennoch: Die große Selbstzensur ist bisher ausgeblieben - im Gegenteil. Viele Journalist*innen, auch traditionell konservative, sind kritischer geworden und bieten der Regierung mit ihrer Arbeit Paroli. Die Devise: Jetzt erst recht. So endet auch Mellos Buch zuversichtlich: »Trotz aller Hindernisse hat die Presse gerade die einmalige Gelegenheit, wieder aufzustehen und die globale Manipulation der öffentlichen Meinung durch soziale Medien zu bekämpfen.«

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