Danke heißt Solidarität

Simon Poelchau über die Diffamierung von Streiks

  • Von Simon Poelchau
  • Lesedauer: 2 Min.

»Tausend Jahre sind ein Tag«, sang einst Udo Jürgens. Man könnte auch sagen: Sechs Monate sind ein ganzes Zeitalter. Denn vor einem halben Jahr wurden die Busfahrer*innen, Pfleger*innen und Kita-Betreuer*innen, die während des Corona-Lockdowns »den Laden am Laufen« hielten, noch für ihren Einsatz beklatscht. Doch nun wagen es die Beschäftigten im öffentlichen Personennahverkehr und im öffentlichen Dienst, sich nicht mehr mit Applaus und warmen Worten zufriedenzugeben. Sie treten für ihre Forderungen sogar noch in den Warnstreik.

Und schon wandelt sich die öffentliche Stimmung gegenüber den Held*innen des Alltags: Auf einer der größten Nachrichten-Websites des Landes beschimpft ein Kommentator die bei den Warnstreiks federführende Gewerkschaft Verdi als »Corona-Maulhelden«; eine Hamburger Wochenzeitung beschwerte sich am Dienstagmorgen über einen ihrer Twitterkanäle, dass der Streik zu überfüllten U-Bahn-Wagen führte. Das sind zwei Beispiele, dass den Beschäftigten Wut entgegenschlägt, nur weil sie ihr gutes Recht auf Warnstreiks bei Tarifverhandlungen in Anspruch nehmen.

Doch so einen Dank haben die Beschäftigten im öffentlichen Dienst und Personennahverkehr wirklich nicht verdient. Wer ihnen wirklich danken will, sollte zumindest nicht maulen, wenn er oder sie mal mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren oder das Kind ein, zwei Tage selbst betreuen muss, weil keine Busse unterwegs sind oder die Kita dicht ist. Denn wer eine Arbeit wertschätzt, muss auch die Person wertschätzen, die diese Arbeit verrichtet. Und dazu gehört es auch, diesen Personen nicht nur eine gute Bezahlung und gute Arbeitsbedingungen zuzugestehen, sondern auch das Recht, dafür zu kämpfen. Insofern heißt Danke sagen auch Solidarität mit den Streikenden zeigen.

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