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Narren im Homesuffice

SOWIESO über Karneval und andere almanisch codierte Rituale

  • Von Adrian Schulz
  • Lesedauer: 2 Min.
Kulturgut Karneval
Kulturgut Karneval

Auf Außenstehende mutet das Rheinland zur Karnevalszeit mitunter an wie die kryptoschwedische Killersekte im Horrorfilm »Midsommar«. Mit der größten Selbstverständlichkeit entpuppt sich nach und nach das gesamte Umfeld als Teil dieses großen Spuks: »Komm doch mit zur großen Anbetung des Jibbenich-Dämons!«, fordern sie fröhlich, als ginge es um den Einkauf bei Rewe. »Das Kostüm tackerst du am besten an der Schläfe fest.« - »Hier eine Nadel, zack, und da auch noch eine, super!« - »Ja, natürlich essen wir auch Menschen. Stell dich nicht so an.«

Ehe man sich versieht, liegt man siechend in seiner Verkleidung als Stein an dem Mast einer Straßenlaterne, die Innereien halbkreisförmig um den Körper verteilt. All die Funkenprinzen und Kawomsmänner dagegen, die seit Monaten mit ihren Vereinen die Städte behonken, sind zu dieser Zeit schon wieder nüchtern - und zählen munter dat viele Jeld, dat die Sause umgesetzt hat. Törö! Törö!

Nun also, im Coronajahr, stellt die nordrhein-westfälische Landesregierung »notleidenden Karnevalsvereinen« 50 Millionen Euro Hilfsgelder in Aussicht. Pflichtbewusst betonen im Gegenzug die diensthabenden Oberspaßführer*innen, dieses Jahr nur im ganz kleinen Kreis schunkeln zu wollen und nach jedem Schnaps auch brav ein Glas Wasser zu trinken.

Geld, damit die falschen Leute fernbleiben? In anderen Ländern, oder wenn »Großfamilien« involviert sind, nennt der Deutsche das liebevoll Schutzgelderpressung.

Nun ja, man will sich halt einfach die Laune nicht verderben lassen an Rhein und Ruhr. Das war schon immer so, egal, wie viele Baugruben und Betonlöcher einstürzten. Schade nur, dass vergleichbare Stützen der Gesellschaft weit weniger Geld für ihren Anteil an der Seuchenbekämpfung zugesteckt bekommen: die Pissetrinkszene etwa mit ihren legendären Großkongressen; die Kaninchenzüchter*innen; die Pflanzenbörsianer*innen.

Das meine ich durchaus ernst. Die Pandemie macht eben auch eine Hierarchie der Hobbys sichtbar: Migrantisch codierte Saufzusammenkünfte werden von Hundertschaften der Polizei aufgelöst, almanisch codierte dagegen sorgsam gepampert. Und was ist überhaupt mit denen, deren Art, Spaß zu haben, nicht so systemkonform ist wie sabbernde Selbstvergiftung? In einer erschreckenden Wendung des Konzepts der »repressiven Toleranz« fordert auf Deutschlandfunk Kultur der Philosoph Arnd Pollmann, die »Stillhalteprämie« für Karnevalist*innen gerade wegen ihrer stabilisierenden Wirkung gut zu finden. Da möchte man sich glatt einen Schuss Desinfektionsmittel spritzen.

Törö! Törö!

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