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Ihre Eltern haben solche Initiativen nicht gestartet: Moderatorin Melanie Stein
Ostdeutschland

Kollektives Coming-out

Junge Ostdeutsche wollen das Bild des Ostens vielschichtiger machen.

Von Ines Wallrodt

Im April 2009, knapp 20 Jahre nach dem Mauerfall, diskutierte man bei Anne Will in der ARD über das Erbe der DDR. Der Titel gab den Ton vor: »Zwischen Unrechtsstaat und Ostalgie«. Als Experten geladen waren ausschließlich Männer: drei Westdeutsche und ein Quoten-Ossi, die Standardaufstellung für Debatten über Ostdeutschland. Und so wird der Osten dann auch wahrgenommen. »Im gesellschaftlichen Diskurs gibt es nur ein sehr eingeschränktes Bild von Ostdeutschland, und das ist vor allem negativ konnotiert«, sagt die Sozialwissenschaftlerin Judith Enders, 1976 in der DDR geboren, Dozentin an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin. Und das sollte sich ändern. Enders hat deshalb vor zehn Jahren die Initiative »Dritte Generation Ostdeutschland« mit gegründet, die heute »Perspektive hoch drei« heißt. Wendekinder wie sie, zwischen 1975 und 1985 geboren, die die DDR noch ein paar Jahre bewusst erlebt hatten, aber im vereinigten Deutschland erwachsen wurden. Diese jungen Deutschen erkennen sich nicht wieder in den Stereotypen über den Osten, sind genervt davon, dass ihnen Westdeutsche erklären, wie der Osten tickt, oder Geschichten über die noch immer »neuen« Bundesländer so klingen wie Auslandsreportagen.

Wie ein Ventil, das geöffnet wurde

Die Konstituierung der »Dritten Generation Ost« wirkte wie ein Ventil, das geöffnet wurde. Ein Jahrzehnt später, inzwischen kann auf 30 Jahre Deutsche Einheit zurückgeblickt werden, sind Dutzende Lebensgeschichten erschienen, geschrieben von Wendekindern und Nachwendegeborenen - offenkundig muss man die DDR nicht erlebt haben, um sich ostdeutsch zu fühlen. Sie suchen den Austausch über individuelle Erfahrungen, die unter den Schlagworten Stasi, Diktatur und Ostalgie keinen Raum finden. Eine erste Welle gab es um 2010, eine neue um 2015. Jedes Mal, das ist dem Berliner Sozialwissenschaftler Daniel Kubiak aufgefallen, sind die Leute ungefähr 30 Jahre alt, wenn die Beschäftigung mit der ostdeutschen Herkunft beginnt. In seiner Dissertation beschäftigte er sich mit der »unendlichen Geschichte« der ostdeutschen Identität. Die eben nicht verschwand mit dem Land und seiner Mauer. Auch deshalb stießen die jungen Ost-Initiativen medial auf so viel Resonanz - es schien zunächst überraschend, dass Menschen, die den größten Teil ihres Lebens im vereinigten Deutschland sozialisiert wurden, sich plötzlich mit Ost-West-Unterschieden befassten. Im Grunde waren sie selbst davon überrascht, dass sie es mussten.

Kubiak, 1982 in Ost-Berlin geboren, erklärt das mit dem Lebensverlauf: Ende der Ausbildung, Einstieg ins Erwerbsleben - und dann beginne die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie und der Familie. »Viele stehen davor, Kinder zu kriegen, und dann fragen sie sich: Wie war eigentlich meine Kindheit?« Zum anderen bemerkten viele erst im Berufsleben, wie wenig Ostdeutsche es in den Chefetagen dieser Republik gibt. Wendekinder, die Karriere gemacht haben, »bleiben die Ausnahme«, sagt Kubiak. Aber einige nutzen ihre Position, diese Benachteiligung zu thematisieren. Mit welchem Erfolg, werde man aber eben erst in 20 Jahren überprüfen können.

Stellvertretend und in eigener Sache

Ihre Eltern haben solche Initiativen nicht gestartet. Die hatten damit zu tun, den Alltag zu meistern, ganz neu anzufangen. Die Erkenntnis ist aus der Migrationsforschung bekannt: »Erst die nachkommenden Generationen haben in der Regel überhaupt die Zeit und die Möglichkeit, zu reflektieren und auf die Probleme aufmerksam zu machen«, sagt die Journalistin und Moderatorin Melanie Stein, bei aller Vorsicht mit solchen Übertragungen.

Lesen Sie auch: Einheit bedeutet Vielfalt. Melanie Stein von der Plattform »Wir sind der Osten« über Klischees vom Jammer-Ossi, Selbstermächtigung und was gut daran ist, dass Ostdeutsche gar nicht hilfsbereiter sind.

Die Kinder sprechen stellvertretend für ihre Eltern - aber auch in eigener Sache. Sie sehen nicht ein, warum sie nicht genauso auf Podien, in Chefetagen und Medienhäusern vertreten sein sollen wie ihre Altersgenossen West. Stein hat im vergangenen Jahr mit einer Handvoll Leuten die Plattform »Wir sind der Osten« gestartet. Zehn Jahre nach der »Dritten Generation Ost« immer noch mit dem Anspruch, das einseitige Bild über den Osten aufzulösen. »Wir wollen ostdeutsche Menschen sichtbar machen, die spannende Projekte verfolgen und die in der regulären Berichterstattung nicht vorkommen«, erklärt Stein. Auf der Website erzählen ganz unterschiedliche Menschen, was es für sie bedeutet, aus dem Osten zu kommen, was sie sich für Ostdeutschland wünschen und was sie in der Zukunft vorhaben.

Veränderungen gibt es, aber im Schneckentempo. Neue Studien weisen darauf hin, dass die Vorbehalte zwischen Ost- und Westdeutschen zwar immer noch groß sind, aber schwinden, insbesondere bei den Jüngeren. Kubiak hält als Fortschritt fest: »Immerhin wird heute darüber geredet, wie wenig Ostdeutsche es in Führungspositionen gibt und wie sehr das Bild des Ostens von Westdeutschen geprägt ist.« Der Diskurs sei vielfältiger geworden. »Junge Ostdeutsche werden gehört.«

Ostdeutsches Klassenbewusstsein

Oder verschaffen sich Gehör: Philipp Rubach hat die Initiative Aufbruch Ost gegründet, die Kritik an der Treuhand hip gemacht hat. Der Lehramtsstudent aus Leipzig, Jahrgang 1996, in Dresden aufgewachsen, stieß auf dieses scheinbar abgehakte Kapitel durch die Erfolge der AfD im Osten und die Frage, wie sich das erklären lässt. In der öffentlichen Debatte war es üblich, Probleme im Osten auf alte DDR-Prägungen zurückzuführen. Aufbruch Ost weist nun in eine andere Richtung. »Mit der Forderung nach Aufarbeitung der Treuhandpolitik ist es uns gelungen, die Nachwendezeit ins Zentrum zu rücken«, sagt Rubach. Er meint damit die verlorenen Kämpfe um Betriebe und Arbeitsplätze, um Anerkennung und Würde und was das für die Bevölkerung im Osten und deren Verhältnis zu Demokratie und Bundesrepublik bedeutet. »Im Osten zeigt sich Klassenbewusstsein nicht selten in Form von ostdeutscher Identität«, hat Rubach festgestellt. Es gebe bei vielen nicht das Bewusstsein »Wir Arbeiter«, sondern »Wir Ostdeutschen«. Der Leipziger betont: »Die Proteste gegen die Treuhandpolitik, das war Klassenkampf, kein Ost-West-Kampf.«

Aufbruch Ost geht es weniger um Diskurs denn um greifbare Verbesserungen: Die Initiative ist konfrontativer als andere Ost-Initiativen, unterstützt die neuen gewerkschaftlichen Kämpfe im Osten für Angleichung der Löhne. Und sie ist überzeugt, dass sie politischen Druck erzeugen müssen. »Wir brauchen ein breiteres Bündnis des solidarischen Ostens, aus zivilgesellschaftlichen, gewerkschaftlichen und prominenten Stimmen mit klarer politischer Forderung: Lohnmauer einreißen, Ostquote, Reindustrialisierung.«

Testfrage: DDR-Fußball

Ohne es zum Programm zu erheben, bereiten die anderen Initiativen dafür den Boden mit. Judith Enders hat irgendwann angefangen, die Bezeichnung ostdeutsch positiv »umzudeuten«, sie zu einer Stärke zu machen. »Das ist auch eine Möglichkeit, Diskriminierung entgegenzuwirken.« Wer Karriere machen wollte oder gemacht hat, hat seine Herkunft bislang lieber verschwiegen. Nun »outen« sich immer mehr, was ein Verdienst von Plattformen wie »Wir sind der Osten« ist. »Dieser Ermächtigungsprozess ist wichtig, um den Diskurs zu öffnen«, sagt Melanie Stein. Für sie ist die Einheit dann verwirklicht, wenn die verschiedenen Perspektiven gleichberechtigt vertreten sind. »Es muss klar sein, dass deutsch nicht nur westdeutsch weiß ist, sondern deutsch, das ist die migrantische Sicht, das ist die ostdeutsche Sicht, das sind feministische Sichtweisen.« Wenn diese Diversität der Gesellschaft tatsächlich abgebildet wird, sei die Einheit gelungen.

Irgendwann angefangen, die Bezeichnung ostdeutsch positiv umzudeuten: die Sozialwissenschaftlerin Judith Enders.
Irgendwann angefangen, die Bezeichnung ostdeutsch positiv umzudeuten: die Sozialwissenschaftlerin Judith Enders.

Lesen Sie auch: »Das Ostdeutsche gibt es nicht«. Judith Enders über stereotype Bilder und positive Erfahrungen der »Dritten Generation Ostdeutschland« und warum die zwar eine Gruppe ist, aber ohne gemeinsame Identität.

Die Sensibilität dafür ist gestiegen. »Heute passiert es seltener, dass in einer Talkshow nur westdeutsche Männer über den Osten reden«, sagt Daniel Kubiak. Dass sich die strukturelle Ungleichheit abbauen lässt, hält er für möglich. Ob aber irgendwann noch mal Teil des gesamtdeutschen kollektiven Gedächtnisses wird, wer 1974 das wichtigste Tor für den DDR-Fußball geschossen hat? Höchst unwahrscheinlich.

Wahrscheinlicher ist: Die DDR bleibt verschwunden, aber die Ostdeutschen werden sichtbarer.

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