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  • Kultur
  • Rainer Werner Fassbinder

Wo es wehtut

Ein sexsüchtiges, koksendes, egomanisches Bayernferkel, das nebenbei genialische Kunstwerke produziert: »Enfant Terrible« ist ein Film über Rainer Werner Fassbinder.

  • Von Maximilian Schäffer
  • Lesedauer: 5 Min.
Nicht Koks und Wahllosigkeit machen gute Filme, sondern dauernde Arbeit trotz Vollrausch: Oliver Masucci als Fassbinder
Nicht Koks und Wahllosigkeit machen gute Filme, sondern dauernde Arbeit trotz Vollrausch: Oliver Masucci als Fassbinder

»Ich muss doch das Recht haben, mich so zu verwirklichen, wie es meinen Krankheiten und meiner Verzweiflung entspricht. Ich brauche die Freiheit, über mich selbst in der Öffentlichkeit zu reflektieren.« - Rainer Werner Fassbinder

An dieser Stelle will Oskar Roehler in jedem deutschen Feuilleton lesen, dass der Titel seines Films, »Enfant Terrible« mehr als Bauernschläue ausstrahlt, dass dieser sogar irgendetwas mit seiner Person zu tun hat. In formvollendeter Selbstprojektion, in bedingungsloser Hybris hat Roehler einen mittelmäßigen Film über ein sexsüchtiges, koksendes, egomanisches Bayernferkel gedreht, das nebenbei genialische Kunstwerke produziert. Rainer Werner Fassbinder heißt sein verschwitzter Protagonist mit Wampe, der in zu engen Pelzmänteln alle zugrunde richtet, die ihm zu nahe kommen. Oliver Masucci spielt diesen Berserker wie einen Paten, der über diejenigen verfügt, die sich in seine Abhängigkeit begeben. Seine Schäfchen sind Dilettanten ohne offensichtliches Talent, mit ihrem Peiniger gemeinsam haben sie den unbedingten Willen zum Ruhm, deswegen halten sie ihn aus.

Dieser monströse Fassbinder entspricht der historischen Darstellung derer, die ihn erlebten und ihm nichts als seine egomanische Präsenz abgewinnen wollten. Er, der vielleicht größte deutsche Regisseur der Nachkriegszeit, gescheitert an Abitur, Filmhochschule und Führerschein, war zu Lebzeiten in München so verhasst, wie es vor und nach ihm nur Helmut Qualtinger in Wien schaffte. Postum blendete dann nur noch sein übergroßes Werk, die einst angeekelte Bundesrepublik glorifizierte ihn bereits zum zehnten Todestag 1992 mit totalitärer Präsenz auf allen Bühnen und Kanälen. Bisexuell hieß der Schwule dann, schwierig der Tyrann.

Oskar Roehlers Leistung besteht auch 2020 darin, sich vielfältiger Chimären der Geschichte respektlos anzunehmen, wobei die Gesinnung seiner Interpretation der Realität schon immer wechselhaft unterhaltsam ist, dabei konsequent geistig misslingt - so etwas ist ihm bekanntlich egal. Vor fünf Jahren stemmte er der penetranten Glorifizierung einer irgendwie, irgendwo, irgendwann wichtigen West-Berliner Punkszene »Tod den Hippies!! Es lebe der Punk« entgegen; Blixa Bargeld ist darin nur ein prätentiöser Aushilfsschankkellner. Ein paar Jahre früher kopulierten und soffen postmoderne Menschen in seiner Verfilmung von Houellebecqs »Elementarteilchen«. Weder mit Fassbinder noch mit Bargeld oder Houellebecq kann sich Roehler messen, er selbst ist ewiger Dilettant, ein Sarkast von der Hinterbank, der ab und zu ins Schwarze trifft.

Zum Beispiel gelingt ihm die Szene, in der Alexander Scheer als Andy Warhol den Masucci-Fassbinder nach seiner eigenen oberflächlichen Erscheinung fragen will und Letzterer antwortet: »Ich gehe immer dahin, wo es wehtut!« Keine Distanz zum eigenen Selbst, keinen Humor, nur die bittere, affige Selbstvernichtung will er sich zugestehen. Dies entspricht der gängigen Mutmaßung, dass Fassbinder sich selbst nicht liebte, und dem Fakt, dass sich mindestens einer seiner Partner wegen ihm das Leben nahm. Armin Meier, der mit Fassbinder vier Jahre lang in einer Liebesbeziehung lebte und sich an dessen Geburtstag mit Schlaftabletten wegrichtete, wird von Roehler als einfacher Liebesautomat porträtiert. Momente, in denen der Film die Wahrheit glaubwürdig und empathisch flankiert, sind selten, aber dann umso stärker, ab und zu sogar beeindruckend traurig: Meier stößt Fassbinder am Flipperautomaten, er spendet ihm starke Arme zum Weinen und viel Samen zum Schlucken, aber nur Trost, keine Lösung für sein rastloses Dilemma. »Burli« nennt der Aushilfsschankkellner Meier den Starregisseur.

Völlig daneben schießt der Film hingegen mit Anmaßungen wie dem Soundtrack, der fast ausschließlich von Songs des frühen Joachim Witt getragen wird. »Kosmetik«, »Herbergsvater« und »Ich bin der deutsche Neger« haben sich als NDW-Kuriositäten im besten Sinne zwar gut gehalten, ihr Einsatz aber dient an dieser Stelle lediglich der camphaften Überpointierung eines Wahnsinns, den Roehler bei Fassbinder wie bei Witt im genialischen Zufall zu finden glaubt.

Nicht aber Koks und Wahllosigkeit machen gute Filme, nicht der 20. Cuba Libre bis zum »Goldenen Reiter«, sondern dauernde Arbeit trotz Vollrausch. Die vollprofessionelle Brigitte Mira lobte stets die in ihren Augen fast preußische Disziplin und absolute Strebsamkeit des Filmemachers, dessen minutiös ausgestalte Arbeitsdrehbücher von manischem Planungszwang zeugen. Fassbinder brachte es auf 44 Filme in 17 Jahren, Witt hingegen nur auf zwei Hits in 18 Studioalben.

Eine gute Stunde lang sieht man sich als Kinozuschauer gerne satt an derartigen Anmaßungen, die »Enfant Terrible« am laufenden Band generiert. Günther Kaufmann (Michael Klammer) muss die Hose runterlassen, El Hedi ben Salem (Erdal Yıldız) seine Kinder quälen lassen, die im Mai verstorbene Irm Hermann morpht kurzerhand zum Transvestiten »Britta« (Anton Rattinger) und muss kotzen. Spätestens eine halbe Stunde später aber ist man als Zuschauer genervt vom ständigen Spektakel, vom redundanten Exzess. Immer weniger hält die Schaulust in immer langsamer fortschreitenden 134 Minuten aufrecht, Roehlers Narration und deren Erzählrhythmus verlaufen zunehmend im Sande, auch die originell gemalten Kulissen und die hübsche Ausleuchtung, angelehnt an Fassbinders letzten Film »Querelle«, verkommen irgendwann zur leeren Anekdote.

An diesem Punkt angelangt, darf man als Rezipient darüber nachdenken, ob es dem Regisseur des Films jemals um irgendetwas anderes ging, als öffentlich über sich selbst zu reflektieren, und wenn diese Annahme stimmt, was man als zahlender Kunde eigentlich davon hat. »Enfant Terrible« ist gut für ein paar Lacher und seltene Momente, in denen angemessen Reizüberflutete über das Paradoxon eines Mannes nachdenken können, der zum Preis persönlicher Schicksale der Weltöffentlichkeit große Kunstwerke vermacht hat. Oskar Roehler hat einen Film verwirklicht, der seinen Krankheiten und seiner Verzweiflung entspricht.

»Enfant Terrible«: Deutschland 2020. Regie: Oskar Roehler; Drehbuch: Klaus Richter. Mit: Oliver Masucci, Hary Prinz, Katja Riemann. 134 Min.

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