Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung
  • Sport
  • Bibiana Steinhaus

Ein letztes Mal Erste

Deutschlands Vorzeige-Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus hört auf.

  • Von Jirka Grahl
  • Lesedauer: 4 Min.
»Es war nie mein Ziel, in 
eine Männerdomäne 
einzudringen; es war mein Ziel, Spiele zu leiten.«
Bibiana Steinhaus, Schiedsrichterin.
»Es war nie mein Ziel, in 
eine Männerdomäne 
einzudringen; es war mein Ziel, Spiele zu leiten.« Bibiana Steinhaus, Schiedsrichterin.

Selbst bei ihrem Abgang von der großen Fußballbühne war Bibiana Steinhaus noch einmal die Erste: Als erste Frau leitete die 41-jährige Schiedsrichterin das Spiel um den deutschen Supercup. Und nach dem Einmarsch in die Münchener Allianz-Arena, Seit an Seit mit den Kapitänen Marco Reus und Manuel Neuer, pfiff sie den 3:2-Sieg der Bayern gegen Dortmund so, wie sie es in ihrer gesamten Laufbahn getan hatte: freundlich, unaufgeregt, aber voller Ernsthaftigkeit. Ihr Spielmanagement war auch in diesem letzten Match herausragend. Als die letzten 90 Minuten vorbei waren, absolvierte die »Weltschiedsrichterin der Jahre 2013, 2014, 2017 und 2018« in sich gekehrt den Abschied am Spielfeldrand und applaudierte bei der Siegerehrung Kimmich, Neuer und Co.

Würdiges Ende einer großen Karriere: Wenige Stunden zuvor erst hatte die Sachbearbeiterin im niedersächsischen Ministerium für Inneres und Sport (Amtsbezeichnung Polizeihauptkommissarin der Polizei Niedersachsen) ihren Rücktritt aus dem Profisport verkündet: Nach »sorgfältiger Abwägung vieler Faktoren« habe sie sich dazu entschlossen, ihre »nationale und internationale Laufbahn als Schiedsrichterin zu beenden«, erklärte sie. Zu gegebener Zeit werde sie sich zu den Gründen äußern, erklärte die bis heute einzige Schiedsrichterin, die es je in die 1. Bundesliga der Männer geschafft hat.

Es darf also noch ein wenig spekuliert werden, was nun ausschlaggebend war für den überraschenden Abschied der Unparteiischen aus Langenhagen bei Hannover. Schließlich wären ihr bis zum Erreichen des Bundesliga-Alterslimits noch sechs Jahre geblieben. Und auf ihr Debüt in dieser höchsten deutschen Spielklasse hatte Steinhaus wirklich lange warten müssen, viel zu lange, wie viele Experten urteilten.

Nachdem sie 2007 als erste Frau in der 2. Männer-Bundesliga allenthalben für Aufsehen gesorgt hatte, sollte es noch erstaunliche zehn Jahre dauern, bis sie endlich auch im Oberhaus des deutschen Fußballs ein Erstligaspiel von Männern leiten durfte. Bibiana Steinhaus hatte bis dahin nicht locker gelassen und gewissenhaft weitergearbeitet, um es schließlich doch noch in die Beletage des deutschen Fußballs zu schaffen.

Als sie am 10. September 2017 endlich als Hauptverantwortliche die Mannschaften von Hertha BSC und Werder Bremen auf den Rasen des Berliner Olympiastadions führen durfte, hatte sie bereits das WM-Finale der Frauen 2012 in Berlin, das olympische Finale der Frauen 2012 in London und das Champions-League-Finale der Frauen 2017 in Cardiff geleitet. Kaum ein Artikel kam ohne die Zuschreibung »Pionierin« aus; Menschen mit DDR-Sozialisation konnten sich zur Assoziation verleitet fühlen, die Frau trage insgeheim Pionierbluse und ein rotes Halstuch und lese in ihrer Freizeit am liebsten die »Trommel«.

Bibiana Steinhaus selbst kam es vor allem darauf an, unauffällig zu agieren. Schließlich ist die beste Schiedsrichterin jene, die man gar nicht wahrnimmt. »Wer Leistung bringt, setzt sich durch. Vollkommen egal welche Hautfarbe man hat, ob der- oder diejenige blond ist, Mann oder Frau. Es war nie mein Ziel, in eine Männerdomäne einzudringen; es war mein Ziel, Spiele zu leiten«, so umschrieb sie einmal ihr Credo.

In der Bundesliga kam sie seit 2017 auf 23 Einsätze. Nicht ein einziges Mal zeigte sie dabei eine Rote Karte, was man als Anzeichen einer gekonnten Spielleitung werten kann, wenngleich eine Tätlichkeit eine Tätlichkeit bleibt und mit Rot geahndet werden muss. Dass es dazu in »ihren« Spielen nie kam, ist Bibiana Steinhaus anzurechnen.

DFB-Präsident Fritz Keller dankte Steinhaus zum Abschied: »Ich bedauere das frühzeitige Karriereende von Bibiana Steinhaus sehr. Der deutsche Fußball muss künftig nicht nur auf eine herausragende Schiedsrichterin verzichten, sondern verliert auch eine außergewöhnliche Persönlichkeit und Pionierin in einer Männerdomäne.« Er hoffe dennoch sehr, »dass viele weitere Schiedsrichterinnen den Profi- genauso wie den Amateurfußball bereichern werden«.

Allerdings reißt die Pionierin mit ihrem Abschied ein großes Loch: Denn dass demnächst eine andere Frau Bundesligaspiele der Männer pfeifen könnte, ist nicht absehbar. Riem Hussein (40) und Karin Rafalski (38) leiten Spiele in der 3. Liga, ein Aufstieg in die erste Liga erscheint bei beiden nicht mehr realistisch. Und im Referee-Nachwuchs ist noch kein weiteres so herausragendes Talent wie Steinhaus zu erahnen.

Ihre Kompetenz wird dem deutschen Fußball indes auch in Zukunft erhalten bleiben - im Hintergrund. Denn Bibiana Steinhaus wird künftig als Video-Referee für den DFB weiterarbeiten. Sie habe diesem Vorschlag von DFB-Schiedsrichterchef Lutz Michael Fröhlich »mit Freude« zugestimmt, teilte sie am Donnerstag mit. Mit den Pioniertaten ist es wohl längst noch nicht vorbei.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
  • Lastschrift

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln