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Rücken gerade, Faust erhoben

Linke-Landeschefin Anja Mayer als Direktkandidatin im Bundestagswahlkreis 56 nominiert

  • Von Andreas Fritsche, Kyritz
  • Lesedauer: 5 Min.

Anja Mayer ist gerührt. »So viele Rosen habe ich noch nie bekommen.« Aus 56 roten Rosen besteht der Blumenstrauß. 56 ist die Nummer des Bundestagswahlkreises, in dem Mayer nun also im kommenden Jahr für die Linke antreten wird. Mit 59 Stimmen wird sie am Freitagabend in Bluhms Hotel & Restaurant in Kyritz nominiert. Es gibt zehn Gegenstimmen und eine Enthaltung.

Der ausgedehnte Bundestagswahlkreis 56 im Nordwesten Brandenburgs besteht aus den dünn besiedelten Landkreisen Prignitz und Ostprignitz-Ruppin und aus einem Stück des Havellandes. 391 Genossen wohnen hier, 71 von ihnen sind in Kyritz erschienen, um ihre Direktkandidatin für die Bundestagswahl 2021 zu nominieren. Einer gibt seine Stimme allerdings nicht ab.

56 rote Rosen hatte auch die Bundestagsabgeordnete Kirsten Tackmann (Linke) erhalten, als sie vor vier Jahren in diesem Wahlkreis nominiert wurde. Im kommenden Jahr hört sie auf. Tackmann ist anwesend und bekommt - nachträglich zu ihrem 60. Geburtstag am 24. September - eine Packung mit Samen alter Gemüsesorten und einen Gutschein für den Baumarkt. Denn die Abgeordnete entspannt sich gern bei der Gartenarbeit. Vorerst wird sie aber weiterhin wenig Zeit dafür finden. Sie verspricht, Anja Mayer im Wahlkampf zu unterstützen.

Die 40-jährige Mayer stammt aus Bayern, aus einer ähnlich ländlich geprägten Region. Sie wohnt in Potsdam, wo ihr achtjähriger Sohn die Schule besucht. Landesvorsitzende der Linkspartei ist sie und hat sich vorgenommen, eine Zweitwohnung im Wahlkreis 56 zu suchen, wenn sie im Bundestag sitzt. Die Chancen für ihren Einzug ins Parlament stehen gut, wenn Mayer Platz zwei auf der Landesliste der brandenburgischen Linkspartei bekommt, für den sie sich bewirbt. An diesem Listenplatz soll angeblich auch die Bundestagsabgeordnete Anke Domscheit-Berg Interesse haben. Domscheit-Berg kennt das Gerücht, sagt aber vorerst nichts über derlei Pläne. Zunächst einmal möchte sie am 10. Oktober als Kandidatin im Wahlkreis 58 nominiert werden.

Als gelernte Arzthelferin weiß Mayer, was es bedeutet, wenn der Rettungswagen in einer ländlichen Gegend 45 Minuten bis zum Einsatzort benötigt. Der Patient kann dann bereits tot sein. Sie fordert, dass ein Rettungshubschrauber in Neuruppin stationiert wird, ohne dafür den Standort in Perleberg aufzugeben. Dem Gesundheitswesen sind lange Abschnitte ihrer Rede in Kyritz gewidmet. »Für uns muss der Grundsatz gelten: Gesundheit ist keine Ware!« Das ist eine der Aussagen, für die sie Beifall erhält.

Mayer hält nichts von den Diskussionen in der Partei, sich auf die Metropolen zu konzentrieren, in denen die Linke zuletzt leichter Stimmen und Mitglieder gewonnen hat. Denn es gebe in vielen Ländern Beispiele, so argumentiert sie, dass sich rechte Parteien zuerst die ländlichen Regionen holen und dann insgesamt stark werden. »Das dürfen wir nicht zulassen«, warnt sie. Zum kommenden Wahlkampf sagt Mayer: »Lasst uns witzig sein und auch frech.« Sie fügt hinzu: »Wir müssen nach draußen gehen, den Rücken gerade machen.«

Mit dem Strauß roter Rosen in der linken Hand steht sie da und hebt lächelnd die rechte Hand - zur Faust geballt. Ein paar Genossen erwidern diesen alten Gruß der Arbeiterbewegung. Jetzt wäre es passend, die Internationale anzustimmen, bemerkt Versammlungsleiter Paul Schmudlach. Doch wegen der Gefahr einer Ansteckung mit dem Coronavirus sei es leider nicht erlaubt, in geschlossenen Räumen zu singen. Hier, im Westen Brandenburgs, gewann die Linke noch nie einen Bundestagswahlkreis, nur in den vier Wahlkreisen an der polnischen Grenze ist das in der Vergangenheit gelungen. Schmudlach betont jedoch: »Wir können Wahlkampf. Dieser Wahlkreis ist kein Erbhof von Sebastian Steinecke.« Der CDU-Bundestagsabgeordnete Steinecke hatte 2017 das Direktmandant geholt.

Die Linke hat eine komplizierte Ausgangslage. Das Rekordergebnis bei einer Bundestagswahl in Brandenburg - stolze 28,5 Prozent - liegt bereits elf Jahre zurück. 2017 waren es nur 17,2 Prozent. Aber selbst das klingt noch fantastisch, gemessen an den 10,7 Prozent bei der Landtagswahl 2019. Andererseits gibt es im Wahlkreis eine ermutigende Entwicklung. Fünf Jahre in Folge legte der Kreisverband Ostprignitz-Ruppin bei der Mitgliederzahl zu und konnte im sechsten Jahr - das war 2019 - die Zahl zumindest halten. Das ist einzigartig in Brandenburg, wahrscheinlich sogar in ganz Ostdeutschland, wo die Linke sonst eher schrumpft. Die üblichen Probleme gibt es auch in Ostprignitz-Ruppin: Alte Genossen sterben, junge ziehen zum Studium in eine Großstadt und bleiben dort. Dennoch haben sich der Kreisvorsitzende Schmudlach und seine Genossen vorgenommen, die Mitgliederzahl auch 2020 zu halten. 16 Eintritte hat es dieses Jahr bis jetzt wieder gegeben. In Bluhms Hotel erhält Calvin Schuster seinen Mitgliedsausweis. Der 20-Jährige, der bei einem Abfallentsorgungsbetrieb den Beruf des Kraftfahrers erlernt, trägt einen Pullover mit dem Aufdruck »Antifaschistische Aktion«. Aber er entschied sich nicht in erster Linie für die Linke, weil diese gegen Rechts kämpft. Das findet Schuster auch wichtig. Noch wichtiger ist ihm aber: »Ich möchte etwas verändern. Es läuft alles schief hier im Land. Wir brauchen soziale Gerechtigkeit.«

Für Veränderungen tritt Anja Mayer an - und dies am Freitag zudem an einem historischen Ort. Schließlich wurde in Kyritz 1945 die Bodenreform ausgerufen. Wer mehr als 100 Hektar Land besaß oder ein Nazikriegsverbrecher war, wurde in der sowjetischen Besatzungszone enteignet. »75 Jahre danach müssen wir feststellen, dass sich die Eigentumsverhältnisse im Osten Deutschlands wieder radikal ändern«, bedauert Mayer. »Die Bodenspekulation greift um sich und Aktienkonzerne kaufen ganze Ländereien auf.« Die Abgeordnete Kirsten Tackmann kämpft dagegen. In ihre Fußstapfen will Mayer treten.

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