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Spontan befreit vom Schmerz des Menschseins

BEST OF MENSCHEIT, Teil 40: Häme

  • Von Tim Wolff
  • Lesedauer: 4 Min.

Irgendwann, vermutlich noch vor Beginn dessen, was der Mensch Geschichte nennt, muss es ein Zuviel an Menschen geworden sein für konsequente Empathie. Oder ist das Empfinden in Stellvertretung eine späte Entwicklung humaner Erziehung? Die Fähigkeit zu spüren, was andere erleiden, zeigen jedenfalls viele Säugetiere (falls das nicht wiederum eine menschliche Empathieprojektion ist).

Und es erscheint nicht abwegig, dass die Fähigkeit mit anderen zu denken und zu fühlen von evolutionärem Vorteil war im Kampf gegen und um die gefährliche Natur. Aber gerade in der häufigen Nähe von Schmerz und Verlust dürfte die sozial hilfreiche Empathie auch zur individuellen Last werden können. Irgendwann muss die Empathie mit Gewalt pausiert werden.

Da kommt die Häme recht: Zu sagen, das Opfer hat das, was es erfahren hat, die Verletzung, Krankheit oder gar den Tod, verdient, und dabei auch noch zu lachen statt (mit) zu weinen, das ist eine Form der Befreiung.

Je zahlreicher und vernetzter der Mensch wurde, desto mehr Gruppen (er-)fand er, mittels derer er aufteilen kann, mit wem es mitzufühlen und wen es zu verhöhnen gilt: Familien, Stämme, Religionen, Völker, Nationen, Rassen, Klassen, Identitäten und was noch. Egal, wie sehr diese Einteilungen in der Konstruktion schon mitfühlend oder hämisch sind, sie alle dienen auch dem Bedürfnis des einzelnen Sapiens, nicht mit allen mitfühlen zu müssen.

So zahlreich und sich der zahllosen anderen seiner Spezies bewusst ist der Mensch längst, dass es ein Massenphänomen geworden ist, dümmlich die Menschheit gesamt zu verachten und die scheinbar harmlos gewordene Natur dümmlich zu verklären - wenn auch diese misanthrope Naturliebe meist in Form von dümmlicher Liebe zu dümmlichen Haustieren Ausdruck findet.

Häme gegen die eigene Daseinsform ist ein beliebter Ausweg aus der Überlastung der ständigen schlechten Nachrichten geworden, die immer schnellere Medien übermitteln.

Die Kultur in ihrer industrialisierten Form produziert fortlaufend - die Nachfrage bestimmt das Angebot - Häme über die Fehler und Leiden fiktiver und fiktionalisierter (also realer medialisierter) Menschen. Buch- und der Fernsehmarkt produzieren vor allem Krimis, die Presse vor allem Geschichte (also Rückschau auf Leid), das Kino vor allem Weltzerstörung, die Computerspielindustrie vor allem Schlachten: alles hoch unterhaltsam und nützlich zur Entsorgung des erstaunlich widerständigen Mitgefühls. Einem permanenten Konkurrenzkampf unterworfen, braucht der Kunde die immer neue Überzeugung, dass die Verlierer verdienen, was sie bekommen.

Die Identifikation mit den Siegern erinnert daran, dass man auch einer werden wollen soll. Denn das ist das Spiel - dem sich zu entziehen nur demjenigen ungestraft gestattet ist, der vor Anpfiff schon gewonnen hat.

Donald Trump gehört zu denen, die nicht spielen müssten. Er will aber permanent siegen, und tut es, auch weil er so offensichtlich ein Verlierer in dem ist, was »zwischenmenschlich« genannt wird. Seine Siege beruhen auf der Vermarktung doppelter Häme. Er ist bis ins Amt des Präsidenten eine Reality-TV-Figur, die höhnt, um aus der höhnischen Reaktion wiederum Gewinn zu ziehen. Seine komplette Unfähigkeit zur Empathie hilft ihm dabei. Seine Häme ist keine spontane Befreiung vom Schmerz des Menschseins, sondern methodische Schmerzerzeugung, die alles unecht erscheinen lässt.

Wenn so einer gefährlich krank wird, zudem noch durch genau diese Empathielosigkeit, ist Häme was? Bestimmt naheliegend und befreiend. Vermutlich auch Teil des Spiels, in das einen die Trumpisierung der Welt zwingt. Aber womöglich auch ein Mittel, sich nicht in Trump versetzen zu müssen: Denn ich will nicht, dass mir dieser Mann leid tut.

Ich möchte mich auch nicht über seinen Schaden freuen müssen. Ich will eine Welt, in der mir das Schicksal all der Trumps egal sein kann. Und dafür braucht es unter den akuten Bedingungen schon präzis justierte Häme. Gut, dass der Mensch ein so reichhaltiges Angebot geschaffen hat.

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