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Gesellschaftlicher Gedächtnisschwund

Haluk Bilginer spielt in »Ein guter Mensch« einen Mann mit Alzheimer, der Rache nimmt. Ein Gespräch über das Erinnern

Sie sind Mitte sechzig - wie gut ist Ihr Gedächtnis?

Mein Gedächtnis funktioniert noch einwandfrei. Aber was war noch mal die Frage? (lacht). Sie fragen bestimmt, weil Agâh Bey in »Ein guter Mensch« an Alzheimer erkrankt ist …

Genau. Was würden Sie tun, wenn Ihre Erinnerungen, wie bei ihm, zu verschwinden drohen?

Ich hoffe zwar inständig, dass das niemals geschehen wird. Aber sollte es traurigerweise doch soweit kommen, werden mich meine Liebsten hoffentlich jeden einzelnen Tag daran erinnern, wer ich bin und vor allem: wer sie sind.

Haben Sie wie ihre Serienfigur Abrechnungen, die dringend noch zu erledigen wären?

Nein, bislang hat es zum Glück noch niemand so weit kommen lassen. Und ich bin auch alles andere als ein rachsüchtiger Typ. Aber wenn es mal jemand drauf anlegt, würde ich vieles daransetzen, die Sache noch bei klarem Verstand und bester Gesundheit zu regeln - wenn auch nicht so gewaltsam wie Agâh Bey.

Ist »Ein guter Mensch« eine Fiktion über jemanden, der die letzten Dinge regelt, oder eher ein Nachdenken über die Bedeutung von Erinnerung allgemein?

Rache und Alzheimer sind definitiv auch Metaphern für den Gedächtnisschwund unserer Gesellschaft im Allgemeinen, diese Geschichtsvergessenheit ist schmerzhaft und gefährlich zugleich. In diesem Sinne handelt die Serie vom ungeheuer wichtigen Versuch, sich der eigenen Vergangenheit, des eigenen Handelns ständig bewusst zu sein, sonst machen wir die gleichen Fehler immer und immer wieder.

Wollen Sie als Schauspieler Unterhaltung machen, die das Publikum zum Nachdenken, womöglich gar zum Lernen anregt?

Unbedingt. Die Kunst - auch das sollten wir nie vergessen - ist zwar immer auch Zerstreuung, also Entertainment. Aber während wir die Leute unterhalten, sollten wir uns stets bemühen, Dinge über die menschliche Natur oder Gesellschaften zu erzählen, an die sie sich auch erinnern. Etwas, dass sie mit zu sich ins Haus ihres Herzens nehmen und dort aufbewahren. Auch, wenn das natürlich nicht mit jeder Serie, jedem Film gelingen kann.

Kennen Sie denn deutsche Filme oder Serien?

Nicht allzu viele, leider. Aber ich kenne »Dark« und erinnere mich noch gut an »Türkisch für Anfänger«, diese Comedy aus den Nuller Jahren. Ich sehe zwar nicht allzu viel fern, aber generell läuft hier im TV kaum deutsches Fernsehen. Wenn ich etwas davon sehen will, brauche ich also Netflix.

Haben Sie gehört, dass »Ein guter Mensch« trotz der großen Anzahl türkischstämmiger Menschen in Deutschland das allererste türkische Fernsehformat ist, das bei uns im regulären Programm läuft?

Nein. Wirklich? Das hätte ich nicht gedacht. Es sollten definitiv mehr sein. Nicht nur wegen der vielen Türken, die in Deutschland zu Hause sind.

Sie reisen seit Jahrzehnten zwischen London und Istanbul hin und her. Können Sie sagen, welches der beiden Länder nach so langer Zeit mehr Ihr Zuhause ist?

Nun ja, die Türkei ist und bleibt natürlich für immer mein Mutterland. Aber ich lebe schon so lange in London, dass es doch ziemlich merkwürdig wäre, wenn ich England nicht zumindest als meine zweite Heimat betrachten würde.

Wie ist es gerade für einen Künstler, dessen erste Heimat von einem Mann wie Reccep Tayyip Erdoğan regiert wird?

Oh je, wenn wir jetzt anfangen, über Politik zu diskutieren, bräuchten Sie vermutlich eine Sonderausgabe für Ihre Zeitung. Das ist alles sehr kompliziert.

Fühlen Sie sich als Künstler vom zunehmend repressiven System der Türkei beeinträchtigt?

Bitte, lassen Sie uns doch bei »Ein guter Mensch« bleiben, das bietet doch schon genügend Stoff zum Reden.

Was ist das Besondere am türkischen Fernsehen und warum sollte es davon, auch in Deutschland, mehr zu sehen geben?

Es gab eine Zeit, da waren türkische Filme durchaus populär in der globalen Kunst- und auch Alternativenszene. Nuri Bilge Ceylan zum Beispiel hat in aller Welt Preise gesammelt.

Er bekam unter anderem 2014 die Goldene Palme von Cannes für seinen Film »Winterschlaf«.

Genau. Und ich hatte das Glück, darin die Hauptrolle zu spielen. Daran werde ich mich garantiert für immer erinnern.

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