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Bis heute unter Schock

Vielen Menschen in Halle wird der Anschlag vor einem Jahr immer im Gedächtnis bleiben

  • Von Max Zeising, Halle
  • Lesedauer: 5 Min.

Der Weg von der Halleschen Synagoge zum Döner-Imbiss auf der Ludwig-Wucherer-Straße ist ungefähr 500 Meter weit und führt durch das Paulusviertel, wo das gutbürgerliche Halle wohnt, vorbei an schicken Altbauten und dem »Café Polenka« mit seinem urig-hippen Charme. Die Straße ist recht holprig, halb asphaltiert, halb kopfsteingepflastert. Diesen Weg fuhr der Attentäter Stephan B. mit seinem Mietwagen am 9. Oktober 2019 um genau 12.07 Uhr entlang, nachdem er den Angriff auf die Synagoge aufgegeben hatte.

Einen Menschen hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits erschossen: die 40-jährige Jana, die zufällig an der Synagoge vorbeigekommen war. Eigentlich hatte er in der Synagoge, wo gerade der höchste jüdische Feiertag Jom Kippur begangen wurde, ein Blutbad anrichten wollen, war aber an der Tür gescheitert.

Als der Attentäter am Ende der Schillerstraße ankam und auf die Ludwig-Wucherer-Straße einbiegen wollte, entdeckte er auf der anderen Straßenseite den »Kiez-Döner«. »Döner, nehmen wir«, sagte er damals - so ist es in den Videos dokumentiert, die er auf seiner Helmkamera und seiner Body-Cam festhielt und die nun vor dem Gericht als Beweismaterial dienen. Dann drang er in den Döner-Imbiss ein und beging schließlich seinen zweiten Tötungsakt. Er erschoss den in einer Ecke kauernden Kevin.

Es waren Momente des Schocks, in denen eine Stadt nicht nur zwei Menschen verlor, sondern auch begreifen musste, dass Rechtsextremismus und Antisemitismus, die es in Halle wie andernorts schon lange gibt, zu ebensolchen blutigen Taten führen können.

Besuch im »Kiez«-Döner, wenige Tage vor dem Jahrestag des Anschlags: An der Wand hängen rot-weiße Schals und Fußballtrikots von Kevins Lieblingsverein, dem Halleschen FC; ebenso eine kleine Gedenktafel für die beiden Opfer, versehen mit einem Zitat von Mahatma Gandhi: »Wo Liebe wächst, gedeiht Leben - wo Hass aufkommt, droht Untergang.«

Hinter der Theke steht Ismet Tekin und ist im Stress. Der heutige Imbissbetreiber, der den Laden nach dem Attentat von seinem Vorgänger Izzet Cagac übernahm, muss gleich zu einem auswärtigen Termin. Für ein Gespräch mit dem »nd« nimmt er sich aber ein paar Minuten Zeit. »Es gibt Momente, in denen es mir gut geht, aber auch Momente, in denen es mir nicht gut geht. Das ist Alltag«, sagt Tekin und wirkt sichtlich bedrückt. Zur Tatzeit war er nicht vor Ort, jedoch sein Bruder Rifat, der bis heute psychische Probleme hat; so berichtete dieser als Zeuge vor dem Landgericht Magdeburg, wo dem Attentäter seit Juli der Prozess gemacht wird.

Auch dem »Kiez-Döner« ging es lange Zeit nicht gut, die Gäste blieben weg und damit auch die Einnahmen. Man könne nicht genau sagen, woran das liegt, so Tekin: »Es kann Angst sein, es kann Traurigkeit, es kann Corona sein, es kann Nicht-Mögen sein.« Seit etwa zwei Wochen laufe es zwar wieder besser, gesichert sei die Zukunft des Imbisses damit aber noch nicht.

Tekins Bedrücktheit wandelt sich in diesem Moment in eine Verärgerung. Der Imbissbetreiber vermisst Solidarität, nicht nur finanzielle: »Am Anfang waren alle voll bei uns. Sie haben gesagt, dass sie uns unterstützen. Doch die Stadt hat uns letztlich allein gelassen.« Tekins Kritik richtet sich an Oberbürgermeister Bernd Wiegand: »Ein paar schöne Wörter, ein paar schöne Ideen, finanzielle Unterstützung« habe er vermisst. Grundsätzlich lebt Tekin aber gern in Halle, fühlt sich wohl: »Die Menschen sind sehr lieb und freundlich, das kann ich sagen. Es ist eine schöne, ruhige Stadt.«

Wenig später sitzen Oberbürgermeister Wiegand und Max Privorozki von der Jüdischen Gemeinde Halle zusammen mit Ministerpräsident Reiner Haseloff und Innenminister Holger Stahlknecht (beide CDU) bei einer Pressekonferenz in einem winzig kleinen Raum des Multimediazentrums Halle und blicken auf das vergangene Jahr zurück. »Die Stadt steht nach wie vor unter Schock. Wir versuchen nach wie vor, zu verarbeiten«, gesteht Wiegand und spricht dabei wohl ganz bewusst von »versuchen«. Dass diese Verarbeitung nicht abgeschlossen ist, vielmehr: dass Rechtsextremismus und Antisemitismus nach wie vor in der Stadt präsent sind, ist nämlich eine unbestreitbare Tatsache.

Auch Wiegand kommt, ohne dass er explizit darauf hingewiesen werden muss, darauf zu sprechen, was sich »auf dem Marktplatz« tut. Dort nämlich treibt seit Jahren ein bekannter Rechtsextremist sein Unwesen. So auch am Tag der Deutschen Einheit, als dieser während einer Musikveranstaltung eine Kundgebung abhielt. Dieser Mann, der in den 90er Jahren im rechtsextremen Netzwerk »Blood and Honour« aktiv war und jüngst wegen Volksverhetzung zu einer Bewährungsstrafe von elf Monaten verurteilt wurde, beschallt den Marktplatz seit Jahren mit zahllosen Kundgebungen gegen alles Mögliche - Hauptsache, es passt ins rechtsextreme Spektrum.

Zwar reagierte die Landesregierung auf das dauerhafte Treiben des Mannes nun mit einer Änderung des Landesversammlungsgesetzes, die als Grundlage dienen soll, um Demos von Extremisten leichter zu verbieten - doch Bernd Wiegand bleibt angesichts jahrelanger Erfahrungen zunächst skeptisch: »Meine Zufriedenheit hält sich in Grenzen. Es ist weiterhin harte Arbeit, für Toleranz zu werben.«

Auch Gemeindevorsteher Privorozki blickt auf ein schweres Jahr zurück, und auf einen Tag, den er wohl nie vergessen wird. »Bei allen, die am 9. Oktober 2019 in der Synagoge waren, wird der Terroranschlag für immer im Gedächtnis bleiben«, sagt er und berichtet, wie die Gemeinde versucht habe, die zehn wichtigsten Ereignisse ihrer Geschichte zusammenzustellen. Der 9. Oktober 2019, so Privorozki, habe demnach für viele Gemeindemitglieder eine ähnlich große Bedeutung wie der 9. November 1938, als in Nazi-Deutschland die Synagogen brannten. Doch Privorozki ist auch einer, der sich von diesen furchtbaren Ereignissen nicht gänzlich leiten lassen will. Das betont er immer wieder: »Das Leben ist so. Wir bleiben optimistisch.«

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