Im Kabinett des Horrors

Traumatischer Loop: »Gespenster« am Berliner Ensemble

Mit den Gespenstern und ihren Geschichten hat es in der Moderne eine eigene Bewandtnis. Hätten sie nicht mit allerlei anderem Aberglauben der unaufgeklärten Vorzeit entsorgt gehört? Doch der Spuk nimmt kein Ende. Das Interesse an der Figur der Geister hat sich in den vergangenen Jahren sogar nochmals verstärkt. In seinem Buch »Gespenster meines Lebens« hat der britische Kulturtheoretiker Mark Fisher die Wiedergänger einer verlorenen Zukunft beschrieben, die unter anderem in den düsteren Dubstep-Tracks von Burial nachhallten. Das Gespenstische zeige einen Verlust an, das vom kapitalistischen Realismus Verdrängte.

Jacques Derrida, der französische Meister der Dekonstruktion, meldete sich ein paar Jahre nach dem scheinbar triumphalen Sieg des Westens über den Sozialismus sowjetischer Prägung mit einer für ihn ungewöhnlich politischen Schrift zu Wort: »Marx’ Gespenster. Der verschuldete Staat, die Trauerarbeit und die neue Internationale«. Je öfter man den Kommunismus totsage, desto sicherer sei er nicht tot, behauptete Derrida. Das müsse man als sicheres Zeichen der Wiederkehr des Gespensts des Kommunismus begreifen. Immer wieder kommt Derrida auf eine der berühmtesten Bühnenfiguren des Theaters zu sprechen, den Dänenprinzen Hamlet, der durch die Begegnung mit einem Geist nachhaltig verwirrt wird. Und Hamlet ist beileibe kein Obskurantist, sondern hat in Wittenberg studiert, wo man dem Katholizismus die Geister austrieb. Doch sie verschwinden nicht.

Phantome meint auch Helene Alving zu sehen. Es ist eine traumatische Wiederholung, die sie erschüttert. Henrik Ibsens Familiendrama »Gespenster« kreist um diese Erfahrung, der norwegische Originaltitel »Gengangere« ließe sich auch mit »Wiedergänger« übersetzen - Figuren des Unheimlichen und Untoten. Am Berliner Ensemble hat die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik, die schon vor zwei Jahren mit einer psychologisch präzisen Inszenierung von Ibsens Ökopolitthriller »Ein Volksfeind« am Münchner Residenztheater überzeugte, somit ein Stück auf die Bühne gebracht, das seinerzeit - 1881 - einen Skandal auslöste. In Norwegen konnte es zunächst nicht aufgeführt werden, es kam in Chicago zur Uraufführung.

Der große Abwesende in dem Drama ist der verstorbene Kammerherr Alving, dessen Spuk die Lebenden verfolgt. Die von Raimund Orfeo Voigt und Leonie Wolf gestaltete Bühne ist wie ein Kabinett des Horrors, ein lichtarmes Gewirr aus Gängen, das sich wie beim vor Jahren beliebten Brettspiel »Das verrückte Labyrinth« aus drehbaren Bühnenelementen Szene für Szene neu zusammensetzt, dominiert von über drei Meter hohen Flügeltüren im klassizistischen Stil. Diese werden geschickt genutzt, um eine Szene aus zwei Blickwinkeln zu zeigen, während die Figuren selbst in ihrer räumlichen und letztlich auch seelischen Trennung verharren.

Zugleich, so weiß man aus der Literatur, symbolisiert die Schwelle der Tür auch die zum Unbewussten - das Zuschlagen die Verdrängung. Das ist das große Vorhaben der Hausherrin, nur kaum ist die eine Tür geschlossen, öffnet sich eine andere - eine unlösbare Aufgabe, konterkariert durch die Wiederkehr des Verdrängten.

Die unglückliche Ehe hat die von Corinna Kirchhoff gespielte Helene Alving spröde und harsch werden lassen. Im Gespräch mit dem salbungsvollen Pastor Manders (Veit Schubert), beide verbindet eine nie gelebte Liebe, agiert sie zackig, wartet kaum die Antworten ab. Sie weiß über die Welt und ihre Fehler Bescheid, die Ehe hat es sie gelehrt. Nun hat sie keine Illusionen mehr, das Bücherregal beherbergt so fortschrittliche Literatur, dass sie den Gottesmann fürchten macht. Ihr Sohn Osvald (Paul Zichner) sollte nie so werden wie der treulose Vater, der unter anderem eine Bedienstete schwängerte. Doch nicht nur ist das Produkt dieser Verfehlung das Hausmädchen Regine (Judith Engel), es wird zudem von dem sich tänzelnd-windenden Filius umgarnt, der sich an den eigenen Verführungskünsten berauscht.

Vom Vater hat er ein besonderes Erbe bekommen, eine tödliche Krankheit in Folge der Ausschweifungen. Das nimmt ihn merklich mit. Doch seine Wut richtet sich gegen die Mutter, die den Vater zwar verabscheute, doch ihn vor dem Kind stets in bestem Lichte dastehen hat lassen, sie will ihm gar ein Denkmal errichten. Man muss sich die Tragödie von Helene Alving vor Augen führen: Sie ist eine Frau mit fortschrittlichen Ideen, die im Haus die Macht übernommen hat, um den gehassten Mann etwas entgegensetzen zu können. Sie hat kämpfen müssen, der Genuss war ihr nicht gegönnt. Und Osvald? Interessiert sich dafür nicht. Und muss es auch nicht. »Lebensfreude, Mutter, das verstehst du nicht«, sagt er nur verächtlich.

Während andernorts die Theater dem Publikum noch plumpe Corona-Blödeleien anzudrehen versuchen, verzichtet »Gespenster« auf solch ironisches Gehabe. Koležnik inszeniert den Niedergang mit mechanischer Unausweichlichkeit, und er dauert gerade einmal eineinhalb Stunden. Helene Alving muss den Weg bis zum Ende gehen, bis ihr Sohn sie um Hilfe beim Freitod bittet. Und so muss sie, die dem verschlagenen Tischler Engstrand (Wolfgang Michael) mit einer einzigen Geste verdeutlichen kann, dass er nicht einmal daran denken soll, seinen proletarischen Arsch auf die bourgeoisen Möbel zu platzieren, die bitterste Lektion lernen: Die letzte Illusion verliert sie, nämlich die Hoffnung auf Heilung der einmal geschlagenen Wunde. In ihrem Wunsch, es einer künftigen Generation zu ersparen, übt sie Verrat am eigenen Begehren und suspendiert abermals das, was nottäte: die Wahrheit auszusprechen. Nach dem Tod des Kammerherren löst sie sich zwar von der Pflicht der Ehe, doch greift wieder zur Lüge, ihrem Sohn zuliebe. Das Unglück zieht es dorthin, wo es mit besten Absichten und schlechtesten Mitteln vermieden werden soll.

Geister lassen sich nicht aussperren und sie verschwinden auch nicht, wenn die Lüge sich an eine Rationalisierung klammert, die humaner klingt. Die zwei großen Gespensterforscher der Moderne, Karl Marx und Sigmund Freud, wussten, was es damit auf sich hat: In den Gespenstern erscheinen die Rätsel der eigenen Vergesellschaftung und der unbewältigten Vergangenheit, die einen heimsuchen, bis der traumatische Wiederholungszwang gebrochen wird.

Nächste Vorstellungen: 10., 11., 23., 24. und 25. Oktober

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung