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Im Bürgerkrieg der Narrative

Im amerikanischen Wahlkampf nähern sich Realität und Fiktion gefährlich an.

  • Von Florian Schmid
  • Lesedauer: 5 Min.

Kurz vor Bill Clintons Wiederwahl kam 1997 «Air Force One» in die Kinos - Harrison Ford als an Clinton erinnernder, so helden- wie kumpelhafter Präsident, der erfolgreich die Terroristen bekämpft, die das titelgebende Präsidentenflugzeug gekapert hatten: Hollywoods Wahlempfehlung für Clinton.

Donald Trump aber ist in der Filmbranche, vorsichtig gesagt, weniger beliebt. Schon kurz nach seiner Wahl, als Jugendliche auf Demos «No Trump, No KKK, No fascist USA» skandierten, kämpften in der Serie «The man in the High Castle» Antifaschisten gegen das Braune, darunter die «Black Communist Rebellion». Wer «Penny Dreadful - City of Angels» und «The Plot against America» gesehen hat, kann Trumps Parole «America First» den US-Nationalsozialisten der 1930er zuordnen. Die Miniserie «When they see us» zeigt Trump in Originalaufnahmen als rassistischen Hetzer im New York der späten 1980er, der nach einer brutalen Vergewaltigung die Central Park Five - später als unschuldig erkannte Jugendliche - exekutieren wollte.

Science-Fiction-Altmeister William Gibsons lässt ihn in seinem neuesten Roman die Wahl verlieren - und mit dem Emmy für die Serie «Watchmen» wurde jüngst das Anti-Trump-Narrativ offiziell geadelt. Seit Jahren fantasieren erhebliche Teile der US-Kulturindustrie gegen Trump an. Doch den Präsidenten kratzt das offensichtlich wenig. Auf jene viel gesehene, von Talkshowstar Oprah Winfrey per Sondersendung begleitete Miniserie zu den Central Park Five angesprochen, hatte er keinen Kommentar. Dabei nannte er noch 2016 in seiner Wahlkampagne die späten Entschädigungszahlungen an die jahrelang schuldlos inhaftierten schwarzen Jugendlichen eine Schande.

Was Donald Trump seinen Feinden entgegenhält, klingt indes kaum weniger nach einem Thriller als «The Plot against America» - und ist kaum weniger fiktional als die parallelweltliche Eroberung des Landes durch die Nazis in «The man in the High Castle». Die «Antifa», schwarze Marodeure und Joe Biden als «Trojanisches Pferd» einer radikalsozialistischen Bedrohung stecken alle unter einer Decke.

Sie sind angetreten, das glorreichste Land aller Zeiten mittels einer gefälschten Briefwahl in den Abgrund zu stoßen. Den Teil mit dem «Deep State», der all das im Hintergrund koordiniert, können seine Anhänger aus dem bizarren System aus Verschwörungsmythen um «Qanon» ergänzen, das Trump, ob nolens oder volens, immer wieder füttert - oder immerhin nicht dementiert, obwohl er ja die zentrale Heldenfigur darin abgibt.

Zuletzt allerdings geht Trump in dieser Politik des Fiktionalen einen Schritt weiter als seine kulturindustriellen Kritiker. Wo diese Motive aus den News erzählerisch verarbeiten, lässt jener umgekehrt Bilder in die Nachrichten tragen, die die ihrerseits aus Filmen stammen könnten. Als Trump während der wütenden Proteste nach dem Polizeimord an George Floyd - gegen den Willen gewählter Verantwortlicher -, Schwerbewaffnete ohne Hoheitsabzeichen aufmarschieren und die Demonstranten in ungekennzeichneten Vans verschwanden ließ, mussten sich Liberale an die Serie «A Handmaid’s Tale» erinnert fühlen, in der ein handstreichartiger Umbau der USA in die klerikalfaschistische Diktatur «Gilead» ganz ähnlich beginnt.

Tatsächlich steht heute nicht nur die rechtsradikale Männermiliz «Proud Boys», der Trump jüngst im Fernsehduell mit Joe Biden zugerufen hat, sich «zurück-», aber auch «bereit» zu halten, ganz real Gewehr bei Fuß. Auch nach den Polizeischüssen auf den Afroamerikaner Jacob Blake in Kenosha äußerte sich Trump in einer Weise, die selbst ernannte Milizen als einen «Auftrag» werten konnten; als am Rande antirassistischer Proteste in der Stadt am Lake Michigan ein 17-Jähriger zwei Menschen erschoss, schlug sich Trump öffentlich auf dessen Seite.

So wird eine Erzählung angerufen, die gleichfalls tief verwurzelt ist in der populären Kultur der USA, nämlich eine - auch bewaffnete - Selbstermächtigung gegen diejenigen Feinde der Nation, die eine schwächliche, korrupte, abgehobene Zentralgewalt nicht bekämpfen könne oder wolle.

Noch hat niemand das Universum von «Qanon» zum Blockbuster gemacht, doch liegen solche Motive eben auch zahlreichen Filmen zugrunde: Ex-Cops oder frühere FBI-Agenten, die in einem Kraftakt auf eigene Faust ihre Stadt, das Land oder gleich die ganze Welt «retten», findet man in den «Stirb langsam»-Filmen mit Bruce Willis oder um Gerard Butler in dem vor Nationalismus und Männergewalt triefenden Epos «Olympus has fallen» (2013). Die Figur des Milizionärs bevölkert auch Teile der Science-Fiction - etwa in «Falling Skies (2011 bis 2015), »Die fünfte Welle« (2016) oder in den zahlreichen Ablegern rund um das apokalyptische Narrativ von »The Walking Dead«: Stets wird ein »Endkampf« aufgeführt, in dem kein Platz ist für formales Recht.

Trumps Anrufung der Milizen nutzt ihm politisch. Seine Basis ist in einem Zustand, der ihm eine klare Parteinahme noch für jenen Todesschützen von Kenosha ermöglicht, wo Joe Biden zwischen Polizeigewalt und eben auch militantem Protest laviert.

Dass schon fast vergessen scheint, wie im Frühjahr - angefeuert von Trump-Tweets - Hunderte Bewaffnete aus »Protest« gegen Corona-Maßnahmen in das Parlament von Michigan eindrangen und gewählte Repräsentanten körperlich bedrängten, wirkt wie ein düsteres Omen. Die nicht mehr rein symbolische Mobilisierung gegen den Staat von dessen eigener Spitze aus lässt an lateinamerikanische Militärregimes denken.

Wie wird der amerikanische November verlaufen? Wird sich Trump am Wahlabend als Sieger hinstellen und, sollten die später ausgezählten Briefwahlbögen anderes ergeben, tatsächlich jene »Proud Boys« und Konsorten auf die Straßen rufen? Direkte Konfrontationen zwischen weißen Milizen und etwa den bewaffneten Schwarzen der »No Fucking Around Coalition« hat es bereits gegeben. Auch tödliche Schüsse durch nicht-staatliche Akteure auf Demonstrationen sind nicht mehr dystopisch. Der provozierte »Rassenkrieg« als Urfantasie amerikanischer Rechtsradikaler ist nicht mit Charles Manson verstorben: So wurde etwa im Januar die Gruppe »The Base« ausgehoben, die hierzu konkrete Vorbereitungen getroffen haben soll.

Im Epos »Watchmen« führt Robert Redford als Präsident jene Kompensationszahlungen für People of Color ein, die das liberale Amerika derzeit diskutiert. Doch real kommen weiter schwarze Kids durch weiße Polizisten zu Tode. Ist die Verwandlung von Politik in Erzählung notwendig schwächer als umgekehrt die konkrete Mobilisierung von Erzählungen in der Politik? Noch kaum jemals aber war die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit so gefährlich durchlässig wie in den USA zu Zeiten des Donald Trump.

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