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  • Kultur
  • Beilage zur Buchmesse Frankfurt Main

Drei Frauen und ein Kinderschreck

In «Tok-Tok im Eulengrund» von Albert Wendt steckt etwas angenehm Aufmüpfiges

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 3 Min.

Goldmarie sprang in den Brunnen und landete auf einer himmlischen Wiese, Alice fiel in ein Kaninchenloch und schwebte hinab in ein Wunderland, Robinson Crusoe wurde auf eine einsame Insel gespült und blieb dort achtundzwanzig Jahre, ich schritt durch Müll, über zerfetzten Maschendraht in einen Dornenwald.« - Für Leser ab zwölf Jahren verspricht dieses Buch Spannung und Vergnügen. Doch mehr noch als den Lesenden hat es wohl dem Schreibenden Lust bereitet. Ein guter literarischer Text entwickelt sich ja oft aus sich selbst heraus. Das Suchen nach der passenden Formulierung vorausgesetzt, ist das Faszinierende dabei, wie ein Einfall aus dem anderen wächst, sodass es den Autor selbst überrascht. Albert Wendt, so scheint mir, schreibt wohl auf diese Weise. Gern bringt er sich selbst in eine Geschichte ein, diesmal sogar ganz direkt als Ich-Erzähler.

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Albert Wendt: Tok-Tok im Eulengrund. Das Geheimnis der Vogelfrau.
Jungbrunnen, 155 S., geb., 15 €.

Der »Kahle Baba«, von drei Frauen als Kinderschreck engagiert, entpuppt sich nämlich bald als Schriftsteller. Sein schwachsinniges Stammeln ist nichts als Verstellung, und grimmig kann er gar nicht sein. Warum aber brauchen die Frauen solch einen Wächter? Was haben sie zu verbergen in der stillgelegten Fabrik? Verwahrlosung ist hier eine Maske, »vorgetäuschte Harmlosigkeit« nennt es die Anführerin Tok-Tok. Aber Verfall und Obdachlosigkeit gibt es wirklich in diesem reichen Land. Wissenschaftliche Entdeckungen sind immer in Gefahr, für menschenfeindliche Zwecke ausgenutzt zu werden. Doch das klingt nur nebenbei an. Im Vordergrund stehen alle möglichen ernsten und heiteren Turbulenzen.

Albert Wendt hat sich an der lieblichen Rose erfreut, die sich in »Rose-Rad-ab« verwandelt, wenn sie in die Stadt geht, um aus Mülltonnen Futter für die Tiere zu holen; an der begeisterten »Glüh«, die als einstige Kampfsportlerin mehrere Männer auf einmal zu besiegen vermag; an der würdig-strengen Dame Tok-Tok und natürlich an der Kinderschar, die der Ich-Erzähler eigentlich gar nicht verjagen möchte.

Was hier wahrscheinlich sein könnte und was nicht, damit sollte man es beim Lesen nicht so ernst nehmen. Reales vermischt sich mit Märchenhaftem. Ein Geist wird vermutet, ein Kobold taucht auf, weibliche Anziehungskräfte bringen die Ordnung durcheinander. Sowieso mag dieser Autor das Wilde lieber als das Geordnete. Er ermutigt die Leser: Lass dich nicht einengen, vertrau deiner Lebendigkeit, schätze den glücklichen Augenblick! Etwas Aufmüpfiges steckt tief in seinen Texten - wider alles Genormte, wider strenge Regeln. Und eine große Zärtlichkeit.

»Dass in jedem Leben etwas Großartiges ist«, denkt der »Kahle Baba«, während er die wütende Ziege »Cora X-Bein« an sich drückt, die ihm die Manschette seines Hemdes abkaut. »Was hielt ich da für ein unfasslich hoch organisiertes Bündel Leben im Arm.« Und während er so sinniert, brüllen gemietete Schläger herum. Aber die bösen Männer müssen den Kürzeren ziehen.

Verraten wir das Geheimnis nicht, auf das die Handlung zuläuft. Dass der Autor für sein Buch einige Namen aus dem Drama »Sturm« des Engländers »Schüttelspeer« entnommen hat, tut eigentlich nichts zur Sache.

Überraschend ist der Schluss: ein Palast mit marmorner Treppe, eine blendend schöne Dame, die ihre Zofe schlägt, ein riesiges Schwimmbecken voller Krokodile, ein Bodyguard mit falschem Lächeln - deutet sich hier etwa eine Fortsetzung an?

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