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Mehr Corona-Infektionen: Anspannung steigt

Politiker stellen neue Pandemiemaßnahmen in Aussicht - gleichzeitig wächst die Kritik am uneinheitlichen Vorgehen

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 3 Min.

Am Wochenende haben weitere Großstädte die Warnstufe von 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner in sieben Tagen überschritten: Köln, Essen und Stuttgart. Zudem meldeten die Gesundheitsämter in Deutschland nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) vom Sonntagmorgen 3483 neue Corona-Infektionen. Am Freitagmorgen hatte das RKI 4516 Neuinfektionen, am Samstagmorgen sogar 4721 registriert. Dieser Rückgang hat jedoch nicht viel zu bedeuten, denn an Sonntagen wie auch an Montagen sind die erfassten Fallzahlen erfahrungsgemäß meist niedriger. Die Reproduktionszahl, kurz R-Wert, lag in Deutschland laut Lagebericht vom Samstag bei 1,42 (Vortag: 1,34). Das heißt, dass ein Infizierter im Mittel rund 1,4 weitere Menschen ansteckt. Der R-Wert bildet das Infektionsgeschehen etwa eineinhalb Wochen zuvor ab.

Angesichts dieser Entwicklung müssen sich die Bürger auf weitere Einschränkungen gefasst machen - etwa auf eine nächtliche Sperrstunde wie sie seit Samstag in Berlin gilt, oder die zahlreichen Beherbergungsverbote in einzelnen Bundesländern, von denen zunächst neun Millionen Bürgerinnen und Bürger betroffen waren. In München und Trier hatte die Polizei am Wochenende bereits Partys wegen Verstößen gegen Corona-Bestimmungen aufgelöst.

In weiteren Bundesländern versuchen die Landesregierungen, nun noch einmal deutlicher Akzente in der Bekämpfung der Pandemie zu setzen. In Nordrhein-Westfalen kam am Sonntag das Landeskabinett zu einer Sondersitzung zusammen. Das Bundesland hat seit Tagen die höchsten Ansteckungsraten aller deutschen Flächenländer. Am Sonntag lagen hier neun Kreise und kreisfreie Städte über der Warnstufe von 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner und gelten somit als Corona-Risikogebiet.

Besonders betroffene Kommunen ergreifen ebenfalls zusätzliche Maßnahmen. Die Stadt Stuttgart mobilisiert zur Verfolgung von Kontaktpersonen im Zuge der Corona-Pandemie die ganze Stadtverwaltung. Zudem erbittet sie die Hilfe der Bundeswehr. Ziel ist laut Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne), die Zahl der Neuinfektionen wieder zu senken. Nur so könnten Schulen, Kitas, Wirtschaft und Handel offen bleiben. Bereits am Freitag hatte Kanzlerin Angela Merkel mit den Oberbürgermeistern der elf größten deutschen Städte beraten.

Gegen das uneinheitliche Vorgehen der Bundesländer laufen unter anderem Wirtschaftsverbände Sturm. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag beklagte, dass die »unkoordinierten Regelungen« für großer Verunsicherung bei den Unternehmen sorgten. Schließlich hätten gerade die Betriebe in der Tourismuswirtschaft sichere Hygienekonzepte ausgearbeitet. Auch vom Hotel- und Gaststättenverband Dehoga kam Kritik. Gerade zu Beginn der Herbstferien hätten Gäste wie Hoteliers unzählige Fragen und wüssten nicht, was jetzt im Detail gelte.

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, warf den Ländern überzogene Maßnahmen vor. »Diese Regelungswut ist oft eher kontraproduktiv«, sagte er der »Neuen Osnabrücker Zeitung« (Samstag). Gassen bezeichnete innerdeutsche Reisen als »Pseudo-Gefahr«. Masseninfektionen gebe es durch traditionelle Großhochzeiten, in Fleisch verarbeitenden Betrieben und durch unkontrolliertes Feiern. Sperrstunden und Alkoholverbote wie in Berlin nannte Gassen mehr als fragwürdig. »Wir müssen aufhören, auf die Zahl der Neuinfektionen zu starren wie das Kaninchen auf die Schlange.« Selbst 10 000 Infektionen täglich wären aus Sicht des Verbandspolitikers kein Drama, wenn wie derzeit nur einer von 1000 schwer erkrankt.

In vielen europäischen Staaten entwickelt sich das Infektionsgeschehen inzwischen jedoch noch viel dramatischer. Kritisch ist unter anderem die Lage in Frankreich und Spanien. In beiden Ländern steigt der Anteil der Covid-19-Patienten in den Krankenhäusern. Über die Hauptstadt Madrid verhängte die spanische Regierung am Freitag den Notstand. Dort dürfen die Menschen ihren Wohnbezirk nur aus triftigen Gründen verlassen, etwa für den Weg zur Arbeit. Von den Einschränkungen betroffen sind knapp 4,8 Millionen Menschen. Der Notstand soll zwei Wochen gelten. Mit Agenturen

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