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  • Kultur
  • Hörspaziergang »Zurückerzählt«

Im Auge der Betrachteten

Ein Hörspaziergang gibt den Vergessenen der Berliner Kolonialausstellung 1896 eine Stimme

  • Von Temye Tesfu
  • Lesedauer: 6 Min.
Eine Feier mit den im Deutschen Kolonialhaus angestellten Schwarzen Jungen und jungen Männern, am Klavier Kwassi Bruce, der eine Klavierausbildung begonnen hat und später Pianist wird.
Eine Feier mit den im Deutschen Kolonialhaus angestellten Schwarzen Jungen und jungen Männern, am Klavier Kwassi Bruce, der eine Klavierausbildung begonnen hat und später Pianist wird.

Geschichte wird gedacht. Wir denken sie, wir gedenken ihrer – sie wird identisch mit der Erinnerung an Ereignisse. 1896 spielte sich im Berliner Treptower Park etwas ab, das so überbordend war, dass es über die Grenzen der 882 000 Quadratmeter großen Grünanlage ragte, und so spektakulär, dass es für Jahre im Gedächtnis der Stadt verfing.

Ursprünglich als große Weltausstellung geplant, war die Berliner Gewerbeausstellung mehr als ihr blasser Name glauben macht. Eine Messe mit Volksfestcharakter: Bratwurst, Bier, Vergnügungspark. Zu den Highlights der Industrie- und Handelskirmes ließ sich das Publikum per elektrischer Rundbahn chauffieren. Das Megateleskop »Himmelskanone« gewährte den seinerzeit tiefsten Einblick ins Weltall. Otto Lilienthal, Carl Zeiss, Werner Siemens, Wilhelm Röntgen demonstrierten ihre jüngsten Erfindungen.

Und im Süden des Parks, am Ufer des Karpfenteichs, demonstrierte das Wilhelminische Deutschland derweil seinen kolonialen Machtanspruch. »Am 1. Mai ist im Anschluß an die Gewerbe-Ausstellung in Berlin die erste deutsche Kolonial-Ausstellung eröffnet worden, welche diesen Namen wirklich verdient.« So bejubelt Gustav Meinecke in der deutschen Kolonialzeitung den Mix aus Völkerschau, Kunstmarkt und Ethnologenspielwiese, für den 106 Frauen, Männer und Kinder aus den sogenannten Schutzgebieten verpflichtet worden waren. Ein halbes Jahr verbrachten sie als Darsteller*innen auf dem Gelände und hausten in Dorfsimulationen, die den Architekturen der Ewe, Duala, Tolai, Maasai, Waswahili, Ovaherero und Nama nachempfunden waren. Vor dieser Kulisse sollten sie ihre, so Meinecke, eisenzeitlichen Fertigkeiten vorführen, »mit Werkzeugen, ähnlich denen, welche unsere Vorfahren vor tausenden von Jahren gebrauchten«. Felix von Luschan unterzog sie pseudowissenschaftlichen Untersuchungen, lichtete sie ab, nahm Maß. Der Rassenforscher war besessen von der empirischen Bedeutung von Haarstruktur und Augapfelfärbung, selbst die Beschaffenheit von Nagelmöndchen entfachte seinen morphologischen Eifer.

Diese und andere Aufzeichnungen gedenken dieser Menschen als Objekte, schreiben ihre Geschichten als die Geschichte zur Schau Gestellter. Das deutsche Gedächtnis – es ist geübt in der Spurenbeseitigung Schwarzen Lebens. Historiografische Rassenhygiene ist sein Normalzustand. Während auf der anderen Seite des Wassers das sowjetische Ehrenmal an die Soldat*innen erinnert, die im Kampf gegen den Hitlerfaschismus fielen, während die von Röntgen präsentierten X-Strahlen heute nach ihm benannt sind, bezeugt nichts die Anwesenheit der Darsteller*innen des Sommers 1896. Sie haben kein Monument, nicht einmal ein Schild, das ein Erinnern am Ufer des Geschehens ermöglicht.

Diese Leerstelle bearbeiten Joel Vogel und Vincent Bababoutilabo, deren Hörspaziergang »Zurückerzählt« das Unsichtbare nun hörbar machen soll. Es ist die erste Kollaboration der Soundkünstlerin und des Jazzmusikers, doch mit den Audiowalks »HörMal« (Vogel) und »Unser Land. Punkt.« (Bababoutilabo) haben beide jeweils Arbeiten auf dem Gebiet vorzuweisen. Diesmal haben sie mit einem Dutzend Kompliz*innen acht Monate lang recherchiert, geskriptet, aufgenommen und geschnitten, sich immer wieder aufs Neue mit Quellen auseinandergesetzt und Biografien nachgespürt, begleitet von den prüfenden Blicken der 106 Darsteller*innen, die auf Luschans Fotos festgehalten worden sind. Vor allem am »bösen Buch«, wie sie den fünfhundertseitigen amtlichen Bericht über die Ausstellung nennen, hätten sie sich abgekämpft und mittels kritischer Fabulation mit als auch gegen das Archiv arbeiten müssen. Das Ergebnis ist ein Stück Geschichtsvermittlung, das sich zwischen Hörspiel und Dokumentation bewegt. Kann es denn gelingen, Fakt und Fiktives ineinander übergehen zu lassen, ohne die Grenzen zu verwischen?

Schon der Anfang ist ein Übergang. Vogelzwitschern. Das Plätschern des Wassers. Die tirilierenden Klingeln vorbeisausender Citybikes. Parktypische Umgebungsgeräusche, die aus den Kopfhörern kommen mögen oder von außen. Beiläufig verwickelt uns jemand in ein Gespräch (unfassbar charmant: Serge Fouha). Er wird sich später als jener Kwassi Bruce zu erkennen geben, der im Amtlichen Bericht als »No. 65« geführt wird: »der verzogene Liebling (…) des Publikums«, der als Dreijähriger mit seiner Familie Teil der Kolonialausstellung war. In der Rolle des Erzählers geleitet er durch das Hörstück, ist mehr Moderator denn Tourguide, ein Bekannter, der uns die Orte seiner Kindheit zeigt. Ein kluger, gut gemachter Kunstgriff. Selbst die unvermeidbaren Anweisungen, wohin man nun gucken oder jetzt gehen solle, sind glaubhafte Sprechakte, was besonders erfreulich ist, wo doch Orientierungsdirektiven oft Gefahr laufen zu mechanisch zu sein und uns der Hörwelt zu entreißen.

Kwassis Stimme ist eine von insgesamt drei Ebenen. Ausschnitte aus einem Interview mit Katharina Oguntoye, die als eine Grande Dame der Schwarzen Bewegung in Deutschland gelten darf, geben einen persönlichen Einblick in ihre Quellenarbeit als Historikerin und die damit verbundenen Herausforderungen. Den Hauptteil bespielt ein Ensemble aus vier Sprecher*innen. Diese liefern handwerklich auf so hohem Niveau ab (allen voran: Dela Dabulamanzi), dass die uneinheitliche Tonqualität der Aufnahmen kaum ins Gewicht fällt. Es ist diese dritte Ebene, die Methode und Kritik der Macher*innen besonders zum Ausdruck bringt; immer wieder wird das Dokumentierte befragt und in Frage gestellt, gedeutet und weitergedacht. Historische Tatsachen werden in Beziehung zueinander gesetzt und einzelne Begebenheiten illustriert; frei erfunden wird indes nichts. Im Wechsel zwischen dramatischem und narrativem Modus, also in die Rolle der Ausgestellten schlüpfend, als auch über sie sprechend, werden diese Schicksale als Teil einer Gemeinschaft erzählt, »auch für die, von denen wir nur die Namen wissen«.

Ihr Ausstellungsalltag und ihre Kämpfe werden eindrücklich geschildert. So erfahren wir etwa, dass sie sich gemeinsam den Leibesvisitationen verweigerten; dass sie bessere Arbeits- und Lebensbedingungen erstritten; dass sich einige in Anzügen fotografieren ließen, um die Sichtweise des weißen Publikums ins Leere laufen zu lassen. Dass Bismarck Bell, mit einem Opernglas ausgerüstet, den Blick der Schaulustigen auf sie zurückwarf.

Wäre es nicht interessant gewesen, manche Schicksale zu vertiefen? Das von Martin Dibobe zum Beispiel, der sich nach der Ausstellung in Berlin niederließ, heiratete, pünktlich zum Debüt der U1 vom Hochbahnschaffner zum U-Bahnfahrer aufstieg und den Job wegen sozialistischer Umtriebe bald verlor? Nach ihm ist die Dibobe-Petition von 1919 benannt, »aber das ist eine andere Geschichte«, wie Erzähler Kwassi sagt, sobald er droht abzuschweifen. Es wäre eine Verzettelung, die dem eigentlichen Anliegen im Weg stünde – die Geschichten als Stimmen innerhalb eines Gruppengesangs zu erzählen, der diese Menschen nicht als Nummern und Fotografien denkt, sondern als Individuen mit Körpern, Gedanken, Persönlichkeiten.

Die Atmosphäre reicht von melancholisch bis widerständig und wird angenehm unaufdringlich von Klanglandschaften getragen. Zudem sind Ton und Schnitt (Joel Vogel, Katharina Pelosi) auch für das Tempo maßgeblich. Stimmen und Sounds fließen ineinander, überlagern sich, schneiden einander ab. Eine große dynamische Bandbreite, die den Spaziergang zu 47 kurzweiligen Minuten macht. Dazu trägt das Wechselspiel der Ebenen bei, und nicht zuletzt die oft treibende, bisweilen poetische Sprache Bababoutilabos, der sich für den Text verantwortlich zeichnet. Dessen Duktus lässt, neben direkten Zitaten, auch stilistische Anleihen aus »Wayward Lives. Beautiful Experiments« erkennen. Das Buch der Schriftstellerin und MacArthur-Preisträgerin Saidiya Hartman erzählt von verschiedenen Lebensrealitäten junger Schwarzer Frauen in den Vereinigten Staaten des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Unausgesprochen schlägt »Zurückerzählt« die Brücke zwischen Treptower und Central Park und deutet nicht nur geografisch, sondern auch zeitlich über sich hinaus. Im Interviewteil beschreibt Katharina Oguntoye den Moment, in dem Schwarze Seniorinnen ihre Lebensgeschichte erzählten. Es war derselbe, in dem ihre eigene Geschichte sichtbar wurde. Jede Geschichte Schwarzer Selbstbehauptung muss für sich stehen und zugleich für alle Geschichten. Beides ist wahr zur selben Zeit.

Hörspaziergang »Zurückerzählt« unter https://zurueckerzaehlt.de

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