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»Die Gefahr, dass man abstumpft«

Das neue Fernsehformat »Die Narbe« verarbeitet große Katastrophen und Unglücksfälle, indem auch Zeitzeugen zu Wort kommen. Ein Gespräch mit der Journalistin und Moderatorin Anja Reschke über Traumata und die Folgen

Am 8. April 2011 kam es auf der A19 bei Rostock zu einem schrecklichen Massenunfall. Der Auslöser war ein Sandsturm.
Am 8. April 2011 kam es auf der A19 bei Rostock zu einem schrecklichen Massenunfall. Der Auslöser war ein Sandsturm.

In Ihrem Doku-Talk »Die Narbe« schildern Sie die Folgen tragischer Unfälle wie in Eschede oder Ramstein. Warum bewegen uns solche medienwirksamen Ereignisse so sehr, während weit schlimmere, aber schwerer sichtbare - wie Klimawandel und Rassismus - viele Menschen seltsam kalt lassen?

Weil uns die großen Unglücke, bei denen Menschen zu Schaden kommen oder sogar sterben, auf einen Schlag die eigene Verletzlichkeit vor Augen führen - dass wir alle jederzeit sterben können, also endlich sind. Jeder von uns hätte schließlich in die Karambolage auf der A19 geraten, jeder im Zug durch Eschede sitzen, jeder in Ramstein gewesen sein können.

So gesehen würde aber doch jeder plötzliche Todesfall im Haushalt, bei der Arbeit, unterwegs zur Spitzenmeldung taugen?

Wenn es in einer Ausnahmesituation geschieht, tut es das ja auch. Allerdings eher auf regionaler Ebene, wo das Einzelschicksal bedeutsamer ist. Nehmen Sie Radfahrende, denen abbiegende Lkws im Stadtverkehr mit fatalen Folgen die Vorfahrt nehmen; das ist immer wieder Teil der Lokalnachrichten. Unsere Endlichkeit wirkt darin sogar noch unmittelbarer.

Lassen Sie sich als professionelle Berichterstatterin emotional von Ereignissen dieser Art beeinflussen?

Als Mensch berühren sie mich wie alle anderen auch. Angesichts der Fülle von Katastrophen besteht allerdings die Gefahr, dass man ein wenig abstumpft. Aber ich bin ja keine Polizeireporterin, die jeden Tag mit dem Tod zu tun hat. Außerdem gibt es kaum etwas Individuelleres als Traumata, die jeder auf eigene Art verarbeitet. Das zeigt sich auch sehr eindrucksvoll in den Dokumentationen, die wir über das Zugunglück von Eschede, die Flugschaukatastrophe von Ramstein und den Sandsturm auf der A19 gemacht haben.

Welche Ereignisse sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Ich glaube, das sind immer Schiffsunglücke. Keine Ahnung, warum genau. Vor 26 Jahren hat mich zum Beispiel der Untergang der »Estonia« mit 852 Toten zutiefst erschüttert. Allein die Vorstellung, im Bauch eines Schiffes eingeschlossen zu sein und in diesem eiskalten Wasser unterzugehen, ist fürchterlich. Zumal da auch Schulklassen dabei waren. Als die »Estonia« unterging, war ich selbst noch in der Schule.

Hat das bei Ihnen Narben hinterlassen?

Es wirkt zumindest insofern bei mir nach, als ich bis heute sehr ungern mit Fähren fahre. Und eine Kreuzfahrt käme für mich erst recht nicht infrage. Vielleicht habe ich aber auch zu viel über den Untergang der Titanic gelesen.

Um die gesellschaftlichen Narben solcher Katastrophen zu zeigen, wählt der NDR eine ungewohnte Mischung aus Dokumentation und Talkshow. Doch warum liegt der Gesprächsanteil bei lediglich einem Viertel der Zeit?

Anfangs dachte ich auch, er müsste länger sein. Beim Ansehen fand ich es dann aber richtig. Wir probieren jetzt erst einmal aus, ob die Leute sich überhaupt auf dieses Mischformat einlassen. Das ist ein Experiment.

Haben Sie sich in der Rolle als Talkhost wohlgefühlt?

Ihre Frage klingt jetzt, als hätte es nicht so gewirkt.(lacht)

Doch, doch. Aber obwohl Sie viele Interviews führen, ist die Rolle doch neu für Sie.

Nicht wirklich. Fragen stellen, sich über ein Thema unterhalten, das sind doch eigentlich journalistische Grunddisziplinen. Außerdem habe ich ja grad mehr als 30 Folgen des »After Corona Club« gemacht. Ein Gesprächsformat, in dem ich mich mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der unterschiedlichsten Disziplinen darüber unterhalten habe, was aus der Coronakrise entstehen und welche Folgen sie haben könnte.

Heißt das, Sie würden dieses Standbein gern mehr bespielen?

Wenn Sie mich so fragen, lautet die Antwort ja. Mir fehlen im Fernsehen diese Eins-zu-eins-Gespräche früherer Tage, also keine Talkrunden, sondern richtige Unterhaltungen. In Podcasts erleben die gerade eine Renaissance. Wenn sich dieser Trend im Fernsehen fortsetzt - ich wäre bereit!

»Die Narbe« läuft ab dem 14. Oktober immer mittwochs um 21 Uhr auf NDR.

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