Werbung
  • Kultur
  • »Masel Tov Cocktail«

»Eine Lachallianz, die entkrampft«

Der Regisseur Arkadij Khaet über den Blick der deutschen Mehrheitsgesellschaft auf Juden - im Film und außerhalb

  • Von Mascha Malburg
  • Lesedauer: 7 Min.

»Masel Tov Cocktail« lief gerade im Ersten, hat etliche Preise gewonnen und wird vom Feuilleton als »erfrischende, neue jüdische Perspektive« gefeiert. Haben Sie tatsächlich einen Film gemacht, den es so zuvor noch nicht gegeben hat?

Wir haben einen Film gemacht, der sich weniger nach gymnasialer Oberstufe und Arbeit anfühlt, sondern auch einfach Spaß macht. Es ist ein Unterhaltungsfilm, der gleichzeitig eine jüdische Perspektive transportiert, die man vielleicht so noch nie gesehen hat, zu mindestens nicht im deutschen Kino. Die Gedanken, die wir da äußern, sind aber keineswegs neu. Die haben in den letzten Jahren in einer jüdischen Blase stattgefunden. Aber wir haben eben einen Kurzfilm gemacht, der schnell anzuschauen ist. Gleichzeitig stellen wir russischsprachige jüdische Figuren einigermaßen authentisch dar. Das sind keine deutschen Schauspieler*innen, die Juden verkörpern und keine deutschen Regisseur*innen, die sich vorstellen, wie Juden zu sein haben. Sondern das ist aus einer subjektiven Perspektive heraus entstanden.

Schon in der zweiten Szene grinst der Protagonist Dima in die Kamera und sagt: »Sie haben richtig gehört. Ich bin Jude - richtig lebendiger Jude.« Immer wieder spricht er das Publikum direkt an, erklärt sich und seine Umgebung. An wen wendet sich Dima da eigentlich?

An die deutsche Mehrheitsgesellschaft. Es herrscht viel Erklärungsbedarf in Deutschland, gerade in Bezug auf die russischsprachige jüdische Community, die ja 90 Prozent der Juden hier ausmacht. Ich hatte das Gefühl, ich muss diesen Film jetzt einmal machen, mich erklären, sagen, was ist und wie es einem damit geht. Der Film ist quasi eine Vorarbeit. Und dann kann ich andere Filme machen, mit jüdischen Figuren, die nicht nur Antisemitismus und Shoah thematisieren.

Nachdem ich den Film gesehen habe, dachte ich: Den sollte man jetzt in jedem Klassenzimmer zeigen. Dann habe ich überlegt: Ist das nicht wieder die nächste Rolle, die jüdische Menschen im deutschen Gedächtnistheater spielen müssen - jetzt auch noch die Deutschen über deren Antisemitismus aufklären?

Ganz ehrlich: Der Film wird jetzt gerade betitelt mit »Film gegen Antisemitismus« - das war überhaupt nicht unsere Prämisse. Wir planten keinen Film, der didaktisch ist. Bei fast jedem Screening sitzen Lehrer*innen im Publikum und die erste Wortmeldung lautet: »Das müssen wir in der Schule zeigen.« Und das hat immer einen leichten Beigeschmack, so nach dem Motto: Wir wissen das alles ja schon und das müssen wir jetzt den Kids beibringen. Aber die Kids sind doch gar nicht in erster Linie das Problem. Ich habe eher das Gefühl, dass die Schüler*innen noch gar nicht verdorben genug sind, um den Film richtig zu verstehen. Klar haben die auch Klischees über Juden im Kopf. Aber die werden doch erst über das deutsche Schulsystem vertieft.

Im Film kommen nicht nur die Antisemiten vor, sondern auch die Menschen, die Dima vor lauter Schuldgefühl die Schulter tätscheln und ihn mit mitleidigen Augen über seine Familiengeschichte ausfragen. Im Gegensatz zu seinem antisemitischen Klassenkameraden, dem er einfach eine reinhauen kann, ist der Umgang mit diesen, ich sage jetzt mal Philosemiten, viel schwieriger. Es erzeugt eigentlich jedes Mal eine unglaubliche Peinlichkeit.

Sie sprechen auf die Figur der Frau Jachthuber an, die Lehrerin von Dima, die das Wort Jude nicht aussprechen kann. Sie verkörpert auch die Figur, in der sich die meisten Deutschen erkennen, oder sagen wir ertappt fühlen. Und klar verstehe ich das auch - dass einem das schwer fällt, Jude zu sagen, weil man nicht weiß, ob man gerade ein Schimpfwort benutzt, oder wie ein KZ-Aufseher klingt. Ich habe aber das Gefühl, es hilft, dass wir damit humorvoll umgehen: Im Lachen wird das Publikum eins, das jüdische wie auch das deutsche. Eine Lachallianz, die entkrampft. Für Philosemitismus habe ich aber auch kein Rezept. Antisemitismus ist brachial und stumpf, dagegen kann man sich besser verteidigen. Aber gegen Philosemitismus, der scheinbaren Liebe zu Juden, die sich in Deutschland oft aus einem Schuldbewusstsein speist, ist schwieriger vorzugehen. Ich versuche mich dem meist zu entziehen. Denn wenn die positiven Klischees gegenüber Juden nicht bedient werden, schlägt Philosemitismus ganz schnell in Antisemitismus um. Das macht ihn so gefährlich.

In dem Film geht es vor allem um diesen alltäglichen Antisemitismus. Gerade jetzt sind aber auch die lebensbedrohliche Angriffe auf Juden sehr präsent. An dem Tag, als »Masel Tov Cocktail« das erste Mal im Fernsehen lief, wurde ein jüdischer Student vor einer Hamburger Synagoge brutal angegriffen - nicht einmal ein Jahr nach Halle. Hätten Sie den Film heute nochmal so geschrieben?

Ja. Wie soll ich ihn denn sonst schreiben? Natürlich schockiert mich das auch. Aber es überrascht die jüdische Gemeinschaft nicht mehr. Ich kann mich noch erinnern, wie vor fünf Jahren noch in den Tagesthemen von antisemitischen Übergriffen berichtet wurde, da hatte man nicht das Gefühl, dass das hier an der Tagesordnung ist. Mittlerweile sind diese Übergriffe in die Lokalnachrichten gerutscht. Wenn ich von so etwas wie in Hamburg höre, dann wünsche ich mir manchmal, dass jemand den Spaten nimmt, und den Typen zurückschlägt. Das können wir natürlich nicht machen, wir leben in einem Rechtstaat. Aber wo wir das machen können, ist im Film. Da können wir eine Realität erschaffen, in der wir ermächtigt sind, zurückzuschlagen. Wir können eine Geschichte zeigen, wo eine jüdische Figur nicht gebrochen ist, und nicht Opfer ist – obwohl wir das leider häufig sind. Ich bin mit diesen Geschichten aufgewachsen, von Pogromen, Übergriffen, vor allem von sowjetischem Antisemitismus. Aber trotz alledem will ich nicht behandelt werden wie so eine alte zerbrechliche Vase, die von Panzerglas umrandet ist, und zwischendurch zieht eine Lehrerin so eine gelangweilte Schulklasse da durch und erklärt etwas über mich. Ich will nicht so passiv sein, den Dialog über mich mitbestimmen.

In einer Szene regt der Protagonist Dima sich über die ganzen Stolpersteine auf seinem Weg auf. »Schauen Sie nicht nach unten, bewältigen Sie die Gegenwart«, ruft er dem Publikum zu.

Ich habe das Gefühl, dass die Deutschen die ganze Zeit damit beschäftigt sind, an die Vergangenheit zu erinnern, und überall Mahnmale aufzustellen, und Stolpersteine zu legen, um sich für die Gegenwart zu immunisieren. Dabei hat das Land der Erinnerungsweltmeister heute 20 Prozent Einwohner mit antisemitischen Ansichten. Wie reagiert man darauf? Das Problem wird wegdelegiert. Es werden Antisemitismusbeauftragte installiert, und wenn es weiter Antisemitismus gibt, kann man die zur Rechenschaft ziehen. Man hat so das Gefühl, in Deutschland ist niemand Antisemit, weil man nicht Antisemit zu sein hat. Man hat nichts gegen Juden, sondern gegen die Eliten, Israel, die Banken, die Lügenpresse. Man kümmert sich um die Vergangenheit, aber man schaut nicht darauf, was heute passiert. Und es passiert Halle, es passiert Hamburg. Nach Halle hat unser Bundespräsident gesagt, er konnte sich nicht vorstellen, dass in so einem Land wie Deutschland, mit so einer Geschichte, so etwas geschehen könnte. Andere Politiker haben von Alarmsignalen gesprochen. Das ist absurd. Das ist kein Alarm, das ist die Gegenwart. Man klammert sich an die Vergangenheitsbewältigung, ohne zu merken, dass die gescheitert ist. Da kann man noch so viele Stolpersteine verlegen, man hat es nicht geschafft, sich dagegen zu impfen.

Vielleicht, weil es gar keine Impfung gibt?

Genau, es ist wie im Film: Antisemitismus ist halt eher wie Herpes. Man klebt Pflaster auf die Eiterblasen und hofft, dass er schnell wieder verschwindet.

»Masel Tov Cocktail« ist für sechs Monate in den Mediatheken der ARD und Arte zu sehen.

Regie: Arkadij Khaet, Mickey Paatzsch
Drehbuch: Arkadij Khaet, Merle Teresa Kirchhoff
Produzenten: Christine Duttlinger, Ludwig Meck, Lotta Schmelzer
Kamera: Nikolaus Schreiber
Montage: Tobias Wieduwilt
Produktion: Filmakademie Baden-Württemberg

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln