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Der schleichende Tod der Lebensversicherung

Der größte deutsche Versicherer, die Allianz, kippt die Garantie für die eingezahlten Beiträge seiner Kunden

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 3 Min.
Versicherer: Der schleichende Tod der Lebensversicherung

In der Lebensversicherung geht eine jahrzehntelange Ära zu Ende. Der Allianz-Konzern wird ab 1. Januar in allen Tarifen die Garantien für die Beiträge seiner Kunden streichen. Je nach Tarif wird die sogenannte Bruttobeitragsgarantie auf einen Wert zwischen 60 und 90 Prozent der eingezahlten Spargelder abgesenkt. In der anhaltenden Nullzinsphase wolle man so weiterhin eine attraktive und sichere Altersvorsorge bieten und diese langfristig zukunftsfähig gestalten, sagte Vorstand Thomas Wiesemann vergangene Woche dem Branchendienst »Versicherungsbote«. Eine Ausnahme will der Münchner Versicherungsriese nur dort machen, wo eine Beitragsgarantie gesetzlich vorgeschrieben ist, etwa bei Riester-Renten. »Noch«, befürchten Branchenbeobachter.

Die Lebensversicherung war einmal das populärste Sparprodukt in Deutschland. Im Schnitt besaß jeder Bundesbürger einen Vertrag. Den meisten galt die Kapital-Lebensversicherung als ebenso lukrative wie sichere Altersvorsorge. Verträge liefen oft über zwei, drei Jahrzehnte. Der Reiz für die meisten Verbraucher lag dabei nicht im sogenannten Todesfallschutz, sondern in der recht hohen und zudem garantierten Verzinsung. In den 1990er-Jahren lag der Garantiezins bei vier Prozent. Allerdings war damals die Inflationsrate höher als heute.

Die scheinbar goldenen Zeiten sind vorbei. Die Niedrigzinsen seit der Finanzkrise haben auch die Lebensversicherung in Mitleidenschaft gezogen. Seit 2017 liegt der garantierte Wert nur noch bei 0,9 Prozent. Und die Deutsche Aktuarvereinigung empfiehlt, den Zins auf 0,5 Prozent zu senken. »Derzeit gibt es keine Anzeichen, dass sich das zum Teil negative Zinsniveau in näherer Zukunft spürbar verbessern wird«, so die Begründung. Daher sei eine Absenkung für Neuverträge ab 2021 geboten. Eine Antwort des Bundesfinanzministeriums von Olaf Scholz (SPD), das auf Empfehlungen der Aktuare über den Höchstrechnungszins letztlich entscheidet, steht noch aus.

Auf den schleichenden Niedergang der klassischen Police mit festgeschriebener Verzinsung reagierte die Branche. Einige wie Generali und Skandia haben ihr Lebensversicherungsgeschäft verkauft, andere wie Ergo intern ausgegliedert. Und neue Verträge schließt höchstens noch die Hälfte der knapp 100 deutschen Lebensversicherer ab.

Stattdessen setzt die Branche immer stärker auf Policen, die sich an Börsenindizes orientieren, und auf die »Neue Klassik«. Letztere funktioniert ähnlich wie alte Lebensversicherungen, bietet aber noch geringere oder gar keine Gewinngarantien mehr. Die Allianz, der mit Abstand größte deutsche Versicherer - Marktanteil: mehr als 29 Prozent -, haut nun noch einen dicken Klotz oben drauf, indem er nicht einmal mehr die von den Kunden eingezahlten Beiträge vollständig garantieren will. Damit ist die klassische Lebensversicherung tot. »Das ist eine historische Zäsur«, heißt es beim Bund der Versicherten.

Gleichzeitig entzieht sich die Allianz den strikten staatlichen Regulierungen, die für die Kapital-Lebensversicherung gelten. Angesichts des Niedrigzinses »brauchen wir Freiheiten in der Kapitalanlage, um attraktive Renditen erwirtschaften zu können«, sagt Laura Gersch, Vorständin bei Allianz Lebensversicherung AG. Auch in der betrieblichen Altersvorsorge verabschiedet sich die Allianz aus dem Garantiegeschäft: Ab 2022 soll die Allianz Pensionskasse-AG keine neuen Verträge mehr annehmen. »Garantien sind teuer«, erklärt Kerstin Becker-Eiselen von der Verbraucherzentrale Hamburg, welche Absichten die Allianz verfolgt.

Der neue Allianz-Slogan lautet: »Sicherheit ist mehr als eine Garantie.« Aber ohne Garantie könnten Sparer am Ende der Laufzeit viel weniger Geld zurückbekommen, als sie eingezahlt haben, warnen Verbraucherschützer. Nun scheinen auch die Garantien bei der Riester-Rente und der betrieblichen Altersvorsorge in Gefahr. Die Branche drängt seit geraumer Zeit auf Neuregelungen. Derzeit müssen dort 100 Prozent der Beiträge garantiert werden.

Lebens- und Rentenversicherungen hält Erk Schaarschmidt ohnehin für eine spekulative »Wette aufs Leben«. Zudem seien die Kosten der privaten Versicherer hoch, so der Finanzexperte der Verbraucherzentrale Bran-denburg, gegenüber »nd«. Österreich habe daraus gelernt und vor einiger Zeit sein Rentensystem reformiert. Wie in der Schweiz zahlten fast alle in die gesetzliche Rentenversicherung ein. Im Ergebnis seien die durchschnittlichen Renten heute um mehrere Hundert Euro monatlich höher als im teilprivatisierten deutschen System.

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