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Feminismus als Lifestyle

Bloß nicht ins Internat! Der Jugendfilm »Enola Holmes« über die Schwester des berühmten Detektivs

  • Von Florian Schmid
  • Lesedauer: 3 Min.
Enola Holmes (Millie Bobby Brown) gibt sich nicht mit ihrer Rolle als Upper-Class-Mädchen zufrieden.
Enola Holmes (Millie Bobby Brown) gibt sich nicht mit ihrer Rolle als Upper-Class-Mädchen zufrieden.

Hatte Sherlock Holmes eine jüngere Schwester? Bisher hatte man davon eigentlich noch nie etwas gehört, aber schon 2006 dichtete ihm die erfolgreiche US-amerikanische Jugendbuchautorin Nancy Springer die junge Enola Holmes als Geschwisterkind an und publizierte bis 2010 ein halbes Dutzend Romane über die junge Frau, die im London des 19. Jahrhunderts eine eigene Detektei betreibt. Nun hat Netflix den Stoff mit dem 16-jährigen »Stranger Things«-Star Millie Bobby Brown verfilmt und prompt haben die Nachfahren von Sherlock-Holmes-Erfinder Sir Arthur Conan Doyle einen noch schwebenden juristischen Streit vom Zaun gebrochen, da sie die Rechte an der legendären Detektivfigur verletzt sehen.

Den Sherlock Holmes mimt in der Verfilmung Henry Cavill, der zuletzt nicht nur in drei DC-Filmen als Superman durch die Luft flog, sondern auch in der Netflix-Serie »The Witcher« die Hauptfigur spielt. Fast entsteht der Eindruck, als hätte der Streaminganbieter Netflix jetzt ein eigenes kleines Star-Ensemble aufgebaut, das durch diesen aufwendig, nebenbei auch noch vom erfolgreichen Teenager Millie Bobby Brown mitproduzierten Kostümfilm laufen darf, der ein bisschen an Jane Austen, Harry Potter und eine popkulturell entpolitisierte Light-Version von »Suffragette« erinnert.

»Enola Holmes« ist ein flott erzählter Unterhaltungsfilm, in dessen Zentrum die besagte Holmes-Schwester steht, die von ihrer Mutter im biederen viktorianischen Zeitalter zur wehrhaften Feministin erzogen wurde. Der Vater ist seit Langem tot, die Brüder (neben Sherlock gibt es noch den reaktionären Politfunktionär Mycroft) weilen irgendwo in London und an Enolas 16. Geburtstag ist die Mutter plötzlich verschwunden. Enola, so lernen wir, basiert auf einem Wortspiel. Rückwärts gelesen kommt dabei »alone« heraus.

Wurde die von Helena Bonham Carter gespielte Mutter entführt, musste sie fliehen? Und was hat das mit den geheimnisvollen Treffen ihrer Mutter mit anderen Frauen zu tun, denen Enola vergebens zu lauschen versuchte? Die Brüder reisen derweil ins verwunschene ländliche Anwesen und wollen ihre Schwester in ein autoritäres Internat stecken, wo sie unter anderem vornehm hüstelnd lachen lernen soll, um später auf dem Heiratsmarkt vermittelbar zu sein. Aber die blasiert vor sich hin dozierenden älteren Brüder haben nicht mit der streitbaren Enola gerechnet, die erst mal ausbüxt und ihren eigenen Weg geht. Der führt mitten hinein in ein Abenteuer mit einem noch blasierteren Jung-Adeligen namens Viscount Tewskbury, den sie ganz actionmäßig vor einem Mordanschlag rettet. In London wird Enola schließlich dann doch eingefangen und landet fürs erste im Internat.

Der gut zweistündige Film lebt vor allem von der schauspielerischen Leistung Millie Bobby Browns, die in »Stranger Things« als telekinetisch begabte Außenseiterin unter anderem Autos durch die Luft fliegen lässt und in »Enola Holmes« alles tut, was brave junge Upper-Class-Mädchen im viktorianischen Zeitalter tunlichst vermeiden sollen: das reicht von Tennis spielen über Bogenschießen, Fahrrad fahren, rätselhafte Codes dechiffrieren, Verbrechen aufklären bis hin zu handfesten Kloppereien. Als weiblicher Gegenpart zum männlichen Alleswisser Sherlock Holmes ermittelt sie munter drauflos.

»Enola Holmes« erzählt zwar eine empowernde feministische Geschichte vor dem Hintergrund der politischen Debatte um eine Wahlrechtsreform. Diese wird aber nur erwähnt, es wird nicht wirklich von ihr erzählt.

Dabei wäre das durchaus spannend gewesen: Nicht ein einziges Mal geht es in diesem als herrschaftskritisch angelegten Pop-Blockbuster um soziale Missstände. Keiner hungert, alle haben irgendwie Geld und die Bösen werden zum Glück stets besiegt. Vielleicht sollte man »Enola Holmes« als gut gemachten, rasanten Jugendfilm verstehen, der Feminismus als coolen, gegen den Strich gebürsteten Lifestyle inszeniert. Von den existenziellen Kämpfen nicht nur bürgerlicher Frauen, sondern auch von Arbeiterinnen, die sich in einer brutal autoritären und sexistischen Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts behaupteten, erzählt der Film aber nichts.

»Enola Holmes« auf Netflix.

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