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Im Westen nichts Neues

Ein neuer Führungsstreit bei Hertha BSC erhöht den Druck aufs schwächste Glied

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 3 Min.

Passiert ist nach bislang drei Bundesligaspieltagen noch nichts Entscheidendes. Die bisherigen Auftritte der Fußballer von Hertha BSC bilden aber ganz gut den Zustand des Berliner Klubs ab. Dem peinlichen Pokalaus bei Zweitligist Eintracht Braunschweig folgte ein klarer Sieg zum Ligaauftakt gegen Werder Bremen. Deutlich fiel danach die Heimniederlage gegen Eintracht Frankfurt aus, Hoffnung machte wiederum das muntere 3:4 beim FC Bayern München vor der Länderspielpause. Was an diesem Sonnabend gegen die recht mutig aufspielenden Aufsteiger vom VfB Stuttgart passieren wird, ist nur schwer vorhersehbar.

Eine klare Linie lässt auch die Führungsebene des Vereins nicht erkennen. Nun ist das im Westen der Fußballhauptstadt nichts Neues, macht aber die Arbeit nicht leichter und das Image nicht besser. Den aktuellen Streit trugen Jens Lehmann und Werner Gegenbauer nach außen. »Auch Herr Lehmann spricht als Berater von Tennor über und nicht für Hertha BSC«, sagte Vereinspräsident Gegenbauer am Donnerstag. Schon die bissige Art der Namensnennung überrascht. Dass dieser Herr Lehmann als Aufsichtsratsmitglied einem Vereinsgremium angehört, macht die Distanzierung noch dramatischer. Zur Erklärung: Tennor ist die Fondsgesellschaft von Lars Windhorst, über die er bis Ende Oktober 374 Millionen Euro in den Bundesligaklub investiert haben wird. Damit erwarb er 66,6 Prozent der Anteile an der ausgegliederten Profiabteilung von Hertha BSC und erhielt vier von neun Sitzen in deren Aufsichtsrat.

»Das Ziel ist allen bei Hertha BSC klar. Und das heißt Qualifikation für den europäischen Fußball.« Mehr hatte Jens Lehmann am Mittwoch nicht gesagt - und damit keineswegs Utopisches, sondern nahezu Notwendiges verkündet. Mit Ausgaben von mehr als 33 Millionen Euro in diesem Sommer liegen die Berliner in der Bundesliga auf Rang drei der Transfertabelle. Mit insgesamt rund 145 Millionen Euro gaben sie nun in einem Jahr fast das Vierfache von Ligakonkurrent Mönchengladbach für Neuzugänge aus - und die Borussia spielt Champions League.

Angesichts dieser Zahlen verwundert Gegenbauers Reaktion. Umso mehr, wenn er die europäische Bühne nur als »mittelfristiges Ziel« von Hertha BSC ausgibt. So gereizt klingt man wohl, wenn man Macht verliert. Der hilflose und ständig wiederholte Versuch, das anders - und, nicht unwichtig, den Regeln im deutschen Fußball entsprechend - darzustellen, ändert daran nichts. Lars Windhorst spricht in Berlin schon immer eine andere Sprache: Als »Big City Club« müsse Hertha in der »Champions League« im europäischen Konzert der ganz Großen mitspielen. Dass der Investor größer denkt, liegt auch daran, dass das investierte Geld gar nicht ihm gehört, sondern anderen Investoren, die es in seine Firma Tennor gesteckt haben. Und die erwarten mit Sicherheit Gewinne. Das arg gestörte Verhältnis zwischen Windhorst und der Vereinsführung befeuert der Umstand, dass der unwürdig aus Berlin geflohene Trainer Jürgen Klinsmann auch nach Schlammschlachten mit dem Verein samt beiderseitigem Nachtreten noch immer Windhorsts persönlicher sportlicher Berater ist.

Würden die sportlichen Ergebnisse stimmen, was angesichts der Möglichkeiten von Hertha BSC zumindest die Teilnahme an der Europa League bedeuten muss, wäre die Aufregung nur halb so groß. Weil es aber schon länger nicht zufriedenstellend läuft, erhöhen derartige, in der Öffentlichkeit ausgetragene, Auseinandersetzungen den Druck auf das schwächste Glied. Das ist auch in Berlin der Trainer. Diese Aufgabe löste Bruno Labbadia bislang solide und zurückhaltend. Jetzt, in seiner ersten kompletten Saison als Hertha-Coach, muss er jedoch mehr als nur Mittelmaß liefern. Seine Enttäuschung über die Transferaktivitäten des Klubs (»Wir hatten einiges anders vor«) darf ebenso wenig als Ausrede gelten, wie sein Verweis darauf, »die drittjüngste Mannschaft« der Liga zu trainieren. Viele Konkurrenten konnten in der Coronakrise nicht annähernd so viel Geld ausgeben. Und bei einem Altersdurchschnitt der 18 Bundesligisten von 23,8 bis 26,9 Jahren ist auch kein wirklicher Wettbewerbsnachteil zu erkennen.

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