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»Ein Lächeln hat sie besiegt«

Im Wendland freut man sich, dass Gorleben nicht der Endlagerstandort wird. Doch es bleibt viel zu tun

  • Von Reimar Paul, Gorleben
  • Lesedauer: 7 Min.
Auch nach dem Aus im Endlager-Suchverfahren wird in Gorleben weiter rund um das dortige Erkundungsbergwerk demonstriert.
Auch nach dem Aus im Endlager-Suchverfahren wird in Gorleben weiter rund um das dortige Erkundungsbergwerk demonstriert.

Der Himmel über Gorleben ist grau, über den Baumwipfeln hängen dicke Wolken, es könnte Regen geben. Aber schlechtes Wetter kennen sie im Wendland eigentlich nicht, höchstens falsche Kleidung, und ein paar Tropfen haben hier noch niemanden vom Demonstrieren abgehalten.

Wie unzählige Male in den vergangenen 43 Jahren haben sich an diesem Tag viele Hundert Menschen mit Trommeln, Transparenten und Trillerpfeifen vor der Zufahrt zum - nunmehr ehemaligen - Erkundungsbergwerk Gorleben versammelt. Wie unzählige Male zuvor sind Traktoren, mit Protestplakaten geschmückt, aufgefahren. »Ein Lächeln hat sie besiegt«, steht auf einem. Und wie unzählige Male zuvor wehen über der Menge bunte Luftballons und Fahnen mit der Anti-Atomkraft-Sonne oder in den orange-grünen Farben der Republik Freies Wendland.

Vieles scheint wie immer, und doch ist es dieses Mal anders. Nicht nur, dass die meisten jetzt Masken tragen, sondern auch: Während die Leute früher gegen den Bau von Atomanlagen und vor allem eines atomaren Endlagers in Gorleben protestierten, sind sie jetzt vor allem zum Feiern gekommen. Völlig überraschend hat die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) einige Tage zuvor den unterirdischen Gorlebener Salzstock aus der Liste möglicher Endlagerstandorte gestrichen. Aus geologischen, also fachlichen Gründen: Über dem Salzstock fehle ein ausreichend starkes Deckgebirge, das den Atomschrott über Hunderttausende Jahre sicher vom Grundwasser und der Atmosphäre abschotten könnte, so die Begründung. Kritische Wissenschaftler hatten dies schon vor Jahrzehnten bemängelt, auf sie gehört wurde lange Zeit nicht.

Begleitet von den Traktoren, ziehen die Demonstranten am Ende der Kundgebung noch einmal um das nun nicht mehr benötigte Bergwerk. Diese »Ehrenrunde« hatte Wolfgang Ehmke zuvor angekündigt. Der Anti-Atom-Veteran und Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg muss den Demo-Tag zu Hause in Corona-Quarantäne verbringen.

Bauer Hans-Werner Zachow aber ist nach Gorleben gekommen. Er war, erzählt er einem Reporter und schüttelt lachend den Kopf, gerade beim Melken, als im Radio durchgegeben wurde, dass Gorleben raus ist. Er habe gedacht: »Ich habe mich verhört. Das kann eigentlich gar nicht sein.«

Zachow war unter den ersten, die vor mehr als vier Jahrzehnten mit ihren Schleppern gegen die Pläne demonstrierten, in Gorleben ein »nukleares Entsorgungszen-trum« zu errichten - einen gigantischen Atomkomplex mit Wiederaufarbeitungsanlage, Endlager, mehreren Pufferlagern und einer Fabrik für Brennelemente. Bei der Bekanntgabe des Standortes im Februar 1977 hatte Niedersachsens damaliger Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) darauf verwiesen, dass sich im Gorlebener Salzstock der Atommüll für Jahrtausende trefflich verwahren ließe. Salzformationen gab es allerdings auch anderswo in Niedersachsen. Sie hätten sich nach Ansicht von Geologen sogar besser als Lagerstätte geeignet.

Ausschlaggebend für Albrechts Entscheidung waren wohl andere Gründe. Im strukturschwachen, konservativen Wendland, so sein Kalkül, würden die Leute schon nichts gegen die geplanten Atomfabriken haben und gegen die versprochenen Arbeitsplätze erst recht nicht. Laut dem mittlerweile verstorbenen Geologen Gerd Lüttig hatte es Gorleben dem niedersächsischen Ministerpräsidenten auch wegen der nahen DDR-Grenze angetan. »Er wollte einen Standort in der Nähe der damaligen Zonengrenze haben, weil ›die Ostzonalen‹, wie er immer sagte, ›uns die Geschichte mit ihrem Endlager Morsleben eingebrockt hatten‹«, sagte Lüttig später dem »nd«. Morsleben war in der DDR schon 1971 in einem ehemaligen Kali- und Steinsalzbergwerk eingerichtet worden, nur einen Steinwurf entfernt von der Grenze nach Niedersachsen.

Albrechts Rechnung ging bekanntlich nicht auf, die Lüchow-Dannenberger lehnten die Atomanlagen strikt ab. Als die Bauern im März 1979 zu ihrem legendären Treck nach Hannover aufbrachen, war Zachow 21 Jahre alt. Auch bei vielen Nadelstichen, die Atomkraftgegner den Behörden und Bohrfirmen im Gorlebener Wald immer wieder versetzten, war er mit von der Partie: »Wo wir dann mal so Untersuchungen gemacht haben, ob es einem Bohrloch auch guttut, wenn es mit Gülle versorgt wird. War eine gute Aktion, denke ich. Aber es hat uns natürlich auch einiges an Ärger, Prozesse und auch Geld gekostet, diese Aktionen durchzuführen.«

Auch Zachows Kollege Carsten Niemann ist von Beginn an im Widerstand aktiv gewesen, mit 18 wurde er das erste Mal von der Polizei festgenommen. »Heute freue ich mich«, sagt er. »Und ich finde, dass diese Freude verdient ist und dass man ihr Platz geben muss.« 43 Jahre hätten sich so viele Menschen aus der Region diesem einen Thema gewidmet - »und nach so langer Zeit Recht zu bekommen, dass Gorleben geologisch nicht geeignet ist, da ist erst mal Freude«.

Erst mal. Denn Niemann weiß auch, dass Gorleben nach wie vor Atomstandort ist. In der Castorhalle auf der anderen Seite der Straße strahlen 113 Behälter mit hoch radioaktivem Müll vor sich hin, in einem weiteren Zwischenlager stapeln sich Fässer und Container mit schwach- und mittelradioaktiven Abfällen. Wie lange die Hallen stehenbleiben und noch zur Aufbewahrung von Atommüll genutzt werden, ist völlig unklar.

Etwas versteckt im Kiefernwald stehen drei große Holzkreuze. Auf verwitterten Bänken hocken am Nachmittag ein paar Dutzend zumeist ältere Frauen und Männer. Seit 31 Jahren treffen sich hier jeden Sonntagnachmittag Menschen zum »Gorlebener Gebet«, zur Andacht und zu Gesprächen, manchmal wird auch gesungen. Außer in den ersten Wochen nach Beginn der Coronakrise ist die Veranstaltung noch nie ausgefallen, sagt Christa Kuhl, die 81 Jahre alte Koordinatorin. Nun ist das Endlager vom Tisch. Wurden die Gebete also erhört?

»Ja, einerseits«, sagt Kuhl. »Denn es war uns ja ein großes Anliegen, dass das Endlager nicht weiter ausgebaut und mit Atommüll gefüllt wird.« Das sei aber nur die eine Seite: »Unser Anliegen ist nämlich auch, dass die Nutzung der Atomenergie insgesamt beendet wird, wo auch immer. Dieses Anliegen bleibt, es ist noch nicht erfüllt.« Das »Gorlebener Gebet« werde also weitergehen.

»Unsere Andachten werden von ganz unterschiedlichen Leuten vorbereitet«, erzählt Kuhl. Mal von Einzelpersonen, mal von Paaren, Gruppen, Freundeskreisen. Dabei sei das »Gorlebener Gebet« nicht nur ein Angebot für gläubige Christen: »Einmal sagte einer, ich bin Atheist, ich würde auch gern kommen. Und wir haben ihn eingeladen.« Auch Buddhisten aus Nepal und Muslime haben die Andachten schon geleitet.

Das Gorlebener Gebet, hier mit Christa Kuhl (rechts), wird weitergehen.
Das Gorlebener Gebet, hier mit Christa Kuhl (rechts), wird weitergehen.

Wollte die Kirchenleitung gegen die beteiligten Pastoren anfangs noch ein Predigtverbot verhängen, hat sie längst ihren Frieden mit dem »Gorlebener Gebet« gemacht. Bei einer Feier zum 25-jährigen Bestehen entschuldigte sich der evangelische Bischof Ralf Meister in Hannover ganz offiziell für die vorherige Haltung seiner Landeskirche. Meister heißt auch das Engagement der Pfarrer gut, die bei den Castortransporten nach Gorleben mit protestierten und in Konfliktsituationen zwischen Atomgegnern und der Polizei vermittelten.

Pfarrer wie Gottfried Mahlke. Er sei »glücklich« über das Aus von Gorleben, sagt er. »Dafür haben wir 43 Jahre gekämpft, dass das jetzt so ist.« Aber er sehe sich nicht als Sieger. Es gehe um mehr als Atomkraft, »es geht um den Mobilfunkstandard 5G, es geht um Klima, es geht um Rüstung, es gibt ganz viele Sachen, wo es nötig ist, die Welt zu verändern«. Mahlkes Kollege Eckhard Kruse sagt: »Es ist einfach so, dass alles, was wir gesagt haben, richtig war. Ich bin immer noch entsetzt darüber, dass es so lange gedauert hat, bis man darauf gehört hat.«

Jochen Stay von der Anti-Atom-Organisation »Ausgestrahlt«, über Jahre eine zentrale Figur im wendländischen Atomwiderstand, drückt sich so aus: »Ein 43 Jahre alter Fehler wurde endlich geheilt. Die geologischen Mängel des Salzstocks in Gorleben sind schon lange bekannt. Mit dem heutigen Tag werden diese nun auch offiziell bestätigt.« Dieser Erfolg sei ohne den unermüdlichen Widerstand nicht möglich gewesen: »Was kann einer Gesellschaft Besseres passieren, als dass sich unzählige Menschen so für die Sicherheit der kommenden Generationen einsetzen?« Doch die Gorleben-Entscheidung sei nicht das Ende des Konflikts. »Der Atommüll ist immer noch da, und von einer langfristig möglichst sicheren Lagerung sind wir noch sehr weit entfernt.«

Viele im Wendland sind sich einig, dass nun auch die Schächte und Stollen im Bergwerk zugeschüttet werden müssen, damit der Salzstock nicht doch eines Tages als Notnagel wieder aus dem Hut gezaubert wird. »Gorleben muss zur Wiese werden«, heißt es bei der Kundgebung immer wieder. Einige haben allerdings eine andere Idee, wie das Bergwerk künftig genutzt werden könnte. »Bad Gorlebener Salzwelten«, haben sie auf ein Transparent geschrieben. Und: »Wellness im Wendland.«

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