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Ein Eigentor als Volltreffer

In der Oberliga Baden-Württembergs gab es am Wochenende einen bemerkenswerten Fall von Fairplay. Echt jetzt!

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.
Stuttgarter Kickers: Ein Eigentor als Volltreffer

Die Stuttgarter Kickers sind in vielerlei Hinsicht typisch für einen Verein mit großer Vergangenheit und vergangener Größe. »Tradition« muss in Degerloch nicht behauptet werden, sie weht einem aus jedem zugigen Loch über die Gegengerade hinweg an. Wer aus Versehen einen Rentner anrempelt am Wurststand (ein Stand für 2000 Zuschauer mit zwei überforderten Soziologen am Zapfhahn), wird mit Geschichten von früher belohnt. Fans waren noch nie in Massen da, sind aber auch durch keine Katastrophe zu vergraulen. Wahre Größe entwickelt man als Fan in der Agonie, Bundesliga kann schließlich jeder. Selbst die Kickers konnten das mal.

Unvergessen die Saison 1990/1991, als die Blauen sich im dritten Relegationsspiel in Gelsenkirchen den Aufstieg in die erste Liga sicherten. Darüber freuten sich dann auch grob geschätzt 237 Ruhrpott-Touristen aus dem Schwäbischen, während rund 10 000 St. Pauli-Fans ziemlich schlechte Laune hatten. Die Kickers spielten daraufhin im viel zu großen Stadion des übermächtigen Lokalrivalen mit dem roten Brustring. Zu den letzten fünf Heimspielen kamen mal 4800, mal 7200 Zuschauer.

Über die begrenzte Strahlkraft der Kickers zu Bundesliga- und Zweitligazeiten lässt sich also genauso spotten wie über die wesensverwandten Vereine Fortuna Köln und Wattenscheid 09. Doch eines muss man ihnen lassen: Die Fans, die es ernst meinen mit den vermeintlichen Mauerblümchen des Fußballs, sind ihren Teams ergebener als die meisten Bundesliga-Anhänger. Wattenscheid beispielsweise ist letztes Jahr mal wieder pleite gegangen - und hat heute in der Oberliga nach einem glaubwürdigen Neustart mehr Dauerkartenkunden (300) als je zuvor.

Und zu den Heimspielen der Kickers werden noch dann 2680 Zuschauer im Schnitt kommen, wenn die Mannschaft in Streik tritt und nach Mallorca fliegt. Anders kann man es sich jedenfalls nicht erklären, dass in der vergangenen Saison bis zum Corona-Lockdown im Schnitt 2680 Fans die Spiele gegen Ilshofen und Freiberg in der Oberliga Baden-Württemberg sahen. Bevor Sie nachschauen: Die Oberliga ist die fünfthöchste Spielklasse, es sind nicht viele Ligen, die zwischen ihr und den Hartplätzen liegen, auf denen sich Herren mit mehr oder weniger Bauchansatz den Sonntagmorgen vertreiben.

Am Wochenende haben die Kickers nun mal wieder für überregionale Schlagzeilen gesorgt. Und dann waren sie auch noch positiv. Es begab sich beim 4:2-Sieg gegen den FC Nöttingen, dass ein Spieler der Gäste den Ball ins Aus spielte, mutmaßlich, damit ein Stuttgarter Spieler behandelt werden konnte. Im Anschluss daran fiel allerdings ein Tor für Stuttgart, woraufhin der Kickers-Trainer, ein Mann namens Ramon Gehrmann, seine Spieler anwies, nun aus Gründen der Ausgewogenheit ein Eigentor zu fabrizieren. Was prompt geschah!

Wenn Sie das, was in der württembergischen Fußballprovinz passiert ist, nun für selbstverständlich halten, weil der Fairnessgedanke ja angeblich zum Sport gehört, haben Sie Recht. Eigentlich. Es ist allerdings noch gar nicht so lange her - zweieinhalb Jahre, um genau zu sein -, da freute sich Eintracht Frankfurt ohne jede Scham über ein Tor, das zustande gekommen war, weil ein Frankfurter Spieler nach einer Behandlungspause für einen Freiburger Kollegen den Ball nicht zurückwarf, sondern als Torvorlage in eigener Sache nutzte. Trainer Adi Hütter hat danach behauptet, er habe die Szene nicht so genau gesehen. Als sein Spieler David Abraham eineinhalb Jahre später SC-Trainer Streich in den Boden rammte, stand Hütter ebenfalls drei Meter daneben und hatte die Szene nicht so genau gesehen. Der Mann scheint ernsthafte Wahrnehmungsschwierigkeiten zu haben.

Im Sommer, auch auf so etwas muss man erst mal kommen, wurden Karl-Heinz Rummenigge und Dietmar Hopp von der »SportBild« für die »Geste des Jahres« ausgezeichnet, weil sie einträchtig nebeneinander standen, als Fans des FC Bayern lautstark gegen Hoffenheim-Mäzen Hopp und dessen Demokratieverständnis polemisiert hatten.

Für die nächste Auszeichnung schlage ich der »Sport-Bild«-Redaktion hiermit Ramon Gehrmann vor, auch wenn der gute Mann fraglos weniger einflussreich als Hopp und Rummenigge ist. Gebt euch einen Ruck, liebe Kollegen. Die Latte könnte niedriger nicht hängen. Sie berührt ja schon den Boden.

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