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Die letzte Reise

Milo Raus »Everywoman« an der Berliner Schaubühne beschwört eine Revolution der Sterblichen

Zwiegespräch im Schattenreich: Helga Bedau auf der Leinwand und Ursina Lardi in der Rückansicht
Zwiegespräch im Schattenreich: Helga Bedau auf der Leinwand und Ursina Lardi in der Rückansicht

Der Regisseur Milo Rau reist mit leichtem Gepäck. Als der Schweizer vor zwei Jahren seine Intendanz am Nationaltheater Gent in Belgien antrat, veröffentlichte er ein Manifest, das die zehn Regeln eines »Stadttheaters der Zukunft« verkündete. Vollmundig und selbstsicher klang das, auch in der Entschiedenheit zum Minimalismus. Die achte Regel lautet: »Das Gesamtvolumen des Bühnenbilds darf 20 Kubikmeter nicht überschreiten, das heißt eines Lieferwagens, der mit einem normalen Führerschein gefahren werden kann.«

Sparsam fällt dementsprechend die Gestaltung des Bühnenbildes an der Berliner Schaubühne aus, die Zeichen stehen auf Aufbruch. Ein paar Umzugskartons stehen herum, links ein kleiner Flügel, bereit zur Abholung, rechts ein Findling, der sich aber bald als leichte Kulisse erweist. Die Schauspielerin Ursina Lardi schiebt ihn mühelos in die Bühnenmitte, sagt dabei wie zu sich selbst: »Ich weiß nicht, ob ich eine Seele habe. Oder nur Verstand.« Ruhig, gemächlich und rätselhaft beginnt dieser Abend. Worum geht es? Nicht um Werte oder Figuren, wie Lardi erklärt. »Eine Moral kann ich nicht mehr abliefern. Bitte entschuldigen Sie. Wir brauchen eine ganz andere Erlösung.«

Die Schaubühne, wo das Stück am vergangenen Donnerstag Premiere feierte, ist Kooperationspartner, erstmals gezeigt wurde es bereits im August bei den Salzburger Festspielen. »Everywoman« basiert auf der Auseinandersetzung mit Hugo von Hofmannsthals »Jedermann«, jenem Klassiker, der Jahr für Jahr vor dem Salzburger Dom gespielt wird. Der reiche Jedermann ist dem Tode geweiht, rasch muss er nun noch ein guter Mensch werden, um ins Paradies zu gelangen. Rau und Lardi, die den Text gemeinsam verantworten, scheinen dem schon zur Uraufführung im Jahr 1911 recht verstaubten Heilsversprechen nicht zu trauen, streben sie das Himmelreich doch schon auf Erden an.

Ihre Neudichtung behandelt weiterhin die letzte Reise des Menschen. Allerdings birgt keine christliche und auch keine andere Moral die erhoffte Erlösung, sondern einzig die Anerkennung des Todes. »Everywoman« versucht die Sterblichkeit als Verbindung zwischen den Individuen fruchtbar zu machen, im geteilten Verhängnis ein humanistisches Potenzial aufscheinen zu lassen. »Es geht darum, dass ein Mensch wirklich erfasst wird. Nur ein einziger Mensch. Nur ein einziges Mal. Dass diese Einsamkeit, die uns trennt, verschwindet.«

Von dieser Prämisse ausgehend, bei der nicht sicher ist, ob sie noch als philosophisch oder schon als esoterisch zu beschreiben wäre, ergäbe sich, so offenbar die Hoffnung, eine emanzipatorische Kraft: Hat die Menschheit sich selbst erst als Gemeinde von Sterbenden verstanden, könnte sie sich von all dem befreien, was sie mit dem Ziel betreibt, eben dieses Sterben zu verdrängen - also jene Systeme aus Ordnung und Macht, die ihrerseits Gewalt ausüben. »Endlich Freiheit! Endlich Gerechtigkeit! Endlich Wissen! Endlich Wildheit! Endlich Gemeinschaft!«

So erfreulich optimistisch dieser Gedankengang zunächst erscheint, so ausweglos dürfte er jenen erscheinen, die von ihm ausgehend eine politische Idee für das 21. Jahrhundert zu entwerfen versuchen. Eine solche Revolution der Sterblichen auszurufen, ist möglicherweise Relikt einer Recherche mit indigenen Künstlern in Brasilien. Dort wollten Lardi und Rau »Antigone« mit Indigenen und Aktivisten der Landlosenbewegung inszenieren und auch ihren »Jedermann« ursprünglich ansiedeln, aber das Coronavirus brach über die Welt herein und das Projekt musste gestoppt werden. Sie mussten umdenken, das Konzept zu dem Abend in seiner jetzigen Gestalt entstand.

Zum Glück, denn Rau und Lardi haben nur wenig Interessantes über den Tod zu erzählen, und von diesem Wenigen muss man noch einige vage Romantizismen abziehen. Sehr wohl aber erzählt »Everywoman« eindringlich vom Leben, und zwar nicht vom Leben an sich, sondern von einem konkreten der pensionierten Lehrerin Helga Bedau. Sie ist die zweite Darstellerin an diesem Abend, in aufgezeichneten Videos erzählt sie knapp und gewissenhaft, wie sie aus dem Ruhrgebiet nach Westberlin kam, von Demonstrationen in ihrer 68er-Zeit, von ihrem schmerzlich vermissten Sohn - und von ihrer Diagnose.

Bedau hat Buchspeicheldrüsenkrebs. Zum Zeitpunkt der Aufnahmen konnte sie nicht wissen, ob sie die Premiere des Stücks überhaupt noch erleben würde. Über der Bühne schwebt die Videoprojektion einer fragil, aber gefasst wirkenden Dame, von der 80 Minuten lang nicht klar ist, ob sie noch unter uns sein kann oder ob sie nun für immer Bild bleiben muss. Diese Grundkonstellation trägt den Abend über trübe Einfälle hinweg. Helga Bedau, diese Frau, die sich selbst für nicht sehr besonders hält, kann tatsächlich einlösen, was Rau und Lardi versprochen haben: einen Menschen zu erfassen, ihn zu erkennen.

Abend für Abend kann man im Theater Figuren und Geschichten verfolgen, selten aber sieht man einen Menschen in solcher Schärfe wie Helga Bedau in »Everywoman«. Am Ende der Vorstellung erlöst sie das Publikum, indem sie auf die Bühne kommt. Und als sie dann zerbrechlich, aber doch sichtlich erfreut den Applaus empfängt, da ist das echte Ende noch einmal verschoben worden.

Nächste Vorstellungen: täglich 20. bis 31. Oktober, außer 26. Oktober

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