Die Adler im Horst, sie schliefen

Die Übersetzerin Kristiane Lichtenfeld erzählt von ihrer Annäherung an die georgische Literatur

Aus den Vorbemerkungen

… Es waren die älteren und die heute modernen Klassiker, die über 150 Jahre mit ihrem Engagement für ein nationales Selbstbewusstsein, für Souveränität und den georgischen Freiheitsgedanken eintraten und geistig und künstlerisch vorbereiteten, was heute für die Jüngeren möglich geworden ist. Sie wurden dafür ermordet wie Ilia Tschawtschawadse, Micheïl Dschawachischwili , in den Gulag verbannt wie Tschabua Amiredschibi, in den Selbstmord getrieben wie Galaktion Tabidse. Glücklicher davongekommen - wenn man so will, dank der Gnade der späteren Geburt - ist ein Otar Tschiladse, der erst nach der Abrechnung mit dem Stalinismus, also schon in etwas gemäßigteren Zeiten debütierte, er gehört zu den sogenannten »Sechzigern«, jener Schriftstellergeneration in der Sowjetunion, die in den 1960er Jahren in die Literatur eintraten. Aber auch Otar Tschiladses ganzes Schaffen war dem Schicksal seiner georgischen Heimat gewidmet, und mit zwei gewichtigen, vielleicht seinen wichtigsten Romanen reicht sein Werk über die jüngste Zeitenwende hinaus und in die gleichfalls nicht unproblematische Gegenwart hinein.

Zehn Werke dieser Großen, Meilensteine der georgischen Literatur über jenen Zeitraum von 150 Jahren, seien in diesem persönlichen Resümee vorgestellt, sie wurden vorwiegend von mir ins Deutsche übersetzt, an einigen davon war ich an ihrer Übertragung maßgeblich beteiligt.

Aus dem Nachwort zu Micheïl Dshawachischwili, »Das fürstliche Leben des Kwatschi K. Ein Gaunerroman«(NORA Verlag 2016)

… In der Entstalinisierungsphase nach dem 20. Parteitag der KPdSU, war Micheïl Dshawachischwili rehabilitiert worden, und nach einem zwei Jahrzehnte dauernden Verbot konnten seine Werke ab Ende der 1950er Jahre erneut georgisch erscheinen, bald auch schon, um 1960, erfolgte wieder eine Werkausgabe. Etliche Werke lagen bereits in russischer Übersetzung vor, der Kwatschi-Roman ausgenommen. Nun, Anfang der 1980er Jahre, unternahm das Kollegium erstmals den Vorstoß, mit einer russischen, vorerst nur im Manuskript vorhandenen Interlinearübersetzung die Schatulle zu öffnen und Kwatschi den Weg in die internationale, natürlich auch russische, Öffentlichkeit zu bahnen, d.h. ausländische Übersetzer, die das Kollegium besuchten, für das Werk zu interessieren. Ein Wagnis: Wie würde man draußen den Roman aufnehmen? Ja, zunächst im russischen Sprachraum! Würde es heißen: Seht, so sind die Georgier?! (Man denke an Tengis Abuladses in den Perestroika-Jahren so beeindruckenden Film Die Reue über den Irrsinn und die Verbrechen der Großen Säuberung, wo manche Reaktion so lautete: »Aha, die Georgier bereuen!«) Aber, so einfach würde es nicht sein. Der Spiegel, den Micheïl Dshawachischwili seinen Landleuten und seiner Zeit vorhält, hat viele Facetten, viele Gesichter blicken den Leser daraus an. Verbirgt sich in dem Roman nicht auch die Umkehrung, der Frust über die Wiedervereinnahmung durch das Großreich? Was dann auch heißen könnte: »So möchtet ihr wohl gern die Georgier sehen!« Nein, eine vereinfachende Eindeutigkeit der Darstellung gibt es nicht. Eben das macht den Reiz dieser Literatur aus. Übrigens: Die russische Verlagsausgabe erschien erst 1999! Kürzlich wurde der Roman auch von dem verdienstvollen Kaukasiologen Donald Rayfield in London übersetzt und herausgegeben.

… Für eine Neuauflage des Romans interessierte mich natürlich, wie georgische Historiker nach 1990 die Situation, in der der Roman entstand, aufarbeiten und öffentlich machen. Dieses Thema untersucht z.B. Giorgi Zizischwili in seinem 2003 erschienenen Buch Die Wahrheit über die nationale Bewegung 1921 - 1923 und Micheïl Dshawachischwilis politisches Leben (georg.). Und Bondo Arweladse veröffentlichte 2001 sein Buch Das Leiden des Micheïl Dshawachischwili (georg.), das die ständige Unterdrucksetzung bis hin zu den Umständen der Ermordung des Schriftstellers beschreibt.

Galaktion Tabidse

Die Adler im Horst, sie schliefen

Aus dem Georgischen nachgedichtet von Kristiane Lichtenfeld

Die Adler im Horst, sie schliefen,

schlummernd auch stand der Eichenhain,

die dunkle Windnacht durchliefen

Schauer von Steinkäuzchenschreien.

Im Horst, die Adler, sie schliefen,

nicht schlummert‘ das arge Geschick,

machte fernab Flammen schießen,

und Feuersbrunst wälzte sich dick.

Ereilte den Wald, der knisternd

wie Korn auf dem Herbstfeld brannte.

Im Horst die Adler, sie schliefen

und träumten, Krieg wär im Lande.

Sengend ins Moos der Wege

wie Glasperlenschnüre Spuren

nahte das Feuer der Gegend,

wo müde die Adler ruhten.

Da fuhren sie aus dem Schlafe -

»Es brennt!« kreischten sie Entsetzen.

»Es brennt!« hallte es rings alsbald.

»Es brennt!« rief der Wald mit Schmerzen.

Die Schwingen, aus dem Horst gereckt,

fasste das Feuer im Spiele.

Mit Schwingen, vom Brande beleckt,

wie weit können Adler fliegen?

Zu Boden im Sturzflug nur mehr -

sehnsüchtig schaun sie die Lüfte,

erschöpft am Aragwi-Ufer

gehn sie, mit hängenden Flügeln.

»Den Adler, verwundet, sah ich

kämpfen mit Raben und Krähen,

auffliegen wollte der Arme

und konnte doch nicht mal stehen.«

1916

Die letzten vier Zeilen zitieren den Beginn des Gedichts Der Adler von Washa Pschawela (1861 - 1915).

Aus: Leonhard Kossuth, »Liebeserklärung an Tbilissi«, Nachwort zu Iosseb Grischaschwili, »Niemals hat der Dichter eine Schönere erblickt«, mit Bildern aus dem alten Tbilissi von Oskar Schmerling, erschienen 2007 im NORA Verlag

… Das Zauberhafte an dem Buch ist, daß all diese Historie nicht Gegenstand von Traktaten ist, sondern unter der Feder des Dichters, Ethnographen, Literaturhistorikers Grischaschwili aus Märchen, Legenden, klassischen Reiseberichten etwa von Puschkin oder Dumas d.Ä., kleinen Szenarien, Porträts und natürlich eigenen Entdeckungen erwächst - »kommentiert« durch zeitgenössische Gedichte, meist von Aschugen (arabisch »Verliebten«), das heißt Volksdichtern und -sängern. In ihren Liedern haben sie - mitunter im Disput - die Sitten und Bräuche, Protestbewegungen, Träume charakterisiert, und in dem Buch tragen sie dazu bei, Tbilissi auch dem deutschen Leser von der Seele seiner Bewohner her zu erschließen. Das gilt für die sich wandelnden Sitten wie etwa die »Mitgift«, für Volksbelustigungen wie das Chansfest »Keenoba« oder den Faustkampf »Kriwi«, in denen sich Unabhängigkeitswille manifestierte und stählte, für die Herausbildung von Zunftordnungen wie nicht zuletzt für die in Liedern zum Ausdruck kommende - gegen die zaristische Selbstherrschaft gerichtete - in den Jahren nach der Niederschlagung der Revolution von 1905 sich zuspitzende »Volksbewegung«.

Bestechend und für den kaukasischen Raum kennzeichnend ist die Unbegrenztheit des kulturellen Einzugsgebiets, zumal nicht nur die Großen der Literatur in historischen Blütezeiten der Poesie gleichberechtigt persisch, georgisch, armenisch, aserbaidshanisch schrieben (so auch Saiatnowa, bedeutender armenischer Aschuge in Tbilissi, 1712 - 1795), was bis heute zu Überschneidungen in der nationalliterarischen Zuordnung einzelner Klassiker führt.

Aus dem Nachwort zu Tschabua Amiredschibis Roman »Data Tutaschchia, der edle Räuber vom Kaukasus«, erschienen 2018 im Alfred Kröner Verlag

Den Namen seines Helden leitet Tschabua Amiredschibi von der megrelischen Mythologie her - Megrelien, das ist eine ans Schwarze Meer grenzende Region im nördlichen Westen Georgiens, etwa das Gebiet der antiken Kolchis, das Megrelische eine dem Georgischen verwandte Kartwelsprache … Mehrere, jeweils die Romanteile einleitende Prologe weisen auf die mythische, vorchristliche Gottheit Tutaschcha und deren moralisch-ethische Qualitäten hin. Vom Namen der Gottheit wird - mit typischer Endung - ia - der megrelisch lautende Familienname gebildet.

Tutaschcha, so erklärt Tschabua Amiredschibi in einem Interview, bedeutet im Megrelischen »Tag des Mondes«, also Montag, und Tuta, das ist der Mond, eine männliche, starke, kämpferische Gottheit, über ihr steht nur noch Mse, die Sonne, die höchste, weibliche Gottheit, Hinweis auf ein uraltes Matriarchat in georgischer Vorvergangenheit. Aus der Figur des Tutaschcha soll später, als das Christentum, bereits im 4. Jahrhundert, in Georgien einzieht, der heilige Georg werden, als Patron Georgiens, dem bis heute Kirchenfeste gewidmet sind, regional durchaus mit Monddarstellungen verbunden. Amiredschibis Tutaschcha allerdings trägt unverkennbar auch Christus-Züge.

Der Griff zu den Mythen, zur eigenen Vorvergangenheit, so scheint es, spiegelt ein Bedürfnis nach Identitätsstiftung, ja, nach stolzer Identitätsbehauptung, nach der Betonung eigener, weit zurückliegender Herkünfte, bei einem so alten Volk und seiner alten Kultur verwundert dies nicht. Man denke dabei an Otar Tschiladses ersten Roman Der Garten der Dariatschangi,(Matthes & Seitz 2014, übersetzt und mit einem Nachwort von Kristiane Lichtenfeld) der auf der antiken Geschichte um Medea, Königstochter aus Kolchis, und das Goldene Vlies aufbaut. Und selbstredend bietet ein solcher Griff - über eine künstlerische Überhöhung hinaus - die Möglichkeit zur Metaphorik in einer Gesellschaft, die eine offene Artikulation nur begrenzt zulässt.

Aus: Alexander Ebanoidse, »›Der Korb‹ ist aus der antiken Tragödie geboren«, Nachwort zu Otar Tschiladses Roman »Der Korb«, erschienen 2018 im Verlag Matthes&Seitz

»Dies war Mut-em-enet, […] eine verhängnisvolle Person«, so beendet Thomas Mann nicht ohne Ironie die erste Beschreibung von Potiphars Weib in seinem berühmten Joseph-Roman. Ehrlich gesagt, ich als Leser hatte erwartet, auch in Medea einer »verhängnisvollen Person« zu begegnen. Tschiladse jedoch schreibt seinen Roman ohne jede Spur von Ironie, vielmehr mit bestechender Ernsthaftigkeit. Voller Liebe, Mitgefühl, Anteilnahme erschafft er eine wundervolle Medea-Figur - ein zartes, blondes, sommersprossiges Mädelchen, das schweigend ihrer Tante, einer kräuterkundigen Heilerin und Zauberin, überall hin folgt. Medeas ganzes Leben ist die Vorbereitung auf jenen einen Schritt, der alles um sie herum verändern, umwälzen, zerstören und sie zu einer der tragischsten Figuren in der Weltliteratur machen wird. Jason, nach der ersten Begegnung mit Medea auf die »Argo« zurückgekehrt, überlegt angestrengt, an wen ihn Aietes‘ jüngste Tochter erinnert. Er geht all die vielen Frauen durch, mit denen ihn das Schicksal bisher zusammengeführt hat. Nein, Medea gleicht keiner von denen. Plötzlich, nicht ohne insgeheim zu erschrecken, begreift er - M e d e a ä h n e l t d e m M e e r! Wie kann dieses zarte, blonde Mädchen dem Meer ähnlich sein? Wir indessen teilen Jasons geheime Ängste und sehen, so wie er, diese bedrohliche, erschreckende und wundervolle Ähnlichkeit. Welch Schmerz, welche Qual und welches Glück, Gefäß für Leidenschaften zu sein, die durch Jahrtausende hindurch Menschen bewegen und der Feder eines Euripides und eines Ovid wert sind! Zu welch unsäglichem Knäuel vermögen sich Unheil und Glück, Liebe und Kummer zu verwirren! Eben eine solche Medea führt uns Otar Tschiladse vor.

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