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Zerstört und vermenschlicht

Best of Menschheit, Teil 42: Naturferne

  • Von Tim Wolff
  • Lesedauer: 3 Min.
Natur: Zerstört und vermenschlicht

Zum mithin Besten, was dem Mensch in den Hunderttausenden Jahren seiner Existenz gelungen ist, gehört, sich aus den unmittelbaren Zwängen der amoralischen, gemeingefährlichen Natur befreit zu haben. Die Sesshaftigkeit und Zivilisierung mag diesem sich aufrecht fortbewegenden, verkopften Säugetier mit den speziellen Pfoten viel Ungleichheit und unzählige dämliche Bünde mit obskuren Regeln beschert haben, doch hat es seinen Grund, weswegen der Mensch lediglich von Vorgeschichte redet, wenn er seine Zeiten vor sich dokumentierenden Zivilisationen meint. Wozu ein höheres Bewusstsein, wenn man damit nichts weiter anfängt, als durch die Savanne zu hopsen, zu fressen und nicht gefressen zu werden?

Nach zähen Ewigkeiten der Herrschaft der Natur über den Sapiens, ging es mit der Umkehrung der Machtverhältnisse vergleichsweise ruckzuck, als der Mensch gelernt hatte, Pflanzen zu hegen, Böden zu manipulieren, Flüsse zu lenken und Tiere zu zähmen. Mit dem Ackerbau kamen die Hütten und Häuser, mit den Hütten und Häusern die Dörfer, mit den Dörfern die Burgen, mit den Burgen die Städte, mit den Städten der beschleunigte Wissensaustausch, mit dem Wissen die Wissenschaft, mit der Wissenschaft die letztlich tödliche Herrschaft über die Natur - also dem Anschein nach keine gute Bilanz, zudem durchzogen von Gewalt, Ausbeutung und jeder Menge Glaubensquatsch. Und doch ist der Kern des Versagens nicht, dass der Mensch fern oder gar wider der Natur zu leben gelernt hat. Er ist nur nicht mehr in der Lage, die seine zu zähmen, die im Kapitalismus so zu sich gefunden hat, dass es kein Halten mehr gibt, egal wie offensichtlich selbstzerstörerisch das ist.

Der Natur fern zu sein, könnte auch bedeuten, ihr nicht alle Reservate zu nehmen, wie es unter anderem die amerikanische Frontier mit den Resten der Menschen gemacht hat, die ans Vorgeschichtliche erinnerten. Aus der Region rund um Tschernobyl, wo sich selbst die Wolfspopulation erholt hat, lässt sich etwa schließen: Die Abwesenheit des Menschen ist naturfreundlicher als die Anwesenheit radioaktiver Strahlung.

Die Wissenschaft, die die Mechanismen zur Ausbeutung und Zerstörung der Natur geschaffen hat, ist auch in der Lage, die Bedingungen zu erahnen, die die Natur zur Selbsterhaltung braucht. Schade, dass sie auch dem unvermeidlichen Primat der Vermarktung nicht entkommen konnte.

Der städtische Mensch (und er ist es auch längst auf dem vermeintlichen Lande), der von der Natur bestenfalls auf geführten Touren etwas mitbekommt und in HD-Fernsehdokus (wo sie Dekoration für gewichtige Altherrenstimmen ist), pflegt, vermutlich weil er von der Allgegenwart seinesgleichen genervt ist, eine dämliche Naturnähe. Er hält seit Jahrtausenden herumgezüchtete Tierimitate wie Hunde und Katzen in seinen engen Steinstapeln, damit er Bildchen entweder des heiklen Umgangs oder der Vermenschlichung dieser Wesen mit anderen teilen kann. Haustiere sind Prostitution und Pornografie des Naturursprungs des Menschen. Und Komplizen der Naturverachtung: Kommen die Haustiere doch mal in die einigermaßen echte Natur, die der Homo sapiens dem Planeten gelassen hat, richten sie Massaker an - wie etwa Katzen unter Singvögeln.

Andere Stadtmenschen verklären esoterisch die Natur - und lassen sich dann nicht impfen. Oder schlucken nutzlose Pillen statt echter Medikamente, weil das »natürlicher« sei. In der Abwesenheit ihrer unmittelbaren Gefahr halten sie die Natur für das, was die letzte Menschenzivilisation nur den reichsten gewähren will: Schutz. Das war sie aber nie. Und wird es auch nicht wieder werden. Denn sie ist vor allem der Verlierer beim sich Totsiegen des Menschen (wenn er sich demnächst kleingekriegt hat, wird sie aber wieder gewinnen).

Die Natur ist weder Freund noch Feind; sie ist ein Begleiter, den man einfach mal eine Weile in Ruhe lassen müsste, verdammt.

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