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  • Berlin
  • Traditionskino Colosseum

Wenn der Vorhang fällt

Eine Ausstellung erinnert an die Geschichte des Traditionskinos »Colosseum«

  • Von Yannic Walther
  • Lesedauer: 3 Min.
Mehr als bloß eine Immobilie: Das »Colosseum« in Prenzlauer Berg in den 90er Jahren.
Mehr als bloß eine Immobilie: Das »Colosseum« in Prenzlauer Berg in den 90er Jahren.

»Wozu brauchen wir noch mehr Büros?«, fragt Mike G. Er ist einer von über 10 000 Menschen, die die Petition für den Erhalt des »Colosseums« unterzeichnet haben. Seine Erinnerungen an das Kino und die anderer Unterstützer sind Teil einer Ausstellung über die Geschichte eines der ältesten deutschen Filmtheater überhaupt. Gut 200 Meter entfernt von der Ecke Gleimstraße und Schönhauser Allee kann man am Zaun der Gethsemanekirche nachlesen, welche Bedeutung es für die Nachbarschaft hat.

»Wir wollten uns mit der Ausstellung bei unseren Gästen bedanken«, sagt Michel Rieck, Betriebsrat der ehemaligen Angestellten. Als nach dem Lockdown am 2. Juli die Kinos in Berlin wieder öffnen durften, demonstrierten sie zusammen mit über 800 Unterstützern vor dem »Colosseum«. Die Betreibergesellschaft des Kinos hatte Insolvenz angemeldet. Mit den ausbleibenden Gästen sei der Weiterbetrieb wirtschaftlich nicht mehr tragbar, begründeten sie den Schritt gegenüber den Beschäftigten. Die hatten daran ihre Zweifel. Wie sie erfuhren, wurde für das »Colosseum« bereits im November vergangenen Jahres ein Bauvorbescheid für ein sechsstöckiges Bürogebäude erteilt. Die Beschäftigten wollten das Kino weiterbetreiben und Profitinteressen nicht weichen.

Dafür bekamen sie viel Zuspruch. Neben Anwohnern setzten sich Kulturschaffende vor und hinter den Kulissen für den Weiterbetrieb ein. In einer Videobotschaft erklärte zum Beispiel der Schauspieler Milan Peschel, dass das »Colosseum« zum Prenzlauer Berg gehöre wie etwa Konnopkes Imbiss oder die Hochbahn in der Schönhauser Allee. »Es ist ein Statement, das sagt: Unser Geld ist wichtiger als ihr«, kommentierte er die Pläne der Eigentümer. Eine Einschätzung, mit der Peschel im Viertel nicht allein ist. Davon zeugt auch die Ausstellung an der Gethsemanekirche. Das Kino sei mehr als bloß eine Immobilie, liest man dort. In ihren Botschaften erinnern sich Anwohner an Kindheitsbesuche oder Treffen mit der ersten Liebe im Kino. »Die riesige Unterstützung hat dafür gesorgt, dass wir so lange am Ball geblieben sind«, sagt Betriebsratsmitglied Rieck.

Dass Rieck noch immer für den Weiterbetrieb kämpft, liegt auch am filmkulturellen Erbe des »Colosseums«. Erst in den 1920er Jahren wurde aus dem ursprünglichen Betriebsbahnhof der Pferde-Eisenbahn AG eine Mischung aus Varieté und Kino. Die Nationalsozialisten stellten den Kinobetrieb kurze Zeit später wieder ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Colosseum dann erneut zu einem Lichtspielhaus und 1957 zum Premierenkino der DEFA. Filme wie der oscarnominierte »Nackt unter Wölfen« liefen hier das erste Mal auf der Leinwand. Als die Treuhand später alle DDR-Kinos zum Verkauf ausschrieb, übernahm Filmlegende Artur Brauner das »Colosseum«. Doch die Erben des im letzten Jahr verstorbenen Filmproduzenten scheint das Kino mit seinen rund 40 Angestellten wenig zu interessieren. Im Zuge des Insolvenzverfahrens hat die von Sammy Brauner geleitete Betreibergesellschaft Ende August die Immobilie an die Eigentümer - also die Erbengemeinschaft von Artur Brauner - übergeben.

Den ehemaligen Beschäftigten fehlen hingegen immer noch Lohnzahlungen, erzählt Rieck. Manche hätten mittlerweile neue Jobs gefunden, andere befänden sich in Umschulungsmaßnahmen. Er selbst lebt von Hartz IV, da seitens der Betreibergesellschaft Unterlagen für seinen Anspruch auf Arbeitslosengeld fehlen würden, wie er sagt. Die Hoffnung, dass das Kino wieder aufmacht, gibt Rieck dennoch nicht auf. Gerade wüssten sie aber nicht, wie es weitergeht. »Die Politik hüllt sich in Schweigen«, so Rieck.

Im Bezirk hatte man sich erst gegenseitig die Schuld dafür zugeschoben, von dem geplanten Bürogebäude zwar gewusst, die Öffentlichkeit aber nicht informiert zu haben. Dann versicherte unter anderem die Bezirksverordnetenversammlung den Beschäftigten ihre Unterstützung. Pankows Bürgermeister Sören Benn (Linke) sprach sich für ein »Haus der Kultur und Kreativwirtschaft« im »Colosseum« aus. Eine nd-Anfrage, ob man sich darüber mit der Erbengemeinschaft in Verhandlung befinde oder ob der Bauantrag für das Bürogebäude bereits eingereicht wurde, ließ Benn bis Redaktionsschluss dieser Seite unbeantwortet.

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