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Mit der Tuba vom Pfarrer zu Mielke

Ein ehemaliger Musiker kümmert sich um die Geschichte des Orchesters im Wachregiment des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.
Das Hauptgebäude der ehemaliegen Stasi-Zentrale in Berlin.
Das Hauptgebäude der ehemaliegen Stasi-Zentrale in Berlin.

Sieben dicke Bände hat Hilmar König auf dem Tisch ausgebreitet. Es ist die Chronik des Orchesters im Wachregiment des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit. Der 84-Jährige hat sie aufbewahrt. Abgeheftet sind Erinnerungsfotos, Programmzettel, Zeitungsberichte und Dankesschreiben aus Betrieben, in denen das Orchester aufgetreten ist.

König war dabei. Ab 1957 diente er im Wachregiment - und spielte im Orchester bis zu dessen Auflösung Anfang 1990 Tuba. Das Tubaspielen hat er im Posaunenchor der evangelischen Kirche gelernt. Ursprünglich wollte König nach einer Schlosserlehre bei der Reichsbahn ein Ingenieurstudium machen und Lokomotiven konstruieren. »Man hat mich überzeugt, die Uniform anzuziehen«, sagt er. Damals gab es in der DDR noch keine Wehrpflicht. Er meldete sich freiwillig für drei Jahre. Und als die um waren, ließ er sich erneut überzeugen: Er blieb im Orchester.

Wenn König über seinen Werdegang spricht, möchte er an seine Musikerkollegen erinnern, denen es nach der Wende oft schlecht erging. Viele mussten sich - wie andere Künstler auch - einen neuen Beruf suchen. König geht es um die Geschichte des Orchesters, über die jemand ein Buch schreiben müsste, solange es noch Zeitzeugen gibt. Es geht ihm auch um die grundsätzliche Frage, ob es richtig war, nach dem Zweiten Weltkrieg ein anderes, sozialistisches Deutschland aufzubauen. »Ja, es war richtig«, sagt König.

Als Kind saß er im Luftschutzkeller, als Bomben die Wohnung der Familie verwüsteten. Der Vater, ein sozialdemokratisch gesinnter Böttcher, der in einer Brauerei arbeitete, war widerwillig in den Krieg gezogen und kehrte später unversehrt heim. Aus voller Überzeugung sei er in die SED eingetreten, weil er, so König, »die Einheit der Arbeiterklasse« herbeigesehnt habe.

Es habe Hilmar König, wie er betont, Freude bereitet, in die strahlenden Gesichter der Leute zu schauen, wenn das Orchester vor Ostsee-Urlaubern auftrat, bei Frauentagsfeiern und Betriebsvergnügen, vermittelt in der Regel durch die Gastspieldirektion - Rundfunk und Fernsehen übertrugen Konzerte. Das Orchester wirkte auch in dem DEFA-Spielfilm »Der Traum des Hauptmann Loy« (1961) mit. König übernahm eine Statistenrolle als US-Militärpolizist. Das gesamte Orchester war für den Spionagefilm in US-Uniformen geschlüpft und spielte Marschmusik.

Im Orchester, das es seit 1952 gab, spielten 50 bis 60 Männer verschiedene Instrumente - nur eine Frau war mit an Bord, sie saß an der Harfe. Von der letzten Besetzung sind 22 Musiker schon gestorben. Einige der Jüngsten sind noch erwerbstätig, die meisten aber Rentner, deren Bezüge wegen DDR-Systemnähe von der Bundesrepublik erheblich gemindert wurden. Dabei waren die Leute keine Geheimdienstler, nicht einmal richtige Soldaten, sondern Musiker. Sie besaßen zwar Offiziersränge, König zum Beispiel war Leutnant. Aber die Umgangsformen seien zivil gewesen. »Dienstgrade spielten bei uns überhaupt keine Rolle«, sagt König. Eine Schießübung im Jahr habe es gegeben, dazu die für Militärmusiker schon im alten preußischen Heer traditionelle Sanitätsausbildung - mehr aber auch nicht.

Zum Repertoire gehörten klassische Stücke, Tanzmusik und fast alle Nationalhymnen der Welt. Denn bei der Amtseinführung von Botschaftern oder beim Empfang von Staatsgästen zog das Orchester mit klingendem Spiel und an der Seite einer Ehrenformation vor das Staatsratsgebäude in Berlin.

Das Orchester produzierte sogar eine Schallplatte mit sämtlichen Nationalhymnen Europas, darunter die bundesdeutsche. Dazu gibt es immerhin eine Anekdote: Ein Oppositioneller soll im Auto durch Dresden gefahren sein und bei heruntergekurbelten Fensterscheiben laut die Westhymne abgespielt haben. Angehalten und zur Rede gestellt, habe er die Schallplatte des Wachregiments vorweisen können.

Die Strafrente empfindet König als ungerecht. Mehrere Hundert Euro im Monat fehlen ihm dadurch. Konzerttickets kann er sich nur selten leisten, obwohl die Musik nach wie vor seine Leidenschaft ist. »Wenn wir schlechte Musik gemacht hätten ...« Aber König weiß, dass unzählige ostdeutsche Arbeiter und Angestellte, die nach 1990 arbeitslos waren oder für Niedriglöhne schufteten, heute ebenfalls geringe Renten erhalten.

König selbst musste jahrelang mit Arbeitslosengeld auskommen, bevor er das Rentenalter erreichte. Zwischendurch hatte er die eine oder andere Mugge; mal reichte die Gage zum Leben, meistens nicht. Für zwei Jahre konnte er ab 1991 im Großen Berliner Blasorchester unterschlüpfen - eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für erwerbslose Musiker. Er traf dort Kollegen vom Wachregiment wieder. Dirigent war Musikdirektor Günter Krause, sein alter Vorgesetzter. Boulevardzeitungen titelten damals »Mielkes Blasorchester spielt ganz neue Töne«. Es sei eine der besten Militärkapellen weit und breit gewesen, hieß es. Aber so neu waren die Töne keineswegs, denn das Repertoire hatte sich nie auf Arbeiter- und Kampflieder beschränkt. Und Auftritte vor Minister Erich Mielke habe es selten gegeben, sagt König.

Im Wachregiment galt der Tubabläser nach eigenen Angaben als kritischer Kopf, der Dinge offen aussprach. Die DDR habe Fehler gemacht, die mit zu ihrem Untergang führten, räumt er ein, die aber auch im historischen Zusammenhang betrachtet werden müssten. Heute geht es ihm darum, Deutschland zu einem besseren Ort zu machen, sich für Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen.

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