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Kollektives Trauma

Ex-Bewohner*innen der »Liebig34« erheben schwere Vorwürfe gegen die Polizei

  • Von Marie Frank
  • Lesedauer: 4 Min.
Viele Nachbar*innen trauern der »Liebig34« nach und fragen sich, wie lange sie selbst noch in dem Kiez wohnen bleiben können.
Viele Nachbar*innen trauern der »Liebig34« nach und fragen sich, wie lange sie selbst noch in dem Kiez wohnen bleiben können.

»Das war nicht nur ein Einsatz zur Räumung, sondern ein patriarchaler Angriff«, sagt Dinah. Die 25-Jährige ist eine von fast 60 FLINT-Personen (Frauen, Lesben, Inter, Trans), die vor knapp zwei Wochen mit großem Polizeiaufwand aus dem queerfeministischen Hausprojekt »Liebig34« vertrieben wurden. Bis zuletzt hatten die Bewohner*innen in dem Haus an der Ecke Liebig- und Rigaer Straße in Berlin-Friedrichshain ausgeharrt. »Punkt sieben Uhr morgens ging es los, wir haben Schritte auf dem Dachboden gehört, die Fenster wurden eingeschlagen, die Türen aufgebrochen, sie kamen von allen Seiten«, erzählt Frieda, die ebenfalls in dem Haus gewohnt hat. Vier Stunden später war dann alles vorbei: Die letzten Personen wurden herausgetragen und das Gebäude dem Gerichtsvollzieher übergeben.

Die beiden Ex-»Liebig34«-Bewohnerinnen sitzen am Boxhagener Platz in Friedrichshain und können immer noch nicht glauben, dass das seit über 30 Jahren bestehende Projekt nun wirklich Geschichte ist. Und mit welcher Brutalität die Räumung durchgesetzt wurde. »Das ist ein kollektives Trauma«, sagt Dinah. »Ich meine, das war ein Schutzraum für Feminist*innen, und dann kommt da ein Haufen Cis-Männer, die sich wie Schweine verhalten und ihre Männlichkeit demonstrieren.« Es seien kaum weibliche Einsatzkräfte vor Ort gewesen. Als sie auf Toilette musste und nicht von einem männlichen Beamten begleitet werden wollte, habe ein Polizist zu ihr gesagt: »Du bist so ekelhaft, dir will ich eh nicht zugucken.«

Die beiden Frauen erheben schwere Vorwürfe gegen die Polizei. »Die waren hyperaggressiv, es gab auch Verletzte«, sagt Frieda. »Eine Person wurde ins Gesicht getreten, andere haben Schmerzgriffe abbekommen.« Auch seien sie sexistisch beleidigt worden. Überhaupt habe sich die Polizei alles andere als professionell verhalten. »Sie haben sich mächtig gefühlt und das auch zur Schau gestellt, indem sie Selfies gemacht haben, nicht nur im Hof, auch auf dem Dach und im Haus«, so Dinah. Die Polizei äußerte sich bis Redaktionsschluss nicht zu den Vorwürfen.

Die vor dem geräumten Haus stolz posierenden Polizisten waren nicht das einzig Verstörende im Zusammenhang mit dem Einsatz. Nach der Räumung geleitete die Polizei interessierte Medienvertreter*innen durch das Haus, die neben den Barrikaden auch Küchen und Schlafräume ablichten durften. Bilder von schmutzigem Geschirr und schmuddeligen Matratzen geisterten anschließend durch die Medien. Für die ehemaligen Bewohner*innen ganz klar ein Versuch der Stigmatisierung und Diffamierung des feministischen Projekts. »Sie versuchen uns wegzunehmen, dass das ein Zuhause war, ein wichtiger politischer Ort. Und sie wollen damit die Gewalt gegen uns legitimieren«, ist Frieda überzeugt. Nicht ohne Erfolg: »Die Rhetorik in den Medien war total antifeministisch, nach dem Motto: Das passiert, wenn Frauen sich organisieren, dann wird halt nicht mal mehr abgespült«, so Frieda. »Es war eine extreme Hetze, die da stattgefunden hat.«

Mittlerweile hat eine vom Eigentümer Gijora Padovicz beauftragte Wachfirma das Haus bezogen und mit der Entrümpelung begonnen. Zur Befriedung trägt das jedoch nicht bei, im Gegenteil: Als eine Frau Anfang vergangener Woche eine Kerze vor dem Haus aufstellen wollte, wurde sie von vier der Sicherheitsleute mit Werkzeugen wie Brecheisen, Schaufeln und einer Eisenstange bedroht. »Es ist fast schon ein Klischee, dass Padovicz da jetzt so einen Schlägertrupp einsetzt, aber solche Methoden sind bei ihm ja nichts Neues«, sagt Dinah über den umstrittenen Immobilienspekulanten, dessen rabiate Entmietungsmethoden von Gruppen wie »Padowatch« immer wieder kritisiert werden.

Die ehemaligen »Liebig34«-Bewohner*innen sind mittlerweile verstreut in Berlin untergebracht und auf der Suche nach einer neuen Bleibe. Als Nächstes wollen sie die vergangenen Ereignisse öffentlich auswerten. Ein erstes Treffen dafür soll es am kommenden Sonntag geben, weitere Möglichkeiten bieten die »United We Fight«-Aktions- und Diskussionstage, die vom 30. Oktober bis zum 1. November in Berlin stattfinden sollen. Die Bilanz fällt bislang gemischt aus: »Vielleicht hatte die Räumung auch was Gutes, weil die Leute jetzt sehen, dass mit Parteien im Kampf gegen Gentrifizierung nichts zu gewinnen ist«, meint Dinah. »Ich frage mich allerdings, wann es endlich mal genug ist. Das war nicht die erste Räumung und wird auch nicht die letzte sein. Eine Woche später kauft Heimstaden halb Neukölln auf - und es passiert trotzdem nichts«, sagt Frieda resigniert.

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