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Anschlag auf das Weltkulturerbe

Mehr als 60 Kunstwerke und Objekte in Berliner Museen und Einrichtungen auf der Museumsinsel beschädigt

  • Von Tomas Morgenstern
  • Lesedauer: 4 Min.
Auch im Neuen Museum (hier rechts) wurden Kunstwerke beschädigt.
Auch im Neuen Museum (hier rechts) wurden Kunstwerke beschädigt.

Die Berliner Museumsinsel, seit 1999 Teil des Unesco-Weltkulturerbes, ist Ziel eines Anschlags geworden. Unbekannte haben am 3. Oktober insgesamt 63 Kunstwerke und weitere Objekte in zwei Häusern des Pergamonmuseums, im Neuen Museum und in der Alten Nationalgalerie beschädigt. Darüber informierte Christina Haak, Stellvertretende Generaldirektorin der Staatlichen Museen zu Berlin, am Mittwoch auf einer improvisierten Pressekonferenz auf dem Kolonnadenhof neben dem Neuen Museum. Eingeladen hatte dazu die Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Kunstwerke und Objekte seien während der Öffnungszeit unbemerkt mit einer »transparenten, öligen, nicht ätzenden Flüssigkeit« besprüht worden, so Haak. »Es handelt sich um den bisher umfangreichsten Schaden an gesammelten Objekten bei den Staatlichen Museen.« Die Höhe sei unklar.

Die Wochenzeitung »Zeit« hatte am Dienstagabend den Vorfall auf ihrer Online-Plattform bekannt gemacht. Es handle sich um einen der umfangreichsten Angriffe auf Kunstwerke und Antiken in der Geschichte Nachkriegsdeutschlands, hieß es in dem Beitrag, in dem zugleich kritisch angemerkt wurde, dass die Öffentlichkeit zwei Wochen lang nicht darüber informiert wurde.

Christina Haak sprach von einem »Akt des Vandalismus«. Über Hintergründe der Tat sowie mögliche Motive gebe es bislang keine Erkenntnisse. An Spekulationen wolle man sich nicht beteiligen. Zuvor hatten verschiedene Medien eine mögliche Verwicklung von Verschwörungsideologen ins Spiel gebracht, die sich am 3. Oktober an Anti-Corona-Demonstrationen in Berlin beteiligt hatten. Einer ihrer Wortführer, Attila Hildmann, habe im August und September auf seinem öffentlichen Telegram-Kanal verbreitet, dass sich im Pergamonmuseum der »Thron des Satans« befinde und es das Zentrum der »globalen Satanisten-Szene und Corona-Verbrecher« sei, erinnerte die »Zeit«.

Die Berliner Polizei habe in Absprache mit der Stiftung und den Staatlichen Museen die Öffentlichkeit aus ermittlungstaktischen Gründen zunächst nicht informiert, erläuterte Carsten Pfohl, der zuständige Dezernatsleiter im Landeskriminalamt (LKA). Man habe Stillschweigen vereinbart, um zunächst das gesamte Ausmaß des Schadens zu ermitteln und zum Beispiel Leihgeber einzelner Exponate unterrichten zu können. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) sei am 4. Oktober in Kenntnis gesetzt worden.

Die Durchsicht der Überwachungsvideos habe noch kein Ergebnis gebracht, sagte Pohl. Nach seiner Einschätzung seien der oder die Täter bei der Beschädigung der Objekte wahllos vorgegangen. Die Tat sei noch während der Öffnungszeiten am 3. Oktober von einer Aufsichtskraft entdeckt worden. Die Museen hätten an diesem Tag für den Zeitraum zwischen 10 und 19 Uhr Tickets für mehr als 3000 Besucher verkauft, darunter 1400 personalisierte Onlinetickets über 654 Mail-Adressen. Wie Pfohl mitteilte, habe die Polizei inzwischen einen Zeugenaufruf gestartet. Zuvor seien bereits jene Besucher angeschrieben worden, die per Mail Tickets bestellt hatten. Zwar gebe es erste Rückmeldungen, jedoch noch keine Hinweise zu den Hintergründen der Tat und möglichen Tatverdächtigen. Derzeit liefen noch die Befragungen des diensthabenden Personals vor Ort.

Wie der für die Sicherheit der Museen Verantwortliche, Hans-Jürgen Harras, erklärte, werde aktuell eine Verschärfung des Sicherheitssystems vorgenommen. Dies betreffe auch die Bestreifung der Museumsinsel in den Nachtstunden. Deren Außenanlagen seien in den vergangenen Monaten, seit der Lockerung der Corona-Regeln, verstärkt vermüllt und wiederholt beschädigt worden. So seien Transparente zerschnitten und Wände und Objekte mit Farbe besprüht worden.

Entsetzt darüber, dass der Vandalismus nun auch in die Ausstellungen getragen worden sei, äußerte sich Friederike Seyfried, Direktorin des Ägyptischen Museums. Die offenbar ziellos erfolgten Attacken hätten ägyptische Sarkophage und Steinskulpturen getroffen. Wie Kriminaldirektor Pohl dem »nd« mitteilte, seien bei dem Versuch, Ölgemälde zu besprühen, glücklicherweise statt der Leinwände jeweils nur die Bilderrahmen getroffen worden.

»Für uns Direktorinnen ist das eine schmerzliche Erfahrung, mit der wir nicht gerechnet haben«, sagte Seyfried. Es seien aus sehr verschiedenen Materialien gefertigte Objekte betroffen. »Nicht in jedem Fall kann man Öl einfach abwischen«, betonte sie. Alle Exponate seien mittlerweile auf Schäden untersucht worden, bei einigen hätten die Restauratoren schon gute Fortschritte erzielt. Bei einem kurzen Rundgang im Ägyptischen Hof zeigte Seyfried Spuren der durch die ölige Flüssigkeit auf ägyptischen Sarkophagen hinterlassen Beschädigungen und erläuterte die Vorgehensweise der Restauratoren bei deren Beseitigung.

Museumsdirektorin Friederike Seyfried erläutert, welche Schäden die Täter an diesem Kalkstein-Sarkophag hinterlassen haben.
Museumsdirektorin Friederike Seyfried erläutert, welche Schäden die Täter an diesem Kalkstein-Sarkophag hinterlassen haben.

Kulturstaatsministerin Grütters verurteilte die Tat. »Neben der reinen Sachbeschädigung zeigt sich bei solchen Angriffen immer auch eine tiefe Verachtung gegenüber Kunstwerken und kulturellen Leistungen insgesamt«, erklärte sie. Die Staatlichen Museen müssten sich Fragen zu den Sicherheitsvorkehrungen stellen lassen; sie habe einen entsprechenden Bericht angefordert.

Kultursenator Klaus Lederer (Linke) zeigte sich schockiert. »Ich habe heute von dem Anschlag auf die Kunstwerke erfahren und bin entsetzt«, teilte er dem »nd« mit. »Mutwillig teils jahrtausendealte Kulturschätze zu beschädigen - aus welcher Motivation heraus auch immer -, macht mich fassungslos. Ich hoffe auf schnelle Ermittlungserfolge der Polizei - und die hoffentlich mögliche vollständige Restaurierung der Schätze.«

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