Straßenszene in Minsk von 1995: Welpenverkauf aus dem Kofferraum eines Schiguli
Belarus

Liebe, Krieg, Konservendose

Eine Verbindung fürs Leben: In den 90er Jahren nach Belarus.

Von Ingo Petz

Eingequetscht zwischen muffigen Militärrucksäcken, Angelruten, Jagdgewehren und Pappkartons saß ich auf der Rückbank eines Schiguli. In den Rucksäcken und Kartons befand sich unser Proviant: Nudeln, Eier, Dosenfleisch, dunkles Brot, Gurken und Tomaten. Und sechs Flaschen Wodka. Am Steuer des Autos saß Mischa, der seine hünenhafte Gestalt ungelenk zurechtbiegen musste, um in den engen Fahrerraum zu passen. Mischa - im Russischen ein Synonym für Teddybär - schwieg, was er eigentlich immer tat, wenn er nicht mindestens zwei, drei Gläschen gehoben hatte.

Für eine Unterhaltung war es ohnehin zu laut. Es schepperte und dröhnte, während wir über den sommerheißen Asphalt rumpelten. Draußen zogen endlose Birkenspaliere vorbei, im Radio röhrte eine Männerstimme schwermütige Sehnsuchtsmelodien. Mein Russisch war nicht gut genug, um den Text zu verstehen. Nur ab und zu erhaschte ich Worte, die ich zu erkennen glaubte: Liebe, Krieg, Konservendose. Auf dem Beifahrersitz saß Wadim. Auch seine breiten Schultern waren nicht für einen Sitzplatz im mobilen Glück des sozialistischen Arbeiters gemacht. Obwohl Mischa sich bemühte, die Schlaglöcher elegant zu umkurven, landete der Wagen immer wieder in einem der Löcher. Der Staub der Straße blies durch die klappernden Fenster in den Innenraum. Wie ein Gummiball hüpfte ich auf der Rückbank auf und ab. Ich musste meine Hand zu Hilfe nehmen, damit mein Kopf nicht ständig an die Decke stieß.

»Was macht ihr denn in der Freizeit, wenn ihr nicht zur Jagd geht?« hatte Wadim ein paar Tage zuvor gefragt, als er am Wohnzimmertisch die Schrotkugeln abwog und ich erklärt hatte, Jagen gehöre nicht zu meinen Hobbys. Dass ich auch noch nie auf einer Jagd gewesen sei. »Noch nie Jagen gewesen«, hatte Wadim kopfschüttelnd geraunt. »Was gibt es Schöneres, als in der Natur zu sein? Scheint ziemlich langweilig zu sein bei euch da drüben!«

Wie alles anfing

»Ich kann dir eine Reise nach Weißrussland organisieren! Du weißt schon, diese ehemalige Sowjetrepublik.« Herr Linden, ein Polizist und Dolmetscher, der mir ein wenig Russisch beibrachte, hatte Kontakte nach Minsk, was mir damals ziemlich dubios erschien. Weißrussland? Ehemalige Sowjetrepublik? Ich wollte bloß in ein Land, in dem man Russisch spricht. Es war 1995, in Köln hatte ich begonnen, die Sprache zu studieren. Aus Neugier. Aus Wissensdurst, den ich nach dem Leerlauf des Zivildiensts verspürte. Aus Lust an den Qualen, die einem Russisch bereitet, bevor man sich in die verworrene Logik des Slawischen hineingedacht hat. Aber auch aus Trotz. Ich würde nicht in den Semesterferien gen Frankreich, Italien oder USA fahren, sondern in die entgegengesetzte Richtung.

Osten! Das klang für einen Wessi wie mich nach Verheißung. Es sollte nach Minsk gehen, in die Hauptstadt der Republik Belarus. Minsk! Allein der Name dieser Stadt gefiel mir auf Anhieb. Ein sanfter Beginn, ein Vokal, dazu kurz betont, harte Endung, eingerahmt von einer nicht zu überhörenden Kantenhaftigkeit. Alles zusammen eindeutig Moll. Moll ist gut. Hart ist gut. Das brachte etwas in mir zum Klingen.

So begann eine Reise, die ich mir in meiner kühnsten Fantasie nicht hätte ausmalen können und die immer noch andauert. Was will man mehr von einer Reise, als dass sie immer weiter Wellen im eigenen Leben schlägt? Vielleicht sogar bis das eigene Herz verstummt. Über die Jahrzehnte habe ich mich mit Belarus ziemlich verheddert. Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft ich dort war. Ich habe als Journalist von dort berichtet. Genau genommen bin ich erst durch Belarus zum Journalisten und Buchautor geworden. Viele Freundschaften sind entstanden, vor allem zu Schriftstellern, Künstlern und Musikern, für die ich Lesungen und Konzerte in Berlin organisiert habe. Meine Frau Alesja stammt aus Belarus. Es sieht aus, als würde ich das Land nicht mehr loswerden.

Der erste Tag in Minsk

Wadim lernte ich am Tag meiner Ankunft in Minsk kennen, in einem Kinderkrankenhaus, in dem er als Medizinstudent arbeitete und in dem Herr Linden mir ein Praktikum verschafft hatte. Das brauchte ich, um mit einer offiziellen Einladung beim Konsulat der Republik Belarus ein Visum für einen Aufenthalt von sechs Wochen zu erhalten. Es war das erste Visum, das ich beantragte, was das Gefühl des Abenteuers verstärkte. Ich weiß noch, wie ich das Visum in meinem Pass anstarrte, diesen kleinen Aufkleber, auf dem ein Wappen und ein Ritter mit einem gezogenen Schwert auf einem fliehenden Pferd zu sehen war. Mit geschwungener Handschrift war auf dem Aufkleber mein Name eingetragen, meine Passnummer und der Zeitraum des Aufenthalts. »Zu uns wollen nicht viele«, hatte der Mann hinter der Glasscheibe der Konsularabteilung gesagt, die sich im Keller eines unscheinbaren Einfamilienhauses in Bonn-Gronau befand, umgeben von stillen Straßen und der Behaglichkeit der alten Bundesrepublik.

Nach der Ankunft in Minsk, auf der Höhe des Staatszirkus, der wie ein riesiges graues UFO wirkte, sah ich zum ersten Mal diesen Boulevard, der die Stadt wie eine kilometerlange Lebensader von Westen nach Osten durchzieht - der Prospekt Franzyschak Skaryna, wie er damals hieß, benannt nach einem umtriebigen Buchdrucker und neugierigen Europareisenden, was ich damals aber noch nicht wusste. Eigentlich wusste ich gar nichts über die Stadt, das Land und seine Geschichte, die so komplex und verwirrend ist, dass man sich darin verlieren kann wie in einem Labyrinth.

Großfürstentum Litauen? Rzeczpospolita? Belarussische Volksrepublik? Wie faszinierend die Geschichte von Belarus ist und wie europäisch in all ihren Katastrophen, Brüchen und Verwerfungen, habe ich erst später erfahren. Wie auch vom Kampf der Selbstbehauptung, den das Belarussische bis heute führt. Ich hatte auch keine Ahnung von der schizophrenen Seele der Minsker, hin- und hergerissen zwischen ihrem sowjetisch-industriellem Erbe, dem überfrachteten ideologischen Überbau einer durchgeplanten Stadt und einer bunten urbanen Vergangenheit, geprägt vom Magdeburger Stadtrecht und einer jüdischen Bevölkerung.

Jeden Tag spazierte ich entlang der breiten Straßen, die nur eine Richtung zu kennen schienen: geradeaus. Ich genoss die Atmosphäre der Stadt, die provinziell und abseitig wirkte. Nach einigen Wochen zog ich zu Wadims Mutter in die Ulitza Wostotschnaja, die Oststraße. Wadim lebte mit seiner Mutter, die ich bis heute Mama Zina nenne, und seinem Stiefvater Mischa in einem dieser Häuser, die meist fünf Stockwerke haben und an Schuhkartons erinnern. Weil sie in Chruschtschows Ära gebaut wurden, nennt man sie Chruschtschowki. Die kleine Wohnung hatte zwei Zimmer mit Küche und einer Toilette, in der ich mich gleich beim ersten Besuch versehentlich einschloss, weil es eine Schließvorrichtung gab, die mir fremd war. Wadim schlief im Wohnzimmer auf einer Bettcouch. Ein eigenes Zimmer hatte er nicht.

Die Last der Geschichte, die tonnenschwer auf Belarus lastet, spielte zwischen uns keine Rolle. Dass Belarus sich in einer bewegten Zeit befand, in der ein junger Präsident sich aufmachte, das Land nach einem kurzen demokratischen Ausflug wieder auf die autoritären Gleise des sowjetischen Erbes zu setzen, erreichte uns nicht.

Auf der Jagd

Nach fünfeinhalb Wochen in Belarus fuhren wir schließlich zur Jagd - im Schiguli. Meine Rückreise nach Deutschland stand bevor. »Du musst zumindest einmal die Natur bei uns erleben«, hatte Wadim gesagt. Wir stellten unser Zelt auf eine feuchte Wiese an einem Fluss, der sich an dieser Stelle wie eine Schlange krümmt. Nackt sprangen wir ins kühle Wasser, während Stiefvater Mischa am Fluss saß und stoisch auf seine Angelschnur starrte. Immer wieder rief er uns heran, um die guten Geister der Jagd zu beschwören. »Za prirodu!« Auf die Natur!

Am nächsten Morgen standen wir noch vor Sonnenaufgang auf. Kühler Morgennebel umhüllte uns, als wir uns auf die Pirsch begaben, ganz leise voran durch hohes Gras und Schilf. Wadim und Mischa jagten Enten, ich schlich ihnen hinterher und bewunderte den Himmel, der sich in der aufgehenden Sonne in einen orangeroten Vorhang verwandelte. Schüsse fielen, Jubelschreie, Lachen. Ein paar Stunden später lagen wir im Gras, mit vollen Mägen und berauschten Herzen, schwere schwarze Wolken zogen herauf, der Geruch von Regen und Gewitter stieg mir in die Nase, erste Tropfen fielen und kühlten meine heiße Stirn. Und Wadim sagte: »Gut, dass du zu uns gekommen bist.«

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