Artenschutz

Sänger vom finsteren Walde

Gibbons sind im Unterschied zu den Großen Menschenaffen kaum erforscht. Extrem gefährdet sind sie jedoch ebenfalls.

Von Michael Lenz

Sie sind die Sänger vom finsteren Walde, die Gibbons. Obwohl sie unsere Vettern sind, sind die Kleinen Menschenaffen kaum erforscht und meilenweit von der Popularität der Großen Menschenaffen wie Gorillas, Bonobos, Orang-Utans und Schimpansen entfernt. Bekannt sind einige ihrer Besonderheiten in der Anatomie, ihre akrobatische Fortbewegung durch die Baumwipfel und ihr Sozialleben als Kleinfamilie. Das vielleicht Bemerkenswerte an den in undurchdringlichen Urwäldern Südostasiens und Chinas heimischen Menschenaffen aus der Familie Hylobatidae ist ihr Gesang, eine bei Säugetieren sehr seltene Eigenschaft.

Für Thomas Geissmann sind die Gibbongesänge das beste Modell für die Entstehungsgeschichte der menschlichen Musik. Der 62-jährige Primatologe am Anthropologischen Institut der Universität Zürich-Irchel ist Gibbonforscher, einer der wenigen auf der Welt. »Alle beobachten die Großen Menschenaffen im Hinblick auf die Evolution des Menschen. Für Gibbons interessiert sich niemand«, klagt der jugendlich wirkende Primatologe bei einem Gespräch in der wegen Corona nicht sonderlich belebten Uni hoch über Zürich. Dort sind die genetisch zu 95,4 Prozent mit dem Menschen verwandten Affen (Schimpansen 98,5 Prozent) immerhin präsent als silhouettenhafte Bilder auf der Außenwand des Museums der Anthropologie, das sich auf »die Spuren unserer Ahnen« begeben hat. Auffallend sind die langen Arme der Gibbons, deren Zweck direkt zur Ursache für das bescheidene Interesse der Wissenschaft an den Tieren führt.

Die je nach Art vier bis zwölf Kilo schweren Affen mit einem dichten Fell, je nach Art in braun, grau oder schwarz, leben nämlich hoch oben in den Baumwipfeln der Regenwälder. Zur Fortbewegung schwinghangeln sich die in 20 Arten vorkommenden Gibbons von Ast zu Ast, von Baum zu Baum. Für diese Bewegungstechnik brauchen die Akrobaten der Lüfte eben sehr lange Arme. Lassen sie sich doch mal auf den Erdboden herab, ziehen sie allerdings den aufrechten Gang vor. Die Baumwipfel verlassen sie aber selten und das macht es mühsam und langwierig, ihre Lebensweise zu beobachten, weiß Geissmann. Dieser Strapaze setzen sich wenige Affenexperten aus, was wiederum dazu führt, dass es kaum Forschungsgelder und damit auch kaum Studenten gibt, die sich den Gibbons widmen wollen. »Die träumen alle davon, die nächste Jane Goodall zu werden«, seufzt Geissmann, der zur Finanzierung seiner Gibbonforschung auf Spenden und die Beiträge der Mitglieder der Gibbon Conservation Alliance (gibbonconservation.org) angewiesen ist. »Die meisten Mitglieder sind aus der Schweiz. Aus Deutschland haben wir noch wenige Unterstützer«, sagt der Gründer der Organisation zum Schutz der Gibbons und zur Förderung der Gibbonbiologie.

Der Lebensweise der Gibbons ist vermutlich auch das Singen, vornehmlich in den frühen Morgenstunden, geschuldet, sind doch im dichten Blätterwald optische Formen der Kommunikation nicht sonderlich effektiv. Die Sologesänge dienen vermutlich der Verteidigung des Territoriums, der Fruchtbäume und des Partners, sind die Gibbons doch monogame Wesen, obwohl, wie Gevatter Mensch, gelegentlichen Seitensprüngen nicht abgeneigt.

Den einfachen Duettgesängen kommen jedoch andere noch Funktionen wie Partnerbewachung oder Paaranzeigen zu, so Geissman. Bei den höchst komplexen Duetten der Siamang-Gibbons könnten zudem paarbindende Funktionen eine Rolle spielen. Über die Duette der Siamangs gibt es eine Studie. »Die ist auch von mir«, betont Geissmann und fügt lächelnd hinzu: »Man muss ja auch Werbung machen.« Zwei Zoos wollten zur Vermeidung von Inzucht Gibbons austauschen. Die beiden Paare hatten komplexe Duette entwickelt. Nach dem Partnerwechsel funktionierten die oft mehrstrophigen Duette nicht mehr. »Sie mussten das über gut zwei Monate neu lernen«, sagt Geissmann, der übrigens selbst gibbonisch singen kann und das auch gerne vorführt. Seine Schlussfolgerung: »Die Paarbildungshypothese trifft zu.«

Es waren einmal in China und Südostasien dichte Wälder voll wundersamer Flora und Fauna wie die Gibbons. Dann verschwanden die Wälder mehr und mehr für die Holzgewinnung, für den Bau von Straßen und Städten, für die Landwirtschaft, zur Ernährung der rasant wachsenden Bevölkerung. Mit den Wäldern verschwanden auch immer mehr Gibbons, die sich nicht in neue Lebensräume zurückziehen können. Das Habitat der Gibbonpopulationen und -arten wird oftmals durch die mächtigen Flüsse Asiens begrenzt, die die Gibbons nicht schwinghangelnd überqueren können.

Gibbons haben auch eine jahrtausendealte religiöse Bedeutung, wie die chinesische Literatur sowie Gibbonbilder und -statuen in Tempeln belegen. Vor allem in den vielen Tausend Gedichten des chinesischen Poeten Li Bai (701−762) tauchen Gibbons immer wieder als Symbol der Verbindung von Mensch und Natur als auch des ewigen Lebens auf. Taoisten glauben, Gibbons könnten mehrere Hundert Jahre leben und sich dann in Menschen verwandeln. Im japanischen Zen-Buddhismus ist das Motiv eines Gibbons, der nach dem Spiegelbild des Mondes im Wasser greift, höchst populär. Dabei hat es in Japan nie Gibbons gegeben.

Im Gegensatz zu den frechen, gierigen Makkaken wurden die sich elegant durch die Baumkronen bewegenden Gibbons von den chinesischen Poeten auch als Jūnzĭ, etwa Gentlemen, der Wälder beschrieben. Die Gier des Oberprimaten Mensch hat aber die noblen, singenden, schwinghangelnden und in der Poesie gepriesen Gentlemen zur am meisten bedrohten Affenfamilie der Welt gemacht.

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