Faschismus

Der kleine Duce aus São Paulo

Die fast vergessene Geschichte des brasilianischen Faschismus.

Von Niklas Franzen

Schon von Weitem muss das dumpfe Stakkato hörbar gewesen sein: Trommelschläge, Schlachtrufe, Marschlieder. In Zweierreihen und Stechschritt marschierten Männer in grün-schwarzen Uniformen durch die Straßen, die Arme immer wieder zum Römischen Gruß in die Luft gereckt. Zehntausende waren am 7. Oktober 1934 nach São Paulo gezogen. Es war eine der ersten Machtdemonstration einer Gruppe, die bald zur größten faschistischen Bewegung außerhalb Europas heranwachsen sollte: die Integralisten.

In seinem jüngst veröffentlichten Buch »Fascismo à brasileira« - Faschismus auf Brasilianisch - zeichnet der Journalist Pedro Doria dieses selbst in Brasilien fast vergessene Kapitel nach. Die Geschichte des brasilianischen Faschismus ist auch die Geschichte eines klein gewachsenen, schmächtigen Mannes aus dem Hinterland von São Paulo. Plínio Salgado war Spross einer wohlhabenden Familie, portugiesische Wurzeln, streng katholisch. Als junger Mann verschlang er Marx und Bakunin, arbeitete für verschiedene Zeitungen, feierte als Schriftsteller erste Erfolge. Politisch sollte er den Marxismus bald hinter sich lassen.

In den 1920er Jahren war Brasilien eine junge Republik, bei Kommunisten, Monarchisten und den aufkommenden faschistischen Bewegungen gleichermaßen unbeliebt. In dem Einwanderungsland brodelte es, immer wieder gab es Aufstände. Und die Ereignisse in Europa blieben nicht folgenlos: 1930 reiste der junge Salgado nach Italien, wo er Benito Mussolini traf. Zwar wurde dem Brasilianer nur eine halbstündige Audienz gewährt, doch das Treffen beeindruckte Salgado zutiefst und festigte seinen Plan: ein faschistischer Staat in Brasilien.

Doch zunächst verlief sein Aufstieg zum brasilianischen Duce mühevoll. Mit seinen Mitstreitern reiste er quer durch das Land: mit Booten über den Amazonas, in Autokarawanen durch das staubige Landesinnere, mit klapprigen Bussen in den europäisch geprägten Süden. Salgado war klar, dass sich sein Projekt nur durch die Mobilisierung der Massen verwirklichen ließe.

1930 kam Getúlio Vargas mit Hilfe des Militärs an die Macht, ein glühender Antikommunist und Nationalist. Zugleich errichtete er das Grundgerüst für einen Sozialstaat, ließ sich als »Vater der Armen« feiern, band Gewerkschaften und große Teile der Arbeiterbewegung geschickt ein. Salgado sah dieses Regime kritisch. Demokratien waren für ihn Relikte der Vergangenheit. Doch pflegte er enge Kontakte zu Vertrauten des Präsidenten und teilte dessen Ideen eines starken, zentralisierten Staates.

Ein geplatzter Marsch auf Rom

Zwei Jahre später gründete Salgado die Ação Integralista Brasileira (Integralistische Aktion Brasiliens, AIB), die als Einheitspartei wie in Italien und Deutschland den Weg in den Faschismus ebnen sollte. Mit spektakulären Aufmärschen, militärischer Disziplin und mythischer Traditionspflege appellierte Salgado an eine Massenbasis. Die grün-schwarzen Uniformen und das eingekreiste Sigma-Symbol wurden zu Erkennungszeichen. Ein aggressiver Nationalismus sollte nach innen die Gesellschaft kitten. Im künftigen Staat des streng katholischen Salgado sollte Religion eine große Rolle spielen.

Doch während sich in Europa viele Weltkriegssoldaten und Teile der Arbeiterschaft für faschistische Parteien begeisterten, waren die Integralisten vor allem eine Bewegung von Intellektuellen der Mittel- und Oberschicht. Arbeiter sahen die AIB häufig kritisch - und leisteten Widerstand.

Jener 7. Oktober 1934 in São Paulo sollte eigentlich zum Triumphzug werden, ein brasilianischer Marsch auf Rom, so schwebte es Salgado vor. Doch hatten antifaschistische Gruppen einen Hinterhalt geplant. Seit Monaten leisteten radikale Linke bewaffneten Widerstand. Dem italienischen Einwanderer Francesco Frola war es gelungen, Stalinisten, Trotzkisten und Anarchisten zur Frente Única Antifascista zu verbünden, zur Antifaschistischen Einheitsfront. Als die Faschisten den zentralen Sé-Platz erreichten, waren plötzlich Rufe zu hören: »Es lebe der Kommunismus!«, »Tod dem Faschismus!«. Dann lösten sich Schüsse. Panik brach aus. Am Ende waren drei Faschisten, ein Kommunist und drei Polizisten tot. In den linken Zeitungen wurden die Faschisten verspottet, die Faschisten galten fortan als »grüne Hühner« - eine Demütigung für Salgado.

Dennoch wuchs die AIB. 1934 zählte die Bewegung 180 000 Mitglieder, 1937 schon über eine Million - bei einer Gesamtbevölkerung von damals etwa 30 Millionen. Es entstanden eigene Schulen, Sportvereine und Ferienkolonien: eine faschistische Parallelwelt mitten im Land.

In Europa sollten schon bald die ersten Synagogen brennen. Und in Brasilien? Gustavo Barroso, die Nummer Zwei der Bewegung, war ein notorischer Antisemit. Insbesondere deutsche Zuwanderer schürten den Hass gegen Juden, auch eine christlich-fundamentalistische Judenfeindschaft fand eine Heimat bei den Integralisten. Dennoch war der Antisemitismus in Brasilien weit weniger prägend als in Europa, in Teilen der AIB sogar verpönt. Auch Rassismus spielte nicht die Hauptrolle, die AIB hatte sogar zahlreiche schwarze Mitglieder - und Salgado bezog sich als Enkel einer Indigenen selbstbewusst auf seine Wurzeln. Der Ausruf »Anauê!« - in der indigenen Sprache Tupí bedeutet das: »Du bist mein Bruder« - wurde gar zum Schlachtruf der Integralisten. Salgado betrachtete den Indigenen als wahrhaften Bewahrer einer brasilianischen Identität.

1935 unternahmen Kommunisten einen Putschversuch, mit Unterstützung der Sowjetunion und der Komintern. Der vom Brasilianer Luis Carlos Prestes und der deutschen Jüdin Olga Benario geplante Umsturz scheiterte kläglich. Die Folge war ein nationales Sicherheitsgesetz, das Aufstände und soziale Proteste mit aller Härte bestrafte. Salgado und seine Integralisten hatten sich mit der Vargas-Regierung arrangiert und traten immer selbstbewusster in Erscheinung. Ihre Aufmärsche waren Alltag in vielen Städten. Salgado träumte von einer Kandidatur für die Wahl im Jahr 1938 - und einer endgültigen Abschaffung der Demokratie sowie der Errichtung eines faschistischen Staates. Doch Vargas hatte andere Pläne. Im Jahr 1938 nutzte seine Regierung eine antisemitische Verschwörungstheorie - den sogenannten Cohen-Plan -, um ihrerseits zu putschen. Es war der Beginn des Estado Novo. Freie Wahlen wurden abgeschafft, eine neue Verfassung eingeführt, Bürgerrechte ausgesetzt. Eine Diktatur entstand - aber nicht die, von der Salgado träumte. Obwohl er in vielen Punkten mit Vargas übereinstimmte - Zentralismus, Antikommunismus, Klerikalismus - gab es erhebliche Differenzen. Vargas setzte weniger auf die Mobilisierung des Volkes, ließ trotz seiner Sozialpolitik die Privilegien der alten Eliten unberührt und hatte keinen ideologischen Unterbau. Salgado verstand sich hingegen als revolutionär, wollte eine neue, faschistische Gesellschaft errichten.

Für Vargas waren die Integralisten nützliche Verbündete gegen die Kommunisten gewesen. Allerdings begannen sie allmählich eine Gefahr zu werden, vor allem weil sie finanzielle Unterstützung aus Nazi-Deutschland und dem Italien Mussolinis erhielten. Vargas, der lange Zeit ebenfalls gute Kontakte zu den faschistischen Regierungen in Europa gepflegt hatte, schlug sich im anbahnenden Weltkrieg auf die Seite der USA. Die Integralisten mussten weg - und der gnadenlose Taktiker Vargas schlug schnell zu. Innerhalb von kürzester Zeit wurde die AIB und ihre Aufmärsche verboten, Razzien in ihren Gebäuden durchgeführt, etliche Integralisten wanderten ins Gefängnis. Die Faschisten hatten dem autoritären Staat nichts entgegenzusetzen. Bei allem militärischen Auftreten hatten sie kaum Erfahrung mit direkten Auseinandersetzungen - und weder Ausrüstung noch Organisierung für eine bewaffnete Konfrontation.

Bolsonaros grünlicher Schimmer

Salgado zog sich zurück, wurde kurzzeitig inhaftiert und musste sich nach Portugal absetzen. Monate später versuchte eine Gruppe von Integralisten und Vargas-Gegnern einen weiteren Putsch. Für mehrere Stunden nahmen sie den Präsidentenpalast ein, standen mit Gewehren vor Vargas’ Schlafzimmer. Doch auch dieser Aufstand scheiterte. Damit war das Kapitel des brasilianischen Integralismus beendet - vorerst zumindest. Denn viele ehemalige Faschisten sollten 1964 beim Staatsstreich gegen den demokratisch gewählten Präsidenten João Goulart mitwirken und Posten in der rechten Militärjunta inne haben, die Brasilien bis 1985 mit eiserner Hand regierte.

Und mehr als 80 Jahre nachdem Salgado und seine Grünhemden durch die Städte Brasiliens marschierten, macht nun ein anderer Politiker aus dem Hinterland von São Paulo von sich reden: Jair Bolsonaro. Der rechtsradikale Präsident mag mit seiner neoliberalen Agenda und seiner grundsätzlichen US-Orientierung in mancherlei Hinsicht eher an Vargas als an Salgado erinnern, doch macht etwa sein Kokettieren mit dem Putsch von 1964 nachvollziehbar, warum auch eine Gruppe eine kleine Renaissance feiern konnte, die für Jahrzehnte vergessen schien: Im Oktober 2019 stand eine Handvoll junger Männer mit grünen Uniformen, den Arm zum Römischen Gruß erhoben, in der Innenstadt von São Paulo - Integralisten. Wenige Wochen später verübte ein Integralist einen Brandanschlag auf eine Produktionsfirma, die einen satirischen Weihnachtsfilm um einen schwulen Jesus gedreht hatte. Im Internet vernetzen sich die Integralisten landesweit. Zwar sind die Gruppen klein und werden von den meisten Brasilianern nicht ernst genommen. Dennoch: Bolsonaros Brasilien hat einen leichten grünlichen Schimmer.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung