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Verrückt oder visionär?

Chronik eines Neuanfangs: Jochen Weichold über das erste Jahr PDS

  • Von Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 3 Min.

Zu den Dingen, an die nun mit 30 Jahren Abstand zu erinnern ist, gehört die Gründung und mühsame Neubesinnung der PDS. Was heute beinahe wie eine historische Selbstverständlichkeit, ja Zwangsläufigkeit erscheinen mag - dass zur wenn auch unerwünschten DDR-Mitgift ans vereinte Deutschland eine Partei links von der SPD gehört -, war damals, mitten im Umbruch, ganz und gar nicht folgerichtig. Der Zusammenbruch der Staatspartei, die inneren Auseinandersetzungen, die aufbrechenden Widersprüche in der angeschlagenen und schließlich entmachteten Einheitspartei, die beginnende Aufarbeitung des Scheiterns, der enorme Druck von außen aus allen politischen Richtungen, die teils anarchische Suche nach einem neuen Selbstverständnis - all dies hätten Zutaten eines grandios-chaotischen Abgangs ins Nirwana sein können.

Insofern ist der Titel der Broschüre »Die PDS in turbulenten Zeiten«, in der die Entwicklung von Ende 1989 bis Ende 1990 nachgezeichnet wird, eine nette Untertreibung. Autor Jochen Weichold hat sich die Mühe gemacht, die rasanten Entwicklungen jenes Jahres akribisch nachzuzeichnen. Er hat eine Unmenge von Fakten und Details zusammengetragen; er bewertet nicht, sondern erfüllt penibel eine Chronistenpflicht. Gerade dieser nüchterne Ton macht deutlich, wie bunt und vielgestaltig der Versuch eines Neuanfangs auf den Trümmern der SED war, wie schwierig und schmerzhaft auch, und wie offen und keineswegs klar die Entwicklung damals verlief. Tausend Ideen und Initiativen gab es, alles musste erst einmal ausgesprochen und ausprobiert werden nach der langen Zeit zentralistischer Bevormundung, auch die größten Verrücktheiten, von denen man zunächst nicht wusste, ob sie tatsächlich verrückt oder vielleicht visionär waren. Jeden Tag neue Probleme und neue Hoffnung, jede Woche eine neue Katastrophennachricht.

Weichold trägt das alles zusammen: all die Aufrufe, Plattformen, Arbeitsgemeinschaften, Aus- und Rücktritte, Fortschritte und Rückschläge. Es ist eine Art zeitgeschichtliches Daumenkino, und man ahnt beim Lesen etwas von Atemlosigkeit jener Zeit, auch von der irren Mischung aus Erschütterung, Überlebenskampf und Ermutigung.

»Die PDS in turbulenten Zeiten« ist in Teilen auch ein Lexikon, denn die von der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgegebene Broschüre enthält einen umfangreichen Dokumentationsteil mit Statistiken, Wahlergebnissen sowie Namenslisten von Vorständen und Fraktionen. Einige der damals Aktiven sind noch immer auf der politischen Bühne zugange, etliche waren seit 1990 über Jahrzehnte in Verantwortung, sehr viele hingegen gerieten in den Wendewirren in die Politik und beließen es bei einer Episode. Wer damals dabei war, wird beim Lesen vieles in Erinnerung rufen können; Nachgeborene bekommen einen Eindruck nicht nur vom Überlebenskampf einer Partei und von der Leistung der Beteiligten, sondern auch von den ersten unsicheren Schritten auf dem Weg zu einer gesamtdeutschen linken Partei.

Jochen Weichold: Die PDS in turbulenten Zeiten. Das erste Jahr der Partei des Demokratischen Sozialismus. Rosa-Luxemburg-Stiftung, 116 S., br., zu bestellen bei der Stiftung, Straße der Pariser Kommune 8 A ,· 10243 Berlin oder online.

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