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Alipay geht an die Börse

Der Betreiber von Chinas beliebtester Bezahl-App könnte bald die wertvollste Aktiengesellschaft der Welt sein

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.

Das chinesische Fintech Ant hat den weltgrößten Börsengang gestartet. Am Montag gab die Gruppe einen Preis von 80 Hongkong Dollar (etwa neun Euro) pro Aktie bekannt. Angeboten werden 3,4 Milliarden Aktien, die Anleger nun bis Freitag ordern können. Der für Anfang November geplante Börsenstart könnte dem chinesischen Konzern dann umgerechnet gut 30 Milliarden Euro in die Kasse spülen. Dies wäre eine Rekordemission, die den Ölgiganten Saudi Aramco noch übertreffen würde, der letztes Jahr etwa eine Milliarde Euro weniger einsammeln konnte. Vergangene Woche hatte die chinesische Wertpapieraufsicht CSRC endgültig grünes Licht für die Emission gegeben. Ant will gleichzeitig im nahen Shanghai und in Hongkong an die Börsen gehen. Zu dem Bankenkonsortium, das den Deal abwickelt, gehört auch die Deutsche Bank.

In Europa ist die Ant Gruppe aus der küstennahen Millionenmetropole Hangzhou kaum bekannt. Das dürfte sich nun ändern. Das Finanztechnologieunternehmen betreibt vor allem Alipay, den dominierenden Bezahldienst in China. Über Apps - kleinen Programmen auf dem Handy - bieten Alipay und seine Untergesellschaften auch Kredite, Versicherungen und Vermögensberatung an. Alipay ist für Chinesen, was für Deutsche das Bargeld ist: Viele zahlen selbst kleinste Beträge am liebsten per Alipay. 1,3 Milliarden Menschen vor allem in der Volksrepublik nutzen nach Firmenangaben mittlerweile den führenden Bezahldienst. Auch in München unterhält Alipay ein kleines Büro.

Mit dem Erlös aus dem Börsengang wolle der Konzern weiter wachsen und seinen Vorsprung als führende Onlinezahlungsplattform in China ausbauen, heißt es in dem am Montag veröffentlichten Börsenprospekt. Beobachter gehen aber davon aus, das Alipay - dem Beispiel anderer chinesischer Konzerne folgend - über kurz oder lang auch international stark expandieren will und dann zunächst auf den lukrativen europäischen Markt drängen könnte. In der EU sind die Gewinnmargen höher als auf dem Heimatmarkt oder in anderen asiatischen Staaten.

Seit zwei Dekaden investieren chinesische Unternehmen verstärkt in aller Welt. Zunächst waren vor allem rohstoffreiche Länder für die Volksrepublik interessant. Denn um seinen rasanten Aufstieg zur Industrienation fortsetzen zu können, ist das Reich der Mitte auf Ressourcen und Energie aus dem Ausland angewiesen. Dabei spielt Geld für Chinas auslandsorientierte Unternehmen eine untergeordnete Rolle, da sie von den eigenen Staatsbanken strategisch unterstützt werden.

Im vergangenen Jahrzehnt eroberten auch chinesische Technikkonzerne westliche Märkte. Das bekannteste Beispiel ist Huawei, das Smartphones und Mobilfunktechnik erfolgreich in die ganze Welt verkauft. Daher steht das Unternehmen auch im Mittelpunkt des Handelskonfliktes, den US-Präsident Donald Trump entfacht hat. Trump hatte im Mai 2019 ein Dekret unterzeichnet, mit dem er einen nationalen Notstand ausrief und Geschäfte zwischen US-Unternehmen und ausländischen Konzernen verbot, wenn sie die nationale Sicherheit der USA angeblich gefährden könnten. Im Visier hat Trump dabei vor allem Huawei und den chinesischen Netzwerkausrüster ZTE.

Für den künftigen Börsenriesen Ant dürfte der US-Markt daher bis auf weiteres unattraktiv bleiben. Die USA wollen den Konzern sogar ebenfalls auf ihre schwarze Liste setzen, berichteten im Oktober Medien. So versucht die Trump-Regierung anscheinend, US-Bürgern eine Teilnahme an dem weltgrößten Börsengang zu verwehren. Washington fürchtet, dass die chinesische Regierung auf sensible Bankdaten von künftigen US-Nutzern von Alipay zugreifen könnte. Wie die Sanktionen gegen Ant genau aussehen könnten, ist bislang unklar.

Ant hat nun einen rechnerischen Börsenwert von über 200 Milliarden Euro und ist damit so viel wert wie Allianz, Bayer, Daimler und Deutsche Telekom zusammen. Der Konzern gehört zum Firmenimperium des Alibaba-Gründers Jack Ma. Alibaba, der Rivale des amerikanischen Versandhändlers Amazon, hält ein Drittel der Anteile an Ant. Außerdem sind namhafte Investoren wie der Staatsfonds Temasek aus Singapur und der Finanzinvestor Warburg Pincus aus New York City an dem Fintech beteiligt.

Die Ant Gruppe hatte lange auf alle nötigen Genehmigungen für seinen Börsengang warten müssen, Gerüchten zufolge wegen möglicher Interessenkonflikte in dem weit gefächerten Netz von Ant. Der Konzern selber gibt sich »grün und nachhaltig«. Technik sei in der heutigen Zeit der größte »Philanthrop«. Anderseits vereinigt der selbsternannte Menschenfreund wie andere dominierende Plattformen eine gewaltige Marktmacht auf sich. Umstritten ist auch, wie nah Ant und der schillernde Großinvestor Jack Ma der Regierung in Peking stehen.

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